Die Drei Schätze Herzenslehre

Die Praxis der Drei Schätze

 

Die Meister des Weges der Einheit sprechen von der Wandlung des Herzens als Praxis. Und wenn hier die Frage auftaucht, ob es zu dieser sehr allgemein und abstrakt klingenden Aufforderung kon­kretere Angaben gibt, kommt als Antwort die „Drei-Schätze-Herzenslehre“ ins Spiel.

 

Die Drei Schätze werden weiter unten im Einzelnen vorgestellt. Zunächst einmal sollen ihr tieferer Sinn, ihre Stellung in der Gemeinschaft anhand von etwas ausführ­licheren Zitaten der Meister dargestellt werden.

 

Die Drei Schätze Herzenslehre dient der meditativen Versenkung und Herzensschulung in der Tradition der Chan (Zen) Lehre des 6. Ahnlehrers Huineng. Sie sollte nicht nur in der formalen Sitzmeditation, sondern auch in alltäglichen Situationen genutzt werden, um innere Ruhe, Gelassenheit und Klarheit zu gewinnen.

 

Ganz im Sinne der konfuzianischen Lehre besteht die Aufgabe in der Wandlung des Herzens. Diese vollzieht sich im sozialen Umgang; als Richtlinie dienen hierbei die konfuzianischen Klassiker  „Das Große Lernen“ (大学daxue) und „Maß und Mitte“ (中庸 zhongyong). Zusammengefasst kann es so ausgedrückt werden, dass es vorzüglich um die Korrektur der schlechten Launen und der üblen Charakterzüge geht.

 

Ein konfuzianischer Leitsatz bringt die Aufgabe am­bitio­niert so auf den Punkt:

 

„Innerlich zum Heiligen, äußerlich zum König.“

                      (内圣外王neisheng waiwang)

 

Hören wir zu diesem Thema noch etwas ausführlichere Worte von verschiedenen Meistern der Gemeinschaft. So sagt der Erhabene Lehrer Zhang Tianran, der 18. Ahnlehrer, in seinen „Fragen zum Dao“:

 

„Seit der Mensch seinen Körper bewohnt, entfalten sich seine Begierden. Diese repräsentieren die Yin Energie. Sein himmlisches Wesen ist das schöpfe­rische reine ursprüngliche Yang. Man kehrt das Licht zur Selbstbetrachtung um, um mit dem wahren Yang das egoistische Selbst zu ver­wandeln. Im Inneren die Yin Energie zähmen, im Äuße­ren die ungezügelten Handlungen bändigen. Da­durch ein Gleichgewicht schaffen und so durch beständige Übung die große Mitte und Harmonie erlangen.“[i]

 

„Der Mensch im weltlichen Dasein hat viele Ge­danken. Nach außen gerichtet schwimmt man mit dem Strom Richtung Geisterreich. Inwendig gegen den Strom geri­chtet erlangt man die Weisheit, das Dao. Dem Dao Praktizierenden ist geraten, Sinne und Gedanken zurückzuziehen und sich geistig zu sam­meln: dies ist die Rückkehr des Lichtes zur Selbstbetrachtung. Dies bei jeder Gelegenheit zu üben, also Ich und Welt gleicher­maßen zu vergessen, stabile geistige Sammlung aufrechtzuerhalten – dies ist die Methode zum Beenden des Leidens, zum Erlangen der Glückseligkeit.“[ii]

 

„Das Universum ist ein großer Himmel, der Mensch ein kleiner Himmel, anders gesagt ist der Mensch ein kleines Universum. Universum wie Mensch bestehen aus der absoluten, energetischen und formhaften Sphäre. Der Körper ist formhaft, Atmung und flie­ßendes Qi ist energetisch, das Wesen, das den Körper beherrscht,  ist das abso­lute Sein. Das Formhafte des Menschen ist das Formhafte des Universums, das Energetische, das Absolute des Men­schen ist das Ener­getische, Absolute des Universums. Nimmt die energetische Sphäre überhand, so verliert alles seine Harmonie: Jahreszeiten und Klima geraten in Unordnung, das menschliche Herz und die Gesell­schaft verändern sich zum Schlechten, Gefahren und Katastrophen nehmen zu. Geschieht das im Menschen, verliert er seine Mitte, er verliert die Wahrheit aus den Augen und strebt nach Täuschungen, haftet an Begierden und versinkt in Samsara.“ [iii]

 

 

Shizun1

 

 

Der Ahnlehrer Wang Jueyi, der 15. Ahnlehrer, sagt in seiner „Erläuterung der Großen Lehre“:

 

„Das höchste Gut ist das absolute Sein. Das absolute Sein ist der Geist des Nichtsehens/Nichthörens, der Himmel des Tonlosen/Geruchslosen, das Wesen des Nicht­denkens/Nichttuns (Wu Wei). … Formen vergehen, Energie hat ein Ende, nur Absolutes vergeht nicht, hat kein Ende. Göttlich, weise, rund, allerreichend – leerer Geist: lebendig flexibel. Ausgebreitet erfüllt er alle Himmelsrichtungen, eingerollt ist er nicht erfassbar. Still und nichtbewegend kann er füllen und erreichen. Der große Wandel, weise, göttlich, kann durch ihn erreicht werden. Das Tor zum Tugendhaften, der Bereich des Weisen ist durch ihn zu erklimmen.“ [iv]

 

„Die Buddhalehre, sie vermittelt die wahre Leerheit. Die Daolehre, sie vermittelt das wunderbare Sein. Der Konfuzianismus, er reinigt Formen und Töne, um die Leute zu verwandeln, bis hin zum Tonlosen, Ge­ruchslosen, fern von Formen. Vollkommen ohne Ton und Geruch, fern von Ener­gie, fern von Formen und Energie – Erlangen des absoluten Seins des Wuji; … Absolutes Sein des Wuji: ist die wahre Leerheit der Buddhalehre, ist das wundersame Sein der Daolehre; Erlangt man wieder das absolute Sein, kehrt man zum absoluten Himmel des Wuji zurück. Zum Ursprung zurückgekehrt, wieder neu beginnend, fern den Kata­strophen. Katastrophen, sie vernichten nur Materie, können formloses, absolutes Sein, können Göttliches nicht vernichten. Den Himmel öffnen und schließen: der dies vermag, ist der ewig wahre Herrscher. Die dies tun sind die Weisen der drei Sphären.“ [v]

 

„Vom Himmel stammt unser natürliches Wesen, welches jeder Mensch besitzt. Daher: vom Himmel lernen! Lernen bewirkt eine große Wandlung, bewirkt Weisheit, gött­liches Dasein – dies kann erreicht werden. Nicht ler­nen bewirkt Übermut und Ver­blendung, bewirkt gespen­stisches, tierisches Dasein – auch dies kann erreicht werden.“ [vi]

 

 

拈花微笑

 

 

Die Drei Schätze

 

Die Drei-Schätze-Herzenslehre (三宝心法sanbao xinfa) ist also ein wichtiger Grundpfeiler und eine zentrale Praxis­methode des Weges der Einheit. Die sog. Drei Schätze (三宝sanbao) sind:

 

  • Das geheime Portal (玄关 xuanguan)

 

Eine Stelle im Stirnbereich, die während der Einführungs­zeremonie vom Meister mit dem Finger gekennzeichnet wird, wird recht poetisch als das „Tor zum ursprünglichen Sein“ bezeichnet. Hier vollzieht sich die Transmission des „himmlisch natürlichen Sinnes“. Das geheime Portal steht im Bezug zum Sehsinn, daher dient es zur „Umkehr des Augenlichtes zur Betrachtung des natürlichen We­sens des Selbst“ (返觀自性 fanguan zixing).

 

  • Das stille Mantra (口诀 koujue)

 

Ein Mantra von fünf Tönen, die im Chinesischen nicht schriftlich niedergelegt werden können, da es für sie kei­ne Schriftzeichen gibt. Mit dem Segen des Ahnlehrers und der Buddhas und Heiligen versehen, werden sie  als Meditationsobjekt genutzt, um zur Sammlung und Kon­zentration zu verhelfen. Daher wird traditionell gesagt, dass sie auf diese Weise vor negativen Einflüssen schü­tzen. Ein Mantra steht natürlich mit dem  Hörsinn in Be­zug,  daher dient es, analog zu der obigen tradi­tionel­len Erklärung zum Portal und dem Sehsinn, zur „Umkehr der Gehörkraft zum Hören des natürlichen Wesens des Selbst“ (返聞自性 fanwen zixing).

 

  • Die Mudra der Einheit (手印 shouyin)

 

Ist eine Handhaltung, die die reine kindliche Natur und die Rückkehr zur Einheit symbolisiert. Die auf eine spe­zielle Weise zusammengelegten Hände stehen für den Zusammenschluss des Energiekreislaufes von Yin und Yang. Wie oben im Kapitel über die Kosmologie aus­geführt, wird die Vereinigung von Yin und Yang das Taiji genannt. Über das Taiji führt der Weg zurück zum Wuji, welches in der Himmlischen Mutter personifiziert dargestellt wird. So drückt das Mudra der Einheit also ein „Zurück zum Ursprung“ aus.

 

 

Damo

 

 

Die Einführungszeremonie

 

Die Drei Schätze werden in einer feierlichen Zeremonie – der Einführung ins Dao – vom „Einführenden Meister“, dem Dianchuanshi 点传师, an den Schüler übermittelt. Die Voraussetzungen dafür sind seit der Reform der Gemein­schaft ab der neuen Ära vom 17. Ahnlehrers dra­stisch vereinfacht worden und beschränken sich nur noch auf die folgenden Bedingungen:

 

  • die Empfehlung durch zwei „bürgende Tutoren“, die Yinbaoshi引保师, die versichern, dass der Kandidat wür­dig ist, das Dao zu empfangen, und dass das Dao wahr und die Gemeinschaft vertrauenswürdig ist,

 

  • und eine symbolische Spende als Zeichen des Willens zur Erlangung des Dao.

 

Die Zeremonie beginnt mit dem Anzünden der drei göttlichen Lichter am Altar in einem dazu eingeweihten Tempel. Das oberste Licht symbolisiert die „himmlische Mutter“ und den absoluten Himmel (理天 litian)[1], das linke Licht den energetischen Himmel (气天 qitian) und das rechte Licht die materielle Welt (象天xiangtian). Dann werden Opfergaben (Obst, Früchte) dargebracht. Nun folgt eine Schutzanrufung an die himmlische Mutter, an die Buddhas und an die Heiligen, während eine Schriftrolle mit den Namen der Einzuführenden verbrannt wird. Dies hat die symbolische Bedeutung, sich als Schüler der Lehrer im absoluten Himmel zu registrieren. Sodann legen die beiden bürgenden Tutoren ihr Gelübde ab. Nun sprechen die Kandidaten das Gelübde zur Einführung:

 

„Ehrerbietig vor dem Thron des All-erleuchteten Him­melsherrn kniend, ersuche ich heute, mit aufrichtigem Herzen, das große Dao und die wahre Transmission des natürlichen Sinnes  zu empfangen. Da­nach werde ich diese im Herzen bewahren, gewissenhafte Demut üben und mich kultivieren. Wenn ich heucheln, vor Schwie­­rigkeiten zurückschrecken, die Meister be­trügen, Dao Ältere geringschätzen, die Ordnungs­prin­zipien des Dao missachten, die himmlische Botschaft[2] verraten, das Dao nicht entfalten und es nicht nach Kräften fördern sollte, bin ich bereit, mich der Verurteilung von Himmel und Menschen zu unter­ziehen.“[vii]

 

 

傳授

 

 

Diese Zeremonie geht in ihren Grundzügen bis auf die Zhou Dynastie  (11. Jh. v. Chr.) zurück und ist somit über 3000 Jahre alt. Ursprünglich stand sie mit Ritualen zur Ver­ehrung des Himmels und der Ahnen im Zusam­menhang und ist ein seltenes und wertvolles Stück alter chine­sischer Kultur.

Zeremonien haben generell immer die Bedeutung, Re­spekt und Wertschätzung für etwas auszudrücken. So geht es in diesem Zusammenhang eben auch darum, ein Bewusstsein dafür wachzurufen, dass die Drei Schätze des Dao eine authentische, altehrwürdige Tradition ha­ben, und ihre „Echtheit“ zu bezeugen.

 

 

禮儀


 

 

[1] Näheres zu Göttlichkeit, Himmel usw. in diesem Kontext bitte siehe Erläuterungen im Kap. „Dao“ und „Kosmologie“

[2] Gemeint sind hier die „drei Schätze“. Man gelobt damit zur Geheimhaltung derselben.

[i] 人自有体之后,私欲渐生,私心为阴气,天性为干阳,回光返照,就是以真阳而化私阴,内练阴气,外炼僻气内外同时加工,使之平均,勿要过于不及,久而久之,自得大中和矣。(道义疑难解答 54 何为修炼)

[ii] 人在后天,思念是多的,向外思则顺,向内思则逆,顺行为鬼,逆行为道,换言之,放作鬼,收作圣,故劝人学道,则曰回心,回心即回思,回思即回光返照也,一时有闲,若肯收心于这里,人我两忘,一念常存,便是离苦得乐的法则。(道义疑难解答 55 何为回光返照)

[iii] 宇宙是一大天,人是一小天,换言之,人是一小宇宙,宇宙有理气象,人之骨肉和其他形体是象,呼吸和流通周身的气是气,主宰全身的性是理,人之象和宇宙之象相接,人之气与宇宙之气相通,人之性和宇宙之理相通,如果宇宙之气胜于理时,宇宙的万事万物,便失其中和,则迷真逐妄,纵情逐欲,自坠轮回,流浪生死,永无止矣。(道义疑难解答 57 何为天人统体之旨)

[iv] 至善即至理也,至理即不睹不闻之神,无声无臭之天,无思无为之性。斯理也,在天谓之天理,在地谓之地理,在人谓之性理,在物谓之物理,在事谓之事理,文有文理,道有道理,故穷理然后尽性,穷神方能知化(理数合解 大学解——在止于至善)

[v] 佛传真空,道传妙无,儒则扫除声色之化民,如毛之非是,必穷至无声无臭而后矣,已夫如毛非至离象也。声臭全无离气也。离象离气而至于无极之理矣。无极之理,即佛之真空,道之妙有也,复理则还于无极理天,反本复始,而超出劫外矣。盖劫火之灾,灾于有象之物,而不灾无形之理之神,开天收天主之者,无生真宰也。而为之者,三极圣贤也。(理数合解 大学解——古之欲明明德于天下者,先治其国;欲治其国者,先齐其家;欲齐其家者,先修其身;欲修其身者,先正其心;欲正其心者,先诚其意;欲诚其意者,先致其知;致知在格物。物格而后知至,知至而后意诚,意诚而后心正,心正而后身修,身修而后家齐,家齐而后国治,国治而后天下平)

 

[vi] 天者,性之所自出。性者,人人所固有。性既为人人所固有,则天即为人人所当学。学之则大化圣神可从而至,不学则狂妄鬼禽亦可从而至也。(理数合解 大学解——大学之道)

[vii] 虔心跪在明明上帝莲下。今天愿求发一大道、性理真传。求得之后,1诚心抱守,2实心忏悔(修炼),3如有虚心假意、4退缩不前、5欺师灭祖、6藐视前人、7不遵佛规、8泄露天机、9匿道不现、10不量力而为者,愿受天人共鉴。(十条大愿)

%d Bloggern gefällt das: