Die Kosmologie

Grundsätzlich entspricht das Weltbild des Weges der Einheit der traditionellen chinesischen Philosophie. In diesem Sinnkosmos funktioniert das Universum durch das Wechselspiel von Yin und Yang, zwei gegensätzlichen und einander doch bedingenden Grundprinzipien. Yin steht für die passive, Yang für die aktive Form des Qi, der Lebensenergie und Grundbedingung der materiellen Welt. Die einfache, reine Ausgeglichenheit von Yin und Yang, vor der Entwicklung der Vielfalt, wird in dem bekannten Symbol des Taiji, der ursprünglichen Einheit, dargestellt. Der Kern bzw. der Zustand des Taiji, bevor sich Yang und Yin entfaltet haben, ist das Wuji 无极, der „nichtige Urgrund“. Das Wuji wird mit dem Dao gleichgesetzt, und beide bezeichnen das gleiche natür­liche Sein – oder den natürlichen Sinn.

 

Taiji

 

Einen wichtigen Einfluss auf die Kosmologie der Gemein­schaft stellt der Neokonfuzianismus dar. Der Weg­be­reiter des Neokonfuzianismus, Zhou Dunyi 周敦颐, lebte in der Song Dynastie im 11. Jh. n. Chr. Er beschrieb die Ordnung des Kosmos folgendermaßen:

 

Aus dem Wuji, dem nichtigen Urgrund, wurde das Taiji, die ursprüngliche Einheit. Das Taiji entfaltet sich, und es entsteht das Yang (die aktive Form der Energie), am Höhepunkt der Aktivität kehrt Ruhe ein, aus der Ruhe entwickelt sich das Yin (die passive Form der Energie), am Höhepunkt der Passivität folgt wieder die Aktivität. Aktivität und Passivität bedingen einander. Yin und Yang differenzieren sich, es bilden sich die zwei Pole. Durch Wechselspiel und Zusammenarbeit von Yang und Yin kom­men die Wandlungen Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde zustande. Die fünf Energiezustände bilden ihren Fluss, die vier Jahreszeiten kommen in Lauf. Die fünf Wandlungen sind einmal Yin und Yang, Yin und Yang sind einmal Taiji, das Taiji findet seinen Grund in Wuji. [1] [i]

 

Diese Formulierung des neokonfuzianischen Weltbildes ist verwurzelt in daoistischen Werken wie dem Daodejing des Laozi und dem Yijing, dem Buch der Wandlung. Zwei Zitate aus dem Daodejing wurden ja bereits im vor­herigen Kapitel, im Zuge der Erläuterung des Dao, an­geführt. Dort ist gezeigt worden, wie das Zeichen Dao zur Bezeichnung vom Urgrund vom Yin und Yang benutzt wer­den kann. Davon ausgehend konnte das Dao dem Wuji gleichgestellt werden. Wörtlich bedeutet Wuji die Grenzlosigkeit. Erstmalig zum Gebrauch im Zusam­men­hang mit der Kosmologie ist dieser Begriff im Buch Zhuangzi, dem „Wahren Buch von südlichen Blütenland“, vorgekommen:

 

„Gibt es Grenzen oben, unten und in den vier Him­melsrichtungen?“ … „Außerhalb des Grenzen­losen ist weiterhin die Grenzlosigkeit.“ [2] [ii]

 

Im Yijing, dem Buch der Wandlung, finden wir das Wort Yi 易, anstelle von Dao oder Wuji als Urgrund von Yin und Yang:

 

„Das Yi (die Wandlung) hat Taiji, so entstehen die zwei Pole (Yin und Yang), aus den zwei Polen bil­den sich die vier Bilder (vier Jahreszeiten), aus den vier Bildern die acht Trigramme (acht Natur­erscheinungen: Himmel, Erde, Feuer, Wasser, Berge, Gewässer, Wind, Donner).“ [3] [iii]

 

 

Auch in diesem Text erkennt man den gleichen Schöp­fungsprozess, in Zuge dessen aus einem nicht erfass­ba­ren Ursprung das Taiji und damit wiederum das Yin und Yang entfaltet wurden. Daraus wiederum ent­wickeln sich die weiteren Naturprozesse.

 

Der hier verwendete Begriff Yi 易 heißt wörtlich Wandlung, der Urgrund allen Seins ist also im Yijing nichts anderes als die stete Veränderung. In diesem Kontext gibt es im Buch der Wandlung die folgende besondere Erläuterung:

 

Das Yi ist ohne Denken, ohne Tun, still und regungs­los; intuitiv begreifend durchdringt es wiederum alle Verhältnisse unter dem Himmel; wenn es nicht das Allergöttlichste auf der Welt wäre, wie könnte es so etwas? [4] [iv]

 

Aus dieser Aussage kann man weiters einen alternativen Aspekt des Urgrundes alles Seins hervorheben, nämlich eine Art Gött­lichkeit, die nicht aktiv in die Schöp­fungs­prozesse eingreift und intuitiv, also ohne Gedanken und Handlungen, passiv reagiert und doch überall seine Wirkung einbringt. Diese Wirkung kommt, bezug­nehmend auf die vorherigen Zitate, durch die Kraft des Taiji anhand der Wechselwirkung von Yin und Yang zustande. Diese Aussage ähnelt der Beschreibung für das Dao aus dem Kap. 25 des Daodejing, die wir bereits kennen:

„Da ist Etwas, im Chaos, vollendet, bevor Him­mel und Erde entstanden. Lautlos, leer, eigen­ständig, unwandelbar, überall wirkend, doch uner­schöpflich. Als aller Welten Mutter kann es gelten. Seinen Namen weiß man nicht, als Bezeichnung dafür dient DAO.“[v]                

 

Auch hier wird auf die passive, aber allgegenwärtige Wirkung des Urgrundes alles Seins hingewiesen. Wie gesagt: Dao und Yi sind in diesem Kontext gleichzusetzen. Zusätzlich fällt hier das Wort „Mutter“ auf und gibt dem an sich gefühlslosen Begriff „Dao“ einen menschlichen, matriarchalisch anmutenden emotionalen Bezug. In Verbindung mit dem Begriff „das Ungeborene“ oder „das Unerschaffene“ (无生wusheng), das sind gängige Beschreibungen des Wesens der Buddha-Natur (佛性foxing), entwickelte sich in China im Zuge der Vereinigung der drei Schulen die Bezeichnung „Die ungeborene (unerschaffene) Mutter“ (无生老母wusheng laomu), die als die personifizierte Darstellung des Begriffes Dao oder Wuji verehrt wird. Auch wird diese als „Die Mutter des Wuji (des nichtigen Urgrundes)“ (无极老母wuji laomu) beschrieben. Eine weitere, einfachere Übersetzung nennt sie die „himmlische Mutter“ (老母laomu). Die konfuzianische Bezeichnung dafür ist der „all-erleuchtende Himmelsherr“ (明明上帝mingming shangdi).

 

laomu

 

Trotz dieser Personifizierung werden die gemeinsamen Eigenschaften des ursprünglichen natürlichen Seins, wie sie die drei Schulen darlegten, für diese „Mut­ter“ her­vorgehoben: die Formlosigkeit und die Leere. Aus der Leere und aus dem Formlosen entstehen wiederum alle Formen, alle Emotionen. Das Einheits­prinzip, das die traditionelle chinesische Philo­sophie auszeichnet, er­mög­licht hier die Verbindung der als „Nichts“ def­inierten, leblosen Eigenschaft des Dao mit einer personifizierten gütigen Göttin. Als „Mutter“ wirkt sie „all-liebend und tolerierend“ bei allen Wesen, alle begünstigend, ohne ihnen irgendwie zu schaden. Aus der absoluten Sphäre des Wuji bringt sie die relative energetische Sphäre des Taiji hervor, daraus wiederum die formhafte Sphäre der Materie.

 

Dies alles geschieht ohne Tun, ohne Denken, lautlos und intuitiv. Dieser Prozess der Entstehung des Makrokosmos wird mit der Erschaffung des Menschen als Mikrokosmos verglichen. Zusammenfassend schreibt der 15. Ahnlehrer, Wang Jueyi 王觉一, wie folgt über die Kosmologie[5]:

 

Der Himmel ist unterteilt: in den absoluten, energe­tischen, formhaften Himmel. So auch das natürliche Wesen: in das absolute, das ener­getische, das materielle Wesen. So auch das Herz: in das Dao, das menschliche und das Blut Herz. Daher unter­scheide: unreife, tugendübende, und weise Menschen. So sind das Wissen, die Erkenntnisse, die Errungen­schaf­ten der Menschen verschieden. Absoluter Him­mel, absolutes Wesen, Dao Herz: der absolute Himmel ist das Wahre des Wuji. Bevor Himmel und Erde war, war Wuji. Himmel und Erde vergehen, doch der absolute Himmel schafft sie im­mer neu.

Vor dem Körper war das absolute Wesen. Der Körper stirbt, aber das absolute Wesen wird be­stehen. Das Dao Herz wird uns vom absoluten Himmel zuteil. Erhabene Tugend, das ist das höch­ste Gut. Das menschliche Herz, unberechenbar und gefährlich, wird uns vom energetischen Him­mel zuteil. Das organische Herz wird uns vom formhaften Himmel zuteil.

Im Moment der Geburt – mit dem ersten Schrei tritt die Energie des Taiji ein. Diese Energie wächst, und das Absolute wird klein. Das Kleine kann das Große nicht übertreffen: verfangen in der energetischen An­haftung. Das Bewusstsein öffnet sich allmählich: Essen schmeckt – Formen gefallen, Kontakt mit Materie – anziehend; daher: materielle Bedürfnisse bedecken uns… Absolutes, verdeckt durch Energie. Energie, verdeckt durch Materie. Materie, ver­mischt sich mit Materie.

Absolutes wandelt sich zu Energetischem – wandelt sich zu Materie. Un­wissende kennen nur Materie, verstehen Energie nicht. Tugendübende verstehen Energie, gelangen nicht zum Absoluten. Nicht zum Lernen kommen – das ist verfangen sein im Kleinen, blind sein für das Große. Möchte man vom Kleinen zum Großen – nur durch das Lernen… Lernen – durch das Dao doch wohl?[6] [vi]

 

 

[1] Zhou Dunyi周敦颐, Taiji Tushuo 太极图说, die Erläuterung zum Diagramm des Taiji

[2] Aus dem Buch „Zhuangzi“ bzw. „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Abschnitt „Wandern in Muße“

[3] Aus dem Buch Xici 系辞 (dem Kommentar zu den beigefügten Urteilen) des Yijing, 1. Abteilung, Kapitel 11

[4] Aus dem Buch Xici 系辞 (dem Kommentar zu den beigefügten Urteilen) des Yijing, 1. Abteilung, Kapitel 10

[5] aus seinem Werk „Erläuterung zur Großen Lehre“ 大学解 daxuejie, erschienen im Band seiner gesammelten Werke „Vereinte Erklärung von Prinzip und Zahlen“ 理数合解 lishu hejie

[6] Näheres zum Begriff „Himmel“ bitte siehe Erläuterung im Kap. „Dao“

[i] 无极而太极。太极动而生阳,动极而静,静而生阴,静极复动。一动一静,互为其根。分阴分阳,两仪立焉。阳变阴合,而生水火木金土。五气顺布,四时行焉。五行一阴阳也,阴阳一太极也,太极本无极也。(周敦颐 太极图说)

 

[ii] “上下四方有极乎?……“无极之外,复无极也。” (庄子 逍遥游)

 

[iii] 易有太极,是生两仪,两仪生四象,四象生八卦。(易经 系辞上 第11章)

 

[iv] 易无思也,无为也,寂然不动,感而遂通天下之故,非天下之至神,其孰能与于此。(易经 系辞上 第11章)

 

[v] Siehe Endnote 1

 

[vi] 迨此身之既生也, 地一声,太极之气从而入之,气显理微,微不胜显,则拘于气禀,知识渐开,甘食悦色,交物而引,则蔽于物欲矣。理蔽于气,气蔽于物,物交于物,自理而气,自气而物。愚人只知有物,而不明乎气,贤人明于气,而不达于理,如不从事于学,则囿于小而昧其大矣。当斯时也,欲自小而入大,非学不可学之之道奈何。(理数合解 大学解——大学之道)

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