Praxis

Güte – der Geist des Maitreya

Als Ahnlehrer der Gemeinschaft Weg der Einheit wird der Buddha Maitreya verehrt. Wenn wir nun ein wenig ausführlicher darüber sprechen, was diese Gestalt im chine­sischen Kontext traditionell repräsentierte, wird der Sinn und das Ziel der Praxis deutlich.

Bereits in den Lehrreden des indischen Pali Kanons sp­rach Gautama Buddha von vergangenen und zu­künftigen Buddhas und bezeichnete den nach ihm das „Rad der Lehre“ in Gang setzenden „Lehrer der Men­schen und Götter“ als Metteya. Das Pali Wort Metta, von dem der Namen abgeleitet ist, hat die Bedeutungen Güte, Wohlwollen, uneigennützige Liebe, Altruismus, freund­schaftliche Gesinnung (die Wort­wurzel im Sanskrit bedeutet „Freund“), englisch „loving kindness“ oder besser „benevolence“; es bezeichnet also eine be­schützende, helfende, wohlwollende Einstellung zu allen Wesen. Damit ist das Wesen des Ahnlehrers – unseres Ideals und Vorbilds – eigentlich schon perfekt be­schrieben.

In China wurde der zukünftige Buddha die populäre und beliebte Gestalt des Mi Le 弥勒, unverkennbar mit seinem dicken Bauch, fröhlichen Lachen und geschulterten Stoffsack. Dieses Äußere, bekannt von zahllosen Statuen und Bildern, bezieht sich auf eine Inkarnation Mi Les in der späten Tang Dynastie.  Er wird beschrieben als vaga­bundierender, unkonventioneller buddhistischer Mönch, der­ den Menschen mit spontanen, unortho­doxen Metho­­den in ihren Nöten beistand und ihnen zum Er­wachen verhalf.

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Zu erwähnen ist sein fester Entschluss als Bodhisattva, uneingeschränkte Metta zu praktizieren. Dazu gehört für ihn auch eine vegetarische Ernährung, denn: „das Fleisch meiner Mitwesen ist von meinem Eigenen nicht ver­schie­den“.  Ein Aspekt, der in einer industriellen Wohl­stands­gesellschaft mit Massentierhaltung und viel zu hohem Fleischkonsum wohl bei vielen Menschen offene Ohren findet.

Seine Attribute werden traditionell so ausgelegt: Der große Bauch verdaut die Nöte und Leiden der Wesen, das Lachen symbolisiert die Befreiung, der Stoffsack kann ge­schultert werden wie die Verpflichtungen und Auf­gaben der Menschen – aber auch abgelegt kann er werden, wie Sorgen und Lasten – wie letztlich überhaupt die Illusion eines eigenen isolierten Ich! Diese populäre Gestalt des chinesischen Buddhismus ist also der große Ahnlehrer der Gemeinschaft des Weges der Einheit und somit deren Ideal und Vorbild. Seinen Geist, seine Haltung will man in der Welt verbreiten helfen.

Bodhicitta – der Geist des Erwachens

Das Äquivalent zur Metta in den Mahayana Traditionen ist die Bodhicitta (菩提心 putixin) – der Geist des Erwachens, der Wesenskern des Mahayana überhaupt. Diese Ein­stellung wird im chinesischen Buddhismus als der Weg des Bodhisattva bezeichnet – das Bewusstsein dafür, dass der Mensch ein gemeinschaftliches Lebewesen ist und niemand nur für sich ein spirituelles Ziel er­reichen kann, indem er sich von der Welt abwendet. Beiläufig er­wähnt ist die Vorstellung, für sich selbst allein Erwachen („Erleuchtung“) zu erlangen, in einem tieferen Sinne sowieso ein (semantisches) Miss­verständnis.

Es wird also klar ersichtlich, dass die Praxis des Weges der Einheit eine dezidierte Laienpraxis ohne Rückzug aus Welt und Gesellschaft ist. Sie soll sich im Gegenteil gerade in der alltäglichen Teilhabe am gewohnten Leben bewähren.

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Die sechs Paramitas – der Weg des Bodhisattva

Ein Einstieg in die persönliche Wandlung ist das Einüben der aus dem Mahayana bekannten sechs  Paramitas (六度波罗蜜 liudu boluomi):

  1. Dana (布施 bushi)  – das Geben, die Freizügigkeit, das Teilen
  2. Sila (持戒 chijie) – die Tugend, taugliche Verhaltensweisen, sie beinhalten im Einzelnen:

–  Das Abstehen von Gewaltsamkeit und Töten, das Nicht­verletzen der Mitwesen;

–  Weiter das Nichtnehmen des Eigentums anderer, auch von öffentlichem Eigentum;

–  Des Weiteren sollen bestehende Beziehungen ge­achtet werden und generell mit der Sexualität ver­antwortlich umgegangen werden.

–  Dann soll auch mit der Sprache achtsam um­gegangen werden, dazu gehört nicht nur das Absehen von fal­scher Rede, auch verletzende, Zwietracht stiftende und geschwätzige Rede sollten vermieden werden.

–  Schließlich sollten Genussmittel, die den Geist trüben und nach­lässig machen, im Interesse der für die obi­gen vier Silas nötigen Achtsamkeit im Alltag ver­mieden werden.

  1. Ksanti (忍辱 renru) – Duldsamkeit oder Geduld, sowohl im Sinne von „Ausdauer haben“ als auch von „etwas ertragen können“.
  2. Virya (精进 jingjin) – Energie oder Anstrengung, Krafteinsatz, zuversichtlicher Mut (das Sanskrit Wort ist übrigens mit dem lateinischen Wort „Virtus“ – Männlichkeit, Tatkraft, soldatische Tugend verwandt)
  3. Dhyana (禅定 chanding)-  Versenkung, die Krone der meditativen Samadhi Praxis (aus dem Sanskrit Wort wurde, über die Zwischenstation China, der japa­nische Begriff Zen)
  4. Prajina (般若 bore)– Weisheit, nicht im weltlichen Sinne, wie etwa „viel wissen“, sondern – als Frucht des Samadhi – tiefe Einsicht, „wie es ist“.

Wer sich von diesen Ansprüchen eingeschüchtert fühlt, sollte bedenken, dass es sich ja um einen WEG, hin zu einem Ziel, handelt. Die sechs Paramitas gelten als der Weg des Bodhisattva, der direkt zum Buddhatum führt. Die Ver­vollkommnung dieses Weges kennzeichnet wohl einen Meister, gar einen im Buddhawesen Vollendeten.

Der Weg ist keineswegs einfach, aber wie es im Daodejing so schön heißt: „Der Weg von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“. Mit der Einführung ins Dao hat man die beste Basis dazu geschaffen. Der Samen zur Voll­endung des Buddhawesens ist schon im Geiste jedes Eingeführten gesät. Man muss diesen nun gut düngen und pflegen, und ihn behutsam wachsen und heranreifen lassen. Ist die Zeit reif, erntet man die Früchte dazu.

Mit der Einführung ins Dao hat man den Geist eines Bodhisattva eingeprägt bekommen, auch wenn man selbst gar nicht das Gefühl hat, dass man schon die Eigen­schaften eines solchen aufweist. Im Vertrauen auf die eigene gütige Natur, die bei jedem Lebewesen gleich vorhanden ist und durch die „Transmission des himm­lischen Sinnes“ nur wieder geweckt wurde, kann man tatkräftig den Weg beschreiten und einfach das Erlernte praktizieren. Denn: „Die Übung macht den Meister“.

So wie der 6. Chan-Ahnlehrer Huineng  zu Beginn des  „Podiumsutra“ feststellt: 

 „Das eigene Wesen ist an sich erwacht und von Natur aus rein und klar. Einfach diesem Sinn folgen und direkt das Buddhatum erlangen!“[1] [i]

Zen Mönch

 

Konfuzianische Herzenslehre anhand der Grund­werte der Andong Gruppe

Wie schon im vorherigen Kapitel zur Praxis der Drei Schä­tze erwähnt wurde, ist die Übung zur Herzens­wandlung gemäß der konfuzianischen Leitbilder die zent­rale Übung des Weges der Einheit. Senior­obermeister Gao Bin­kai von der Andong Gruppe hat z. B. die folgenden konfuzianischen Grundwerte zur Praxis für die Angehörigen der Gruppe festgelegt:

– Kindliche Pietät (孝 xiao)

– Geschwisterliche Liebe (悌 ti)

– Elterliche Güte (慈 ci)

–  Aufrichtigkeit/Wahrhaftigkeit (诚 cheng)

– Respekt (敬 jing)

–  Verlässlichkeit (信 xin)

In den „Gesprächen“ des Konfuzius heißt es:

„Dass jemand, der kindlich pietätvoll und gesch­wisterlich liebenswürdig ist, es doch liebt, seinen Oberen zu widerstreben, ist selten. Dass jemand, der es nicht liebt, seinen Oberen zu widerstreben, gerne Aufruhr betreibt, ist noch nie dagewesen. Der Edle pflegt die Wurzel, steht die Wurzel fest, so wächst das Dao. Kindliche Pietät und geschwisterliche Liebe, sind diese nicht die Wurzel des Menschentums?“ [2] [ii]

Im „Mencius“ spricht der Meister Meng:

„Behandelt man die eigenen Alten wie es dem Alter gebührt, so wirkt dies übertragend weiter auf die Alten der Nächsten; behandelt man die eige­nen Jungen wie es der Jugend gebührt, so wirkt dies über­tragend weiter auf die Jungen der Nächsten. … Güte, die weiter wirkt, reicht aus, die Welt zu schützen; Güte, die nicht weiter wirkt, ver­mag nicht einmal Weib und Kind zu schützen.“ [3] [iii]

 

Sozialer Frieden beginnt in der Familie, wo man die bedingungslose Liebe als Erstes kennenlernt und erfährt. Dies bildet die Basis für die Praxis der Güte in der Gesell­schaft. Praktiziert man die kindliche Pietät, gesch­wisterliche Liebe und elterliche Güte, so versteht man es, diese Werte in der Gesellschaft – bei den Vorgesetzten, bei Kollegen und Freunden, und bei den Kindern und Jugend­lichen umzusetzen. Dadurch bringt man die natür­liche Güte zur vollkommenen Entfaltung. Dies geschieht zum Nutzen anderer und zugleich zum eigenen Nutzen. Man steht in Einklang mit dem Wesen Maitreyas.

In Kombination mit den traditionellen Familienwerten schafft man eine profunde Basis für eine Praxis, vom klei­nen, scheinbar unbedeutenden zum Großen, von der Jugend bis zum Alter. Dieser Weg wird im konfuzia­ni­schen Klassiker „Das Große Lernen“ wie folgt sche­matisch dargestellt:

Möchte man Frieden auf die Welt bringen, so hat man zuerst sein Land zu ordnen,

möchte man sein Land ordnen, so hat man zuerst seine Familie zu regulieren,

möchte man seine Familie regulieren, so hat man zuerst seinen Körper zu kultivieren,

möchte man seinen Körper kultivieren, so hat man zuerst sein Herz zu korrigieren,

möchte man sein Herz korrigieren, so hat man zuerst seine Gedanken zu klären,

möchte man seine Gedanken klären, so hat man zuerst Einsicht zu erlangen,

um Einsicht zu erlangen, muss man sich mit den Dingen (am Herzen) auseinander­setzen.[4] [iv]

Im Sinne der Bodhicitta, des Weges des Bodhisattva, strebt man eine geistige Erleuchtung an, nicht einfach der eigenen Erlösung wegen, sondern zur Befreiung aller Lebewesen. Dies, indem man einfach bei sich und bei der eigenen Familie beginnt. Die Wirkung entfaltet sich von selbst nach außen durch Haltungen und Handlungen auf Basis der Werte Aufrichtigkeit, Respekt und Ver­lässlichkeit.

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[1] Aus dem Podium-Sutra des sechsten Ahnlehrers, Kap. 1

[2] Aus den „Gesprächen“ des Konfuzius, Buch 1, Kap. 2

[3] Aus dem „Mencius“,  Buch I, Abschnitt A

[4] Aus dem „Großen Lernen“, Kapitel 1

[i] 菩提自性,本来清净,但用此心,直了成佛。(六祖坛经 行由品)

[ii] “其为人也孝悌,而好犯上者,鲜矣;不好犯上而好作乱者,未之有也。君子务本,本立而道生。孝悌也者,其为仁之本欤?”(论语 学而第一 第二章)

[iii] „老吾老,以及人之老;幼吾幼,以及人之幼。……故推恩足以保四海,不推恩无以保妻子。(孟子 梁惠王上)

[iv] 古之欲明明德于天下者,先治其国;欲治其国者,先齐其家;欲齐其家者,先修其身;欲修其身者,先正其心;欲正其心者,先诚其意;欲诚其意者,先致其知;致知在格物。(大学 第一章)

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