Anekdote: Die Lehren des jungen Mönchs Xuanzang

Es war einmal ein junger Mönch in einem Kloster. Jeden Tag begann sein Morgen in aller Herrgottsfrühe mit der Reinigung des Klosters. Anschließend musste er bergab zum Markt gehen, um die täglichen Lebensmittel einzukaufen. Nach seiner Rückkehr hatte er noch andere Hausarbeiten zu erledigen und studierte abends bis spät in die Nacht die Sutren. Diese Aufgaben hatte er gemäß den Anweisungen seines Meisters zu erfüllen.

Der junge Mönch stellte jedoch fest, dass die anderen Mönche nicht so einen stressigen Alltag hatten. Sie hatten weniger Hausarbeiten zu erledigen und mussten nicht so lange die Sutren studieren. Zwar gingen sie auch einkaufen, aber sie besorgten nur leichte Dinge aus Märkten nahegelegener Ortschaften, während er stets die schweren Waren vom weit entfernten Markt über zwei Berge und zumeist kurvenreiche und steile Wege tragen musste.

Unzufrieden suchte er den Meister auf und äußerte seinen Unmut. Der Meister lächelte jedoch und antwortete ihm nicht. Am nächsten Tag, als der junge Mönch mit einem schweren Sack Reis auf der Schulter vom Markt zurückkam, sah er den Meister vor dem Kloster stehen. Der Meister wies ihn an, dort zu warten. Gegen Abend, kurz vor Sonnenuntergang, sahen sie die anderen Mönche zurückkehren.

Der Meister fragte sie: „Ich habe euch morgens angewiesen, Salz einzukaufen. Es ist kein weiter, schwerer Weg. Warum seid ihr erst so spät zurück?“

Die Mönche antworteten: „Wir haben den Weg genossen, miteinander geplaudert und die Landschaft betrachtet. Es hat eben so lange gedauert. So machen wir es seit zehn Jahren!“

Der Meister wandte sich dann an den jungen Mönch: „Dein Markt war weit entfernt und der Weg kurvig und beschwerlich. Dazu trugst du eine schwere Last. Wie konntest du dennoch so zeitig zurückkommen?“

Der junge Mönch antwortete: „Da der Weg weit und schwierig war, stellte ich mich von vornherein darauf ein, mich zu beeilen. Durch die schwere Last musste ich sehr achtsam und vorsichtig gehen. Ich konzentrierte mich jeden Moment auf den Weg und ging stets zielgerichtet. Deshalb war ich immer schnell und sicher unterwegs. Diese Gewohnheit habe ich mir in den letzten zehn Jahren angeeignet.“

Der Meister lächelte und sagte: „Ein einfacher Weg kann Nachlässigkeit hervorrufen. Man verliert das Ziel aus den Augen und wird unachtsam. Ein kurviger und schwerer Weg hingegen schärft den Geist und formt ihn.“

Nach einigen Monaten fand im Kloster eine anspruchsvolle Prüfung statt, um jemanden für eine besondere Mission auszuwählen. Geprüft wurden physische und psychische Qualitäten: Kondition, Ausdauer, Willensstärke sowie Wissen und Verständnis der Lehre und Sutren. In allen Prüfungen stach der junge Mönch hervor und wurde für die Mission ausgewählt. Er durchquerte allein die Wüste Gobi und das Himalaya-Gebirge, überlebte zahlreiche Abenteuer und erreichte schließlich Indien, wo er an der berühmten buddhistischen Kloster-Universität Nalanda studierte, wo die meisten bedeutenden buddhistischen Schriften aufbewahrt wurden.

Nach 17 Jahren kehrte er nach China zurück und brachte viele dieser Schriften mit und wurde einer der wichtigsten Übersetzer buddhistischer Texte aus dem Sanskrit ins Chinesische. Dank seiner Arbeit sind viele buddhistische Werke bis heute erhalten geblieben, denn der indische Buddhismus wurde später von Hinduismus und Islam verdrängt und unterdrückt, wodurch viele Schriften verloren gingen. Seine Aufzeichnungen über die Geschichte, Sitten und Bräuche des damaligen Indiens und der Länder zwischen Indien und China gelten heute als wertvolle historische Quellen für die wissenschaftliche Forschung. Er ist der berühmte Xuanzang (602-664). Seine herausragenden Leistungen verdankte er der strengen Erziehung seines Meisters und seiner Gewohnheit, immer zielgerichtet zu sein, jeden Moment achtsam auf den Weg zu achten und regelmäßig die Texte zu studieren.



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