Die 4 edlen Wahrheiten und der 8-fache Pfad

Herzsutra – „Kein Leiden – kein Entstehen (des Leidens) – kein Auflösen (des Leidens)  – kein Pfad (dazu).“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 28.04.2021

Photo by Frans Van Heerden on Pexels.com
Die vier edlen Wahrheiten

Dieser Vers handelt von den „vier edlen Wahrheiten“ (Sanskrit: arya satya, Chinesisch: 四圣谛si sheng di). Sie sind wieder ein Grundpfeiler der Buddhalehre. Man könnte sagen, dass sie der kürzeste Ausdruck für die gesamte Lehre des Buddha sind. Warum werden sie als edel bezeichnet? Weil derjenige, der sie wirklich erfasst hat, unumkehrbar in den Strom zum Erwachen eingetreten ist („Stromeintritt“) – er ist jetzt kein „Weltlicher“ mehr, sondern ein „Ariya“, ein Edler. Das ist vergleichbar mit jenen, die beim Weg der Einheit die Dao-Initiation erhalten haben, die dann als die/der „Ehrwürdige“ bezeichnet werden. So wie der „Stromeintritt“ den Samen, der zur Frucht des Erwachens und des Buddhatums führt, darstellt, steht die Dao-Initiation für den Fingerzeig, der unmittelbar unser Urwesen aufzeigt und somit die ultimative Bedingung für die vollkommene Frucht ist.

Die allererste von Gautama Buddha nach seinem Erwachen gehaltene Lehrrede handelt von diesen vier edlen Wahrheiten.[i] In ihr wird unter anderem geschildert, wie einer der ersten 5 Zuhörer Gautamas bei der Beschreibung der vier edlen Wahrheiten spontan erwachte. So schnell kann es eben gehen, wenn alle Bedingungen in einem Zuhörer reif sind. Damit war die edle Lehre – der Dharma – in der Welt wieder neu etabliert.

Die Reihenfolge, in der die vier edlen Wahrheiten aufgezählt werden, entspricht genau dem Schema, wie Ärzte in der indischen Medizin zur Zeit Gautamas mit ihren Patienten sprachen:

  1. Zuerst wird die Krankheit diagnostiziert,
  2. dann die Ursache, die Entstehung der Krankheit erörtert,
  3. dann legt der Arzt dar, was das erwünschte Ziel seiner Behandlung sein soll, und
  4. zuletzt erläutert er dem Patienten den Weg zu diesem Ziel, seine Kur.

Dazu ein ganz einfaches Beispiel: „Dein Unterarm schmerzt heftig, weil er gebrochen ist. Dies geschah, als du gestern vom Pferd gefallen bist. Sobald der Knochen zusammen gewachsen ist, ist der Arm wieder heil. Um das zu erreichen, kriegst du einen starren Verband von mir und die Anweisung, den Arm ruhig zu halten.“

Exakt so sind die vier edlen Wahrheiten aufgebaut. Im Einzelnen sind sie:

  1. Die „Krankheitsdiagnose“: Die edle Wahrheit des Leidens

Es gibt Dukkha in der Welt. Über das Wort Dukkha und seine Übersetzung haben wir im Blogbeitrag „Das löst alles Leiden“ bereits ausführlich gesprochen. Es sei auch daran erinnert, dass die buddhistische Definition von Fehlwissen/Ignoranz eben das Nicht-Sehen von diesem Ungenügen, diesem Mangel ist. Die Lehrreden sagen es so:

„Geburt ist Dukkha. Altern ist Dukkha. Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung sind Dukkha. Nicht bekommen, was man sich wünscht, ist Dukkha. Kurz, die fünf Greif-Ansammlungen  (siehe letzter Beitrag), an denen angehaftet wird, sind Dukkha“.

  • Die „Ursachenforschung“: Die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens

Eben deswegen ist die Buddhalehre weit entfernt davon, pessimistisch zu sein: Sie findet sich nicht ab mit dieser festgestellten „Unzulänglichkeit von allem“. Sie fragt vielmehr: Warum ist das denn so?

„Und was ist die Ursache von Dukkha? Es ist das Begehren, das erneutes Werden bringt (siehe letzter Beitrag), das von Ergötzen und Begierde begleitet ist, sich an diesem und jenem ergötzt. Nämlich Begehren nach Sinnesvergnügen, Begehren nach Dasein, Begehren nach Daseinsmöglichkeit.“

  • Die „Möglichkeit einer Heilung“: Die edle Wahrheit von der Beendigung des Leidens

Jetzt wird es erst interessant. Was kann man verändern? Nachdem unser aller Problem das Begehren zu sein scheint, ist es logisch, dass die Lehrreden antworten:

„Und was ist das Ende von Dukkha? Es ist das restlose Verschwinden und Aufhören, das Aufgeben, der Verzicht, das Loslassen und Zurückweisen eben jenes Begehrens.“

Man beachte, dass die dritte edle Wahrheit als feststehende Tatsache formuliert ist, nicht als eine Möglichkeit, nicht als etwas nur Wünschenswertes, das vielleicht erreicht werden könnte. Nein, es wird geradezu als Naturgesetz ausgesagt, dass ein gewisses Vorgehen sicherlich das Loslassen des Begehrens und damit des Leidens zum Resultat haben muss. Und was ist jene Voraussetzung?

  • Die „Beschreibung einer Behandlung“: Der achtfache Pfad zur Beendigung des Leidens

Hier beginnt die Buddhalehre sozusagen erst wirklich, denn sie versteht sich ja als Heilmittel gegen das Dukkha, die Unzulänglichkeit. Der achtfache Pfad, die vierte der vier edlen Wahrheiten, ist selbst ein so elementarer Teil der Lehre, wie es die edlen Wahrheiten sind.

„Und was ist die edle Wahrheit von der Beendigung des Leidens? Es ist eben dieser edle achtfache Pfad: nämlich richtige Ansicht, richtige Absicht, richtige Rede, richtiges Handeln, richtige Lebensweise, richtige Anstrengung, richtige Achtsamkeit, richtige Sammlung.“

Der achtfache Pfad

Eine symbolische Darstellung davon ist das „Rad der Lehre“ mit acht Speichen. Dies ist sehr zutreffend, denn die Pfadglieder sind keine nummerierten Stufen, die nacheinander absolviert werden, sondern ein dynamisches Geschehen, wie ein rollendes Rad, bei dem es albern wäre zu fragen, mit welcher Speiche das Rollen beginnt. Das Ausüben jedes einzelnen Pfadgliedes gibt die Fähigkeit, wiederum die anderen sieben ausführen zu können. So umkreisen sie sich andauernd und vertiefen sich alle zusammen.

Wir haben bereits einmal die drei buddhistischen Übungsfelder „Sittliches Verhalten, Versenkung und Weisheit“ erwähnt. Erst Sittlichkeit ermöglicht Versenkung, welche wiederum Weisheit entstehen lässt. Die ersten 2 Pfadglieder können der Weisheit zugeordnet werden, die mittleren drei der Sittlichkeit, und die letzten drei der Versenkung, welche ja wiederum die Weisheit wachsen lässt. Und so dreht sich das Rad der Lehre weiter und weiter.

Zählen wir jetzt die acht Glieder einzeln auf:

● Richtige Ansicht:

„Wissen von Dukkha, Wissen vom Ursprung von Dukkha, Wissen vom Aufhören von Dukkha, Wissen vom Weg, der zum Aufhören von Dukkha führt – dies wird richtige Ansicht genannt.“

Die Buddhalehre ist kaleidoskopartig ineinander verschachtelt. Zu Anfang der Darlegung der vierten edlen Wahrheit sind wir prompt auf eine Aufzählung der vier edlen Wahrheiten gestoßen! Das erste Glied des Achtfachen Pfades ist das Erkennen der vier edlen Wahrheiten, und die vierte der vier edlen Wahrheiten ist der achtfache Pfad, welcher als erstes Glied… und so könnte man immer weitermachen. Ohne eine ungefähre Ahnung von richtiger Ansicht wird man sich übrigens von vornherein nicht von der Buddhalehre angesprochen fühlen und sie intuitiv ablehnen.

● Richtige Absicht:

„Absicht der Entsagung, Absicht des Nichtübelwollens und Absicht der Nichtgrausamkeit – dies wird richtige Absicht genannt.“

Oft wurde dies mit „richtigem Entschluss“ übersetzt. Es geht eher um die Verfasstheit des Herzens, des Gemüts, welches die Gedanken und Handlungen, und damit die Karmafolgen, erst prägt. Bevor ich konkrete Handlungen tue oder nicht tue, habe ich erst einmal eine Grundeinstellung zum Leben: ohne die mentale Haltung, zum Beispiel niemandem Übles anzutun, ist es in einer entsprechenden Situation wohl nicht möglich, auf Gewalt zu verzichten.

● Richtige Rede:

„Enthalten von unwahrer und böswilliger Rede, Enthalten von groben Worten, von sinnlosem Geschwätz – dies wird richtige Rede genannt.“

Hier betreten wir den Bereich des tauglichen Verhaltens (Sila). Es ist im Detail oft gar nicht einfach auszumachen, wo z. B. unwahre Rede anfängt. Man denke hier etwa an die viel zu verbreiteten und selbstverständlichen „kleinen Notlügen“, bei denen die „Not“ oft kleiner als die Lüge ist. Wie schnell hat wohl jeder von uns die Wahrheit schon, fast unwillkürlich, situationselastisch „kosmetisch überarbeitet“! Ob etwas böswillige Rede oder grobe Worte sind, hängt viel von der inneren Einstellung des Sprechenden (will ich jemandem, womöglich noch mit Unwahrheiten, schaden?) und den gesellschaftlichen Konventionen ab. Das ist alles oft gar nicht so klar zu entscheiden. Was aber ist sinnloses Geschwätz? Man kann sogar sagen: alles Populäre im Fernsehen und Internet, dazu alles Geplauder in allen Bars dieser Welt. Denn die Lehrreden bringen als Beispiele für sinnloses Geschwätz unter anderem: „Gespräche über die alten Zeiten, über die neuen Zeiten, über Könige und Feldherren, über Betten, Speisen, Frauen, Diebe, Mörder, den Anfang der Welt, das Ende der Welt, über Wagen, Pferde usw.“ Aber keine Sorge, es geht eben um die Einstellung: Geplauder, das nicht ernst gemeint ist, Schwatzen um des Zeitvertreibs Willen, Ablenkung usw. sind wirklich gemeint. Wir alle kennen den Unterschied zwischen Smalltalk und „wirklich mit jemandem reden“. Ganz schlimm ist es, wenn in gerade geführte Gespräche mutwillig eingegriffen und sie „verblödelt“ und zerstört werden: Dies ist besonders gemeint mit „sinnlosem Geschwätz“. 

● Richtiges Handeln:

„Enthalten vom Töten lebender Wesen, Enthalten vom Nehmen von Nichtgegebenem, Enthalten von sinnlichem Fehlverhalten – dies wird richtiges Handeln genannt.“

Es läuft halt immer auf die richtige Ansicht hinaus: Schade ich den Mitwesen eher, oder schone ich die Mitwesen eher? Es geht oft nicht um einfache Entscheidungen. Es ist sicher sinnvoll, für sich selbst dazu Reflexionen anzustellen, auch wenn die Antworten oft nicht gefunden werden. Wo fängt etwa Töten an, bei der Ungezieferbekämpfung? Wo fängt Diebstahl an, bei überhöhten Preisen, wenn ich ein Händler bin? Bei Aktienbesitz? Bei einer Steuererhöhung, wenn ich ein Machthaber bin? Wo fängt sexuelle Belästigung an? Wo das Fremdgehen? Es fängt immer ganz unmerklich an. Aber speziell in sexuellen Beziehungen fügen Menschen einander oft brutale seelische Verletzungen zu, ohne wirklich zu durchschauen, was da gerade abläuft.

● Richtige Lebensweise:

„Nachdem ein Edler falsche Lebensweise aufgegeben hat, erhält er sich durch richtige Lebensweise.“

Hoppla, da machen es sich die Lehrreden mit der Erklärung aber einfach? Vielleicht klingt es aber nur so: „Nachdem ich das Rauchen aufgegeben habe, bin ich jetzt Nichtraucher.“ Ja eh, es klingt für viele Raucher aber auch wie gefrotzelt. Aber letztlich ist dies das Fazit aller Entwöhnungskuren. Und wie oft hat man schon gehört, dass jemand eine Zigarette ausdrückte, spontan beschloss, dass es jetzt langt, und einfach nie mehr eine anzündete. Man denkt hier oft an „buddhistisch erlaubte“ und „unbuddhistische“ Berufe, aber der Buddha gab Laien nie so etwas wie Verbote, nur Empfehlungen, oft ganz konkret an einzelne Menschen in ihren jeweiligen speziellen Umständen gerichtet. Es ist hier der ganze Lebensstil gemeint. Die Frage ist wiederum: „Wie sehr schade ich, und wie könnte ich den Schaden verringern?“ In der heutigen Zeit sind ein paar Stichworte dazu etwa Ökologie, CO2 Abdruck usw.

● Richtige Anstrengung:

„Da erweckt ein Bhikkhu Eifer für das Nichtentstehen noch nicht entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände – und für das Überwinden bereits entstandener übler unheilsamer Geisteszustände – und für das Entstehen noch nicht entstandener heilsamer Geisteszustände – und für das Beibehalten, die Stärkung, die Entfaltung bereits entstandener heilsamer Geisteszustände. Er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt sein Herz an, setzt sich ein.“

Zum Beispiel Ärger und Zorn sind solche unheilsame Geisteszustände. Jemand regt mich maßlos auf, womöglich zurecht. Unabhängig davon nehme ich nun aber die Arbeit auf mich, diesen Ärger (berechtigt oder nicht, ist egal) aktiv anzugehen und aufzulösen (nicht zu unterdrücken!). Das fängt im Verstand an. Man könnte etwa versuchen, die Situation wie ein völlig Unbeteiligter anzuschauen, oder darüber reflektieren, dass das Gegenüber halt so ist, weil er es einfach nicht besser kann. Der römische Kaiser Marc Aurel hat in seinen „Selbstbetrachtungen“, mit denen er an seinem Charakter gearbeitet hat, etwa geschrieben: „Jener hat nun mal diese Charakterfehler. Ein anderer hat üblen Mundgeruch, ein anderer hinkt, ein anderer ist hässlich. Sie haben es sich nicht ausgesucht. Wenn ich ihnen zürne, ist es wie wenn ich den Wolken zürne, weil es regnet.“ Man kann auch an eine These denken, die Platon sehr am Herzen lag, vereinfacht lautet sie: „Niemand entscheidet sich freiwillig dazu, böse, dumm, hässlich oder unausstehlich zu sein“.

● Richtige Achtsamkeit:

„Da verweilt ein Bhikkhu, den Körper als Körper betrachtend – Gefühl als Gefühl betrachtend – das Gemüt als Gemüt betrachtend – Phänomene als Phänomene betrachtend eifrig, achtsam und wissensklar, nachdem er Zu- und Abneigung gegenüber der Welt beseitigt hat.“

In den Lehrreden wird beim siebten Pfadglied also nicht von der heute weithin bekannten Achtsamkeit im Alltag gesprochen, sondern speziell von den „vier Grundlagen der Achtsamkeit“, der Satipatthana-Übung. Dies ist ein großes Thema, es gibt detaillierte Bücher über diese Meditationsmethode. Einfach zusammengefasst geht es bei der Satipatthana-Übung um die Betrachtung der Leerheit, was eben auch den Kern des Herz Sutras darstellt. Diese Übung wird i. R. als die fortgeschrittene Übung gesehen. Als wichtige Basis dazu ist eben die richtige Sammlung, sprich die Übung zur Samadhi.

● Richtige Sammlung:

„Da tritt man, ganz abgeschieden vom Sinnlichen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, in die von Gedanken und Überlegungen begleitete, von Verzückung und Glücksgefühl erfüllte erste Vertiefung ein, die aus der Abgeschiedenheit entstanden ist und verweilt in ihr. Nach Stillung der Gedanken gewinnt man den inneren Frieden, die Einheit des Geistes – das ist die von Gedanken und Überlegungen freie, aus der Sammlung entstandene, von Verzückung und Glücksgefühl erfüllte zweite Vertiefung, und man verweilt in ihr. Nach dem Verschwinden der Verzückung verweilt man gelassen, achtsam, klarbewusst und empfindet ein inneres Glücksgefühl, von dem die Edlen sagen „Glückselig ist, wer gelassen und achtsam ist“ – so gewinnt man die dritte Vertiefung und verweilt in ihr. Nach dem Verschwinden von Wohlgefühl und Schmerz und dem schon früheren Verschwinden von Freude und Trauer gewinnt man die leid-  und freudlose, in der völligen Reinheit von Gelassenheit und Achtsamkeit bestehende vierte Vertiefung und verweilt in ihr.“

Dies ist die Formulierung, die die Lehrreden standardmäßig für die vier tieferen Versenkungsstufen (Jhanas) bringen. Von diesem indischen Wort leitet sich das chinesische „Chan“ ab. Der Zen-Buddhismus ist also wörtlich der „Versenkungsbuddhismus“. Oft wird das achte Pfadglied einfach mit „rechter Meditation“ übersetzt. Sowohl das siebte wie das achte Glied gehört zu dem, was heute Meditation genannt wird.

Die Anfänger lernen zumeist zuerst die Anapanasati, die Betrachtung der Atmung, mit dem Ziel, die unkontrollierten Streugedanken und Gefühle zur Ruhe zu bringen. Neben der Atmungsbetrachtung gibt es noch andere Wege, sich in die Samadhi zu vertiefen, wie z. B. die Mantrameditation, die man i. R. vom tibetischen Buddhismus kennt. Diese ist aber auch ein wesentlicher Bestandteil der Drei-Schätze Herzenslehre vom Weg der Einheit. Dabei gilt es, die vielen Gedanken auf letztlich einen Gedanken, nämlich das Mantra, zu reduzieren, um dann durch den vollkommenen Fokus auf das Mantra sich in die tieferen Zustände der Samadhi zu gelangen. Allerdings darf man Samadhi und Prajna, also die Einsicht und die Weisheit, nicht getrennt voneinander betrachten. Sie sind eins und bedingen einander. Zitate vom Ahnlehrer Huineng aus dem Podiumsutra bringen dies auf den Punkt:

Edle Gefährten! Mein Praxisweg beruht auf Geistesstabilität (Samadhi) und Weisheit (Prajna). Seid aber nicht verwirrt und meint, dass Geistesstabilität und Weisheit voneinander zu unterscheiden wären. Sie sind eine Einheit und [daher] nicht zweierlei [Dinge]. Geistesstabilität ist die Basis der Weisheit, Weisheit die Wirkung der Geistesstabilität. Bei der [Wirkung der] Weisheit entfaltet sich die Geistesstabilität, in [dem Zustand] der Geistesstabilität birgt sie die Weisheit in sich.  […] Behauptet nicht, Geistesstabilität käme zuerst und erzeuge [dann] die Weisheit oder umgekehrt. […] Womit kann man sie denn vergleichen? Mit dem Licht und der Flamme. Gibt es die Flamme, gibt es Licht, gibt es keine Flamme, wird es dunkel. Die Flamme ist die Basis des Lichtes, und das Licht die Wirkung der Flamme. Es sind zwei Begriffe, aber im Wesen sind sie eins. Genauso ist es mit der Geistesstabilität und der Weisheit. Die einspitzige Praxis des Samadhi (Geistesstabilität) bedeutet, allerorts, egal ob im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen, stets den aufrichtigen [einfachen] Geist zu bewahren. […] Einfach den aufrichtigen [einfachen] Geist hegen und an keinem Phänomen haften.[ii]

Die buddhistische Richtung, die man heutzutage im Westen als „Zen-Buddhismus“ bezeichnet, ist chinesischen Ursprungs, aber im Westen durch die Lehrtätigkeit japanischer Meister bekannt geworden. Die japanische Lehrtradition legt starken Wert auf die Übung in der regungslosen Sitzmeditation, deshalb assoziieren viele Menschen das „Chan“ oder „Zen“ heute mit strengem Meditieren im Lotussitz und „ohne Gedanken“. Laut Huineng ist dies aber ein Missverständnis. Auch schon zur damaligen Zeit (also 7. Jh. n. Chr.) ist diese Vorstellung, nämlich dass es beim Chan (und überhaupt beim Buddhismus) hauptsächlich um die Sitzmeditation geht, in Umlauf gewesen. Huineng erläutert nun, was mit der Übung des „Chan im Sitzen“ – auf Japanisch Zazen und auf Chinesisch Zuochan 坐禅 – wirklich gemeint ist:

Edle Gefährten! Was heißt „Chan im Sitzen“? Bei dieser Lehre heißt es: frei von Blockaden sein. Bei allen äußerlichen Umständen, egal ob guten oder schlechten, haftet man sich nicht an ihnen an,  kommen keine Gedanken hoch: Das heißt [stilles] „Sitzen“. Im Inneren die Unerschütterlichkeit des eigenen [Ur]Wesens erkennen: Das heißt Chan.[iii]

Edle Gefährten! Was heißt „Stabilität im Chan“? Im Äußerlichen losgelöst von den Formen sein,  heißt Chan. Im Inneren ohne Verwirrung sein, heißt Stabilität. Haftet man im Äußerlichen an den Formen an, führt es zur Verwirrung im Inneren. Lässt man die Formen los, ist der Geist ohne Verwirrung. Das Urwesen ist von selbst rein und stabil. Verwirrt wird man durch Gedanken, die angefacht werden von Umständen. Bleibt man unverwirrt, in Anbetracht sämtlicher Umstände, ist es die wahre Stabilität. […] Bei jedem Gedanken erkennt man selbst die Reinheit und Klarheit des Urwesens, so erlangt man durch eigene Praxis das Buddhatum und das Dao.[iv]

Bei der Übung der Meditation im Sitzen (wie man sie heute bei den verschiedenen Meditationsschulen lernt) geht es also nicht um die äußere Haltung des Körpers, sondern um das Prinzip des Chan: nicht am Geist und an der Reinheit anhaften, aber wiederum bei jedem Gedanken die Reinheit und Klarheit des Urwesens erkennen.

Dies waren also die einzelnen Glieder des Achtfachen Pfades. Diese Praxis gilt als der mittlere, also angemessene, Weg zur Aufhebung der Ursache der Unzulänglichkeiten. Warum aber sagt das Herz Sutra, dass es in der Leerheit diese gar nicht gibt?

In der Leerheit gibt es keine vier edlen Wahrheiten

Wenn wir uns zuerst an die Kette des bedingten Entstehens und Vergehens vom letzten Beitrag erinnern: Die Erkenntnis, dass alles bedingt voneinander existiert, also nichts individuell unabhängig bestehen kann, erschüttert die Ich-Anhaftung und löst die damit verbundenen Zu- und Abneigungen sowie falsche Ansichten auf. Damit packt man die Ursache der Unzulänglichkeiten an und schlägt den Pfad zur Befreiung vom Leiden, also zum Erwachen, ein. Diese Einsichten sind die gemeinsame Grundlage aller buddhistischen Richtungen, seien es Theravada oder die verschiedenen Mahayana Schulen.

Der Mahayana legt besonders auf die Geisteshaltung des Bodhicitta Wert, auf das Verständnis des Nicht-getrennt-seins von „Ich“ und „Du“. Die eigene Geistesschulung nicht als etwas „für einen Selbst“ zu verstehen, sondern als etwas, das allen Wesen, der ganzen Welt, zugutekommt – das ist eben jene Eigenschaft, die als Maha, also groß, bezeichnet wird. Die Betrachtungen, die als groß gelten: Das ist eben Prajna (die Weisheit), die „zum anderen Ufer“ (paramita) führt. Es geht also darum, die differenzierte, dualistische Vorstellung aufzuheben. In der Lehrrede wird dieses Problem so dargestellt:

„Er (der Thatagata, der Buddha) erkennt Alles unmittelbar als Alles. Nachdem er Alles unmittelbar als Alles erkannt hat, stellt er sich nicht Alles vor, er macht sich nicht Vorstellungen in Allem, er macht sich nicht Vorstellungen von Allem ausgehend, er stellt sich nicht vor ‚Alles ist mein‘, er ergötzt sich nicht an Allem. Warum ist das so? Weil er verstanden hat, dass Ergötzen die Wurzel von Dukkha ist, und daß es mit Werden (als Bedingung) Geburt, und für alles, was geworden ist, Alter und Tod gibt. […]“ [v]

Widmen wir uns dem Satz „Ergötzen ist die Wurzel von Dukkha (Unzulänglichkeit)“. Versuchen wir dem mit einem Gleichnis näherzukommen:

Betrachten wir unseren Geist als einen Spiegel, in welchem die vielfältigen Gegenstände der Außenwelt erscheinen. Die Spiegelbilder werden so zu sagen „geboren“ und „erlöschen“ je nach den äußeren Umständen. In der Regel betrachten die Menschen diese Bildnisse als wahr und haften an diese. Diese „Bilder“ (die weltlichen Phänomene) festhalten zu wollen, sie im eigentlichen Sinne „für wahr zu halten“, führt letztendlich nur zu Frustration, zu Leid (Unzulänglichkeit, Dukkha). Wenn wir die Anhaftung durchschauen und loslassen, dann können zwar noch immer diese Phänomene im Spiegel erscheinen, aber wir wissen ganz genau, dass sie nur Illusionen sind. Aufgrund dieser Erkenntnis entsteht somit kein Begehren. Ohne Begehren gibt es auch kein Werden, somit keine Bedingung für den weiteren Kreislauf des Leidens. Dies ist die Erkenntnis der Leerheit aller Phänomene. Ist dies begriffen, dann gibt es kein Entstehen und Vergehen. Der Spiegel an sich war von Anfang an klar und rein, ansonsten würden nicht die Spiegelbilder entstehen können. Der Spiegel, als Gleichnis für das ursprüngliche Wesen, hat sich nie verändert. Aus dieser Sicht heraus sind die vier edlen Wahrheiten obsolet, denn es ist nie ein Leiden entstanden, dann braucht man auch keinen Pfad, um das Leiden aufzuheben. Alles Gute und Schlechte können weiterhin passieren, aber aus Sicht des natürlichen Wesens sind sie nur illusorische Spiegelbilder. Würde allen Wesen diese Sicht aufgehen, dann wird es kein Gut und Böse mehr geben. Alle handeln aus dem natürlichen Sinn. Ein Gespräch zwischen dem Ahnlehrer Huineng und einem Schüler namens Jian aus dem Podiumsutra erläutert diese Sicht so:

[Der Schüler] Jian fragte: „Erleuchtung gleicht der Weisheit, Verblendung gleicht den Geistestrübungen. Wenn ein Dao-Praktizierender nicht mit der Weisheit die Geistestrübungen erleuchtet und durchbricht, wie soll er denn dem anfangslosen Kreislauf von Leben und Tod entkommen?“[vi]

Der Meister antwortete: „Erleuchtung und Verblendung – der gewöhnliche Mensch betrachtet sie als zwei Dinge. Ein Weiser jedoch betrachtet diese ohne Differenzierung. Der undifferenzierte Sinn ist der wahre Sinn. Dieser ist nicht vermindert bei den Verblendeten, aber auch nicht vermehrt bei den Weisen. Er ist nicht verwirrt bei belastenden Umständen, aber kommt nicht zur Stille bei meditativer Ruhe. Es bricht nicht ab, ist aber auch nicht stetig. Es gibt kein Kommen, aber auch kein Gehen. Es ist nicht in der Mitte, aber auch nicht im Außen oder Innen. Es ist nicht entstanden und vergeht nicht. Es ist immerwährend und wandelt nicht. Genannt wird es – das Dao.“[vii]

[Der Schüler] Jian fragte [weiter]: „Der Meister redet vom „Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen“. Sagen dies nicht genau so auch die anderen Wege?“

Der Meister antwortete darauf: „Wenn die anderen Wege von „Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen“ sprechen, dann meinen sie: das Vergehen beendet das Entstehen und das Entstehen zeigt das Vergehen auf. Daher [sehen sie] das Vergehen als Nicht-Vergehen und sprechen beim Entstehen vom Nicht-Entstehen. Wenn ich vom „Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen“ spreche, dann meine ich, dass es von Anfang an kein Entstehen gab, so kann jetzt auch nichts vergehen. Dies unterscheidet sich von den [Aussagen] der anderen Wege. Wenn du die Essenz [der Lehre] erfahren möchtest, dann denke nicht an alles Gute und Schlechte und gelange so natürlich in das Wesen des klaren, reinen Geistes. Es herrscht ständige Stille: grenzenlos wundersam ist die Wirkung [dabei].“[viii]

Die Erkenntnis „der undifferenzierte Sinn ist der wahre Sinn“ ist die rechte Sicht und somit die Voraussetzung einer effektiven Praxis. Zur Praxis „denke nicht an alles Gute und Schlechte“ ziehen wir zur näheren Erläuterung ein Zitat vom Erhabenen Lehrer heran:

Nur wenn der Geist ruhig und stabil ist, kann sich die wundersame Weisheit entfalten. Die Gedanken folgen dicht aufeinander und wechseln sich ständig ab. Mal gute und mal schlechte. Gewöhnliche Lebewesen sind verblendet und anhaftend. Haftet man an Gut und Böse an, dann entsteht der Geist für Gut und Böse. Haftet man an der Vorstellung von „Ich und den Anderen“ an, dann entsteht der Geist für „Ich und die Anderen“. Haftet man an Gewinn und Verlust an, dann entsteht der Geist für Gewinn und Verlust. Haftet man an Entstehen und Vergehen an, dann entsteht der Geist für Entstehen und Vergehen. Haftet daher an nichts an. Auch der Geist für das Gute führt zur Anhaftung an das Gute. Diese Anhaftung ist nicht das wahre Gute. Dieses Gute ist im Alltag zu praktizieren, und zwar ohne Anhaftung, d. h. tun ohne zu tun. Wenn das so ist, dann ist dies die Manifestation des Bodhicitta, des Geistes des Erwachens. Dieser ist die wahre Güte.[ix]

Haftet daher nicht an Leiden und Glück an. Das menschliche Leiden und Glück werden vom Geist verursacht. Es heißt daher: „Der Geist kann Himmel und Hölle schaffen.“ Mit den Gedanken wandeln sich die [geistigen] Stadien. Jedes Stadium, das man erreicht hat, kann daher gewandelt und durchbrochen werden. Dennoch darf man nichts überstürzen. Alles hat seine Ursache und seinen natürlichen Verlauf. Man soll sich daher nicht dazu zwingen. Denn ansonsten gerät man in die Anhaftung und dualistische Vorstellung. Dadurch entfaltet sich der gewöhnliche befleckte Geist, was zur Unruhe führt. Die geistige Unruhe blockiert wiederum die Entfaltung der Weisheit (Einsicht). Geistig erfüllt von weltlichen, trüben Gedanken ist man auch nicht aufnahmefähig für den guten Rat.[x] 


[i] Heute findet man sie in der Überlieferungslinie des Theravada in der Gruppierten Sammlung der Lehrreden als die Nummer 56.11, sowie natürlich in den anderen Überlieferungslinien. Im Chinesischen etwa als „Mittlere Sammlung der Lehrreden, Nummer 204“ und „Gruppierte Sammlung der Lehrreden, Nummer 379“.

[ii]善知识。我此法门。以定慧为本。大众勿迷。言定慧别。定慧一体。不是二。定是慧体。慧是定用。即慧之时定在慧。即定之时慧在定。若识此义。即是定慧等学。诸学道人。莫言先定发慧。先慧发定。[……] 定慧犹如何等。犹如灯光。有灯即光。无灯即暗。灯是光之体。光是灯之用。名虽有二。体本同一。此定慧法。亦复如是。师示众云。善知识。一行三昧者。于一切处。行住坐卧。常行一直心是也。[……] 但行直心。于一切法。勿有执着。

[iii] […] 善知识。何名坐禅。此法门中。无障无碍。外于一切善恶境界。心念不起。名为坐。内见自性不动。名为禅。

[iv] 善知识。何名禅定。外离相为禅。内不乱为定。外若着相。内心即乱。外若离相。心即不乱。本性自净自定。只为见境思境即乱。若见诸境心不乱者。是真定也。[…] 于念念中。自见本性清净。自修自行。自成佛道。

[v] Majjhima Nikāya 1, Die Wurzel aller Dinge – (Mūlapariyāya Sutta)

[vi] 简曰:“明喻智慧,暗喻烦恼,修道之人,倘不以智慧照破烦恼,无始生死,凭何出离?

[vii] 简曰:“如何是大乘见解?”师曰:“明与无明,凡夫见二,智者了达,其性无二。无二之性,即是实性。实性者,处凡愚而不灭,在贤圣而不增,住烦恼而不乱,居禅定而不寂。不断不常,不来不去,不在中间,及其内外,不生不灭,性相如如,常住不迁,名之曰道。”(六祖坛经 护法品)

[viii] 简曰:“师说不生不灭,何异外道?”师曰:“外道所说不生不灭者,将灭止生,以生显灭,灭犹不灭,生说不生。我说不生不灭者,本自无生,今亦不灭,所以不同外道。汝若欲知心要,但一切善恶都莫思量,自然得入清净心体,湛然常寂,妙用恒沙。”(六祖坛经 护法品)

[ix] 『心定神宁』才能够生智慧、生妙有,所以念念都是交替不停的,一善一恶都不能有偏差,自己的念头是不是一会儿善念、一会儿恶念,还是满脑子的恶念,还是想的都是好的,众生为什么当众生,因为有迷、有执。你执于善恶,就生善恶心;执于人我,就生人我心。因执于得失,就生得失心,执于生灭,就生生灭心,所以对于一切都要不执着,因为你生何种心,就会执着于何种心,即是你生善心,也会执着于善心,可以为善就不是真善,你把这个『善』从日常生活中做出来,无执无着,那就是菩提心的显现了,那才是真善。

[x] 如果你执着于功德、苦乐,这个叫做固执,人的苦与乐是由心所造成的『所以  心能做天堂  也能造地狱』你的心念怎么转怎么变,就生出何种境界来,你走到一个境界之后,要如何突破这个境界。凡事各有因缘,不能强求,一强求就会落入对待,落入、执着、对待、执着之后就会起凡心,起了凡心,就不能定,那智慧一定不能开展,若凡俗杂念一直围绕在心胸,那如何纳入良言。



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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