„Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.“

Herz Sutra – „Form, nicht verschieden von Leerheit – Leerheit, nicht verschieden von Form. Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 10.12.2020

Fangen wir die Erläuterungen zu diesem Satz damit an, dass wir die zwei Begriffe Form und Leerheit jeden für sich betrachten, bevor uns die Beziehung zwischen den beiden interessieren soll.

Form (Rupa) ist die erste der bereits erwähnten fünf Ansammlungen. Es ist gar nicht so einfach, zentrale Begriffe aus der Buddhalehre zu übersetzen. Worte sind vom Weltverständnis und dem Empfinden der Menschen geprägt, die sie benutzen. In diesem Fall nun sind zweieinhalb Jahrtausende vergangen, und das kulturelle Umfeld ist doch erheblich verschieden. Was alles also umfasst das indische Wort „Rupa“? Heute wird bei diesem Begriff gleich an Materie gedacht, da Rupa alles Sichtbare, Gegenständliche, Erfahrbare umfasst. Dies ist nicht direkt falsch. Zum Beispiel ist aber selbst für Aristoteles, der doch das Weltbild und die Begriffe der europäischen Welt unterschwellig tief geprägt hat, die Form eines Gegenstandes (typisches Beispiel: eine Statue) durchaus etwas Geistiges und verschieden von eben der Materie (in unserem Beispiel: der Marmor). In der indischen Philosophie nun spielt Letzteres, die Materie in diesem Sinn, gar keine Rolle. In diesem Kulturkreis gibt es nicht einmal ein Wort dafür. Wenn wir heute Rupa also sofort mit Materie gleichsetzen, würde ein altindischer Buddhist sogar Schwierigkeiten haben uns zu verstehen. Am klarsten wird es wohl sein, unter Rupa dasjenige unter den fünf Ansammlungen zu verstehen, was man sehen bzw. wahrnehmen kann. Die Ausdrucksweise der Buddhalehre geht immer von den Erfahrungen und von den Erlebnissen der Menschen aus, sie ist sozusagen existentiell. Eine aus dem theoretischen abstrakten Nachdenken kommende Unterscheidung zwischen „Materie“ und „Geist“ oder „Seele“ spielt hier keine Rolle. Geistiges kann auch zum formhaften Bereich zählen.

Mit der Leerheit (Sanskrit: Shunyata; Chinesisch: 空kong) kommt ein weiterer Begriff ins Spiel.

Wann sagt man üblicherweise: „Etwas ist leer“? Ein leeres Bierglas kann wohl jeder von einem vollen unterscheiden. Und wenn gesagt wird, dass auf einer Konferenz viele leere Worte gemacht wurden, bereitet das auch wenig Verständnisschwierigkeiten. In beiden Fällen sind die „Träger des Wesentlichen“ da, es fehlt nur das, wozu sie da sind: Bier im einen und sinnhafte Bedeutung im anderen Fall. Leere Worte und Gläser sind nicht dasselbe wie gar keine Worte und Gläser! So gebraucht auch der Buddha den Begriff Shunyata (Sunnata in Pali) und stellt die trügerische Festigkeit, in Wahrheit jedoch Entleertheit aller Phänomene, dar. Ein paar Gedankengänge aus den Lehrreden Buddhas[i] helfen vielleicht Shunyata zu verstehen: Was macht etwa einen Wald zum Wald, ein Dorf zum Dorf? Sicher keine „Waldheit“ oder „Dorfheit“, sondern offensichtlich: Bäume, Wege, Unterholz, Häuser, Ställe, Menschen… Diese Phänomene, die mit den Phänomenen „Wald“ und „Dorf“ an sich ja nichts zu tun haben, lassen sich aber wiederum genauso zerlegen. Das geht bis zu subtilen Kategorien wie „Raum“, „weder Raum noch Nichtraum“, den „vier Manifestationen“ (Sanskrit: Dhatus, oft ungenau als Elemente oder Grundstoffe übersetzt)“ usw. Wo bleibt nun das Dorf und der Wald? So kann einem aufgehen, was Leerheit ist. Formen existieren nur bei Zusammentreffen von bestimmten Bedingungen. Sie haben also keine unabhängige Identität, kein Selbst und sind also leer, eine Illusion. 

Aber die Leere ist eben nicht „nichts“ oder „nicht-existent“, d. h. man darf  wiederum nicht in die Falle des Nihilismus fallen. Von der Form und der Leerheit sagt der Bodhisattva im Herz Sutra nun, dass sie identisch sind. Wenn man sich an den Skandhas anhaftet, zieht einem diese Aussage wieder den Boden unter den Füßen weg. Man empfindet sie vielleicht gar als empörend, als Angriff? Die Leerheit als substanziell oder als nichtexistierend aufzufassen, wären beides Vorstellungen, die den Weg zur Befreiung blockieren. Mit unserem Satz, den wir gerade behandeln, wird beiden die Grundlage nachhaltig entzogen. Auch der indische Meister Nagarjuna macht uns eindrücklich darauf aufmerksam: „Leerheit, falsch verstanden, zerstört den träge Denkenden, wie eine Schlange falsch angefasst […]“ [ii]

Unser Satz „Form, nicht verschieden von Leerheit – Leerheit, nicht verschieden von Form. Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.“ sagt nun aus, diese beiden Begriffe seien dasselbe. Also eigentlich: Die Formen, die uns umgeben, seien leer ohne „etwas dahinter“ oder „etwas darin“, nämlich ausgeleert. Im Zustand der Prajna Paramita sind sie einfach, was sie sind. Unsere Anhaftungen und unsere karmischen Voraussetzungen verleiten uns dazu, dass wir etwas „für wahr nehmen“, also geistig etwas ausführen.

Chan-Meister Hanshan Deqing (1546-1623) schreibt zu unserer Stelle:

„Die Lehre von der Form, die sich nicht von der Leerheit unterscheidet, hatte das Ziel, den Glauben der Menschen zu zerstören, ihre Persönlichkeit sei von Dauer. Diese Menschen meinten, ihr physischer Körper sei wirklich und beständig, und sie planten für ein Jahrhundert im Voraus, ohne zu erkennen, dass der Körper unwirklich und nicht-existent ist, von Augenblick zu Augenblick ohne Unterbrechung bis zum Tod den vier Wandlungen (Geburt/Krankheit/Alter/Sterben) unterliegt und also unbeständig genannt werden muss. […]

Als der Buddha sagte „Leere unterscheidet sich nicht von Form“ war seine Absicht, das Konzept der Auslöschung zu zerstören. […] [Die Anhänger dieses Konzepts] erkannten nicht, dass der physische Körper durch Karma und dieses Karma wiederum vom Herzgeist erschaffen wird, was zu einer ununterbrochenen Bewegung des Lebensrades in den drei Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) führt. Sie begriffen das Prinzip der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung in den drei Zeiten nicht und hegten die Ansicht, dass nach dem Tode reiner Dunst zum Himmel, unreiner Dunst zur Erde und das spirituell wahre Wesen ins leere All zurückkehrte. Würde dies stimmen, dann gäbe es kein Gesetz der Vergeltung, gute Taten wären vergeblich und üble Taten brächten Nutzen […] Was wäre das für ein Unglück!“[iii]

Weiters sagt Hanshan:

„Diese haben nicht erkannt, dass die drei Daseinsbereiche (sinnhaft, formhaft, formlos) vom Herzgeist allein geschaffen sind und alle Dinge vom Bewusstsein erzeugt werden. […] Sie halten diese Welten der Existenzen für Gefängnisse und sind […] der (Wieder-)Geburt abgeneigt, die sie für wirkliche Fesseln halten. Sie verschwenden nicht einen Gedanken an die Befreiung der Lebewesen, bleiben in der Leere versunken und stagnieren in der Stille. Da sie von Ruhe und Auslöschung verschlungen sind, sagt der Buddha zu ihnen: Leere unterscheidet sich nicht von Form.“ [iv]

Er spricht hier also die Gefahr an, in dualistischer Weise eine „höhere, reinere Welt“ von einem „banalen, alltäglichen, schmutzigen und schlechten weltlichen Leben“ zu unterscheiden. Ersteres zu ersehnen und Letzteres abzulehnen ist leider eine sehr häufige Sackgasse. Im folgenden Zitat geht Hanshan Deqing mehr auf die Konsequenzen der richtigen Ansicht für die Übung ein:

„Der Buddha war besorgt, dass Weltliche die beiden Worte Form und Leere für zwei verschiedene Dinge halten und in ihrer Kontemplation keinen unparteiischen Geist haben könnten. Er setzte daher Form und Leere miteinander gleich. Bei rechter Kontemplation und der nachfolgenden Erkenntnis, dass Form nicht verschieden von Leere ist, wird es keine Gier mehr nach Tönen, Form, Reichtum und Gewinn geben. […] Wenn Form und Leere als identisch erkannt werden, wird in diesem Zustand universeller Soheit die Befreiung von Lebewesen nicht mehr als solche gesehen, obwohl man jeden Gedanken der Erlösung jener Wesen widmet, und es wird keine Buddhafrucht mehr zu erlangen sein, obwohl sich der Herzgeist ganz der Suche nach Buddhaschaft verschrieben hat. Dies ist die Vervollkommnung des einen Herzgeistes ohne einen Gedanken an Weisheit oder Gewinn. Es handelt sich um einen Sprung über die Bodhisattva Stufe auf die Stufe Buddhas. Dies ist das andere Ufer.“ [v]

Ziehen wir dazu noch Worte vom Ahnlehrer Huineng aus dem Podiumsutra heran:

Du sollst wissen, die verblendeten Menschen sehen die fünf Ansammlungen als die eigene Körperform an, die sie getrennt von allen Phänomenen, welche als äußere Objekte betrachtet werden, ansehen. Daher lieben sie das Leben und verabscheuen den Tod. Getrieben vom Fluss der Gedanken erkennen sie nicht, dass diese illusorisch und trügerisch sind, und geraten bedauerlicherweise in den Kreislauf [des Leidens]. Gerade die beständige Glückseligkeit des Nirvana betrachten sie aber als Leiden, tagtäglich rasen und streben sie unaufhörlich [nach weltlichen Angelegenheiten].[vi]

Aus Mitgefühl führte der Buddha die wahre Glückseligkeit des Nirvana vor: augenblicklich ohne Form des Entstehens, augenblicklich ohne Form des Vergehens, es gibt auch kein Entstehen und Vergehen, das beendet werden kann. Wenn es so ist, manifestiert sich die stille Erlöschung, die ohne Maß ist. Es heißt die beständige Glückseligkeit. Weder gibt es jemand, der diese empfindet, noch gibt es jemand, der diese nicht empfindet. Gewiss kann man sie nicht als „eine Substanz mit fünf Wirkungen (fünf Ansammlungen)“ bezeichnen. Schon gar nicht ist die Rede davon, dass das Nirvana alle Phänomene unterdrückt und fesselt, sodass sie nie mehr entstehen. Dies wäre eine Verleumdung der Buddhalehre.[vii]

Runden wir den Beitrag wieder mit einem Zitat des Erhabenen Lehrers ab:

Wir sprechen immer von der kontemplativen Selbstbetrachtung. Haben wir aber erkannt, dass die fünf Ansammlungen leer sind? Die Weisen sehen in der Form die Leere und in der Leere die Form. Das sind Buddhas Worte, aber nur die Weisen erfahren diesen Zustand. Die Weltlichen sehen Form als Form, Leere als Leere, nicht wahr? Die Menschen fixieren sich auf das Formhafte. Sie sehen Form als Form, Leere als Leere, das ist leblos und leer ohne Weisheit. Die Weisen betrachten sich selbst mit der Weisheit. Das schaffen die normalen Weltlichen nicht. Die Weltlichen hegen Sinnregungen bei jedem Umstand. Der Geist wird also von den Umständen beeinflusst. Wenn der Geist es nicht schafft, die Umstände zu verwandeln, dann wird er von den Umständen kontrolliert. Schafft man es, die Umstände im Geist zu verwandeln, wird man nicht mehr von ihnen befleckt. Das heißt Erlösung und Freiheit.[viii]

Hat man diese Leerheit begriffen, dann sind auch sämtliche Anhaftungen des Geistes an den Formen genauso leer. Damit kommt das Herz Sutra zu den restlichen vier Ansammlungen, die zusammen mit Form die Wirklichkeit des Menschen ausmachen:

„… Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung, Bewusstsein sind ebenso.“

(Fortsetzung folgt)


[i] In der Mittleren Sammlung finden wir die beiden Lehrreden über „Leerheit“ Majjhima Nikaya Nr. 121 und 122.

[ii] Dies stammt aus dem Mulamadhyamakakarika (den „Lehrversen über die mittlere Lehre“ des Nagarjuna), es ist der 11. Vers des 24. Kapitels „Analyse der edlen Wahrheiten“.

[iii] Übersetzung von Guido Keller, Angkor Verlag, mit leichter Veränderung durch die Redaktion; Chin. Originaltext: 而言色不異空者。此句破凡夫之常見也。良由凡夫但認色身。執為真實。將謂是常。而作千秋百歲之計。殊不知此身虛假不實。為生老病死四相所遷。念念不停。以至老死。畢竟無常。終歸於空。此猶屬生滅之空。尚未盡理。良以四大幻色。元不異於真空耳。凡夫不知。故曉之曰色不異空。謂色身本不異於真空也。空不異色者。此句破外道二乘斷滅之見也。因外道修行。不知身從業生。業從心生。三世循環。輪轉不息。由不達三世因果報應之理。乃謂人死之後。清氣歸天。濁氣歸地。一靈真性還乎太虛。苟如此說。則絕無報應之理。而作善者為徒勞。作惡者為得計矣。以性歸太虛。則善惡無徵。幾於淪滅。豈不幸哉。http://taolibrary.com/category/category14/c14023.htm

[iv] 然二乘雖依佛教而修。由不達三界唯心。萬法唯識。不了生死如幻如化。將謂三界之相以為實有。故觀三界如牢獄。厭四生如桎梏。不起一念度生之心。沈空滯寂。淪於寂滅。故曉之曰空不異色。http://taolibrary.com/category/category14/c14023.htm

[v] 又恐世人將色空二字話為兩橛。不能平等一如而觀。故又和會之曰色即是空空即是色耳。苟如此觀。知色不異空。則無聲色貨利可貪。亦無五欲塵勞可戀。此則頓度凡夫之苦也。苟知空不異色。則不起滅定而現諸威儀。不動本際而作度生事業。居空而萬行沸騰。涉有而一道清淨。此則頓超外道二乘之執也。苟知色空平等一如。則念念度生不見生之可度。心心求佛不見佛果可求。所謂圓成一心無智無得。此則超越菩薩而頓登佛地彼岸者也。http://taolibrary.com/category/category14/c14023.htm

[vi] Podiumsutra Kap.7, übersetzt von Mingqing Xu und Alexander Maurer; chinesischer Originaltext:《六祖坛经 机缘品》汝今当知。佛为一切迷人认五蕴和合为自体相。分别一切法为外尘相。好生恶死。念念迁流。不知梦幻虚假。枉受轮回。以常乐涅槃。翻为苦相。终日驰求。

[vii] Podiumsutra Kap.7, übersetzt von Mingqing Xu und Alexander Maurer; chinesischer Originaltext:《六祖坛经 机缘品》佛愍此故。乃示涅槃真乐。刹那无有生相。刹那无有灭相。更无生灭可灭。是则寂灭现前。当现前时。亦无现前之量。乃谓常乐。此乐无有受者。亦无不受者。岂有一体五用之名。何况更言涅槃禁伏诸法。令永不生。斯乃谤佛毁法。

[viii] 活佛师尊慈语: 虽然说是修道我们有时时刻刻都在观自在菩萨吗?我们有照见五蕴皆空吗?人家圣人色即是空,空即是色,这是圣人佛祖讲的话是没有错,这是圣人才有这样的境界。但是我们凡人没有这样的境界,凡人色即是色,空即是空,有一样吗?

人只能够在形象表面上造作而已,在凡人的眼里色即是色,空即是空,里面没有生机,是空空洞洞,没有智慧可言,然而圣人的观自在菩萨是用智慧在反自己,这是凡夫俗子无法做到的事情,凡人只能见境生心,心被境所转,心不能转境,你就被境所转,若能转境转心,即不被心境所染,即名解脱自在。

<– „Sariputra“

„… Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung, Bewusstsein sind ebenso.“–>



Kategorien:Herzsutra 心经

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