„Das löst alles Leiden“


Herz Sutra – „Das löst alles Leiden“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 26.11.2020

Leiden ist die übliche Übersetzung von Dukkha. Allerdings ist das Wort etwas zu intensiv, um den indischen Begriff wirklich zu treffen. Sprachwissenschaftler finden in der Wortwurzel die Bedeutung „unrund“, wie bei einem Rad, das schlecht läuft. Dukkha ist alles Ungenügende, Mangelhafte – so wie man eben sagt „es läuft schlecht“ oder fragt „na, wie läuft’s?“.  Was wir im Kopf haben, wenn wir das deutsche Wort „Leiden“ hören, ist also ein Teilaspekt des umfassenderen „Dukkha“.

Die erste der vier edlen Wahrheiten des Buddha ist die Wahrheit des Leidens. Sie besagt, dass das Ungenügende, Mangelhafte zu allen menschlichen Erfahrungen unweigerlich dazu gehört. Stimmt es nun, dem Buddha die Aussage „alles ist Leiden“ zuzuschreiben, wie man es oft hört? Es ist doch zu ungenau wiedergegeben: Richtiger ist es, ihn mit „alles Erlebte ist mangelhaft“ zu zitieren.

Die buddhistischen Lehrer der verschiedenen Schulrichtungen unterscheiden Dukkha folgendermaßen:

  1. Das Dukkha des Leidens (im engeren Sinn) ist manifestes physisches und mentales Leiden, etwa Schmerzen, extreme Hitze und Kälte, Hunger, Durst, übermäßiger Stress, Erschöpfung, Depressionen, Einsamkeit usw.
  • Das Dukkha der Veränderung ist subtiler und nicht so offensichtlich, denn es beinhaltet, was weltliche Menschen durchaus als Glück bezeichnen – eine gute Mahlzeit, unsere Lieblingsmusik, bis hin zu Sex. Entgegen der Theorie „ je mehr davon, desto besser“ wird sich bei all diesen sinnlichen Vergnügen unweigerlich Überdruss einstellen. Erst strebt man eine Karriere an, später stöhnt man unter der Verantwortung und dem Stress und ersehnt Ruhe. Ist man unterfordert, leidet man unter Langeweile und kommt auf dumme Gedanken. Erschöpfte Menschen wollen nur noch ins Bett fallen. Hingegen mit einem Liegegips leidet man daran, ans Bett gefesselt zu sein. Der indische Meister Aryadeva sagt: „Angenehmes, wenn es immer weitergeht, wird irgendwann zu Schmerzhaftem.“ Bei genauerer Betrachtung der Erfahrungen, die wir glücklich nennen, enthüllt sich, das sie an sich selbst nicht wirklich glückhaft sind. Also sind sie mangelhaft = Dukkha.
  • Das latente Dukkha der Bedingtheit ist noch subtiler und unauffälliger. Es bezieht sich auf die fünf Ansammlungen, die wir demnächst im Rahmen dieses Herz Sutra vorstellen: Sie sind ungenügend, weil sie ein Ergebnis unserer Anhaftungen und unserer karmischen Aktivitäten sind. Als Resultat unserer früherer Daseinsrunden im Samsara, dem Rad der Existenzen, sind sie die Basis dafür, jetzt alle möglichen Arten von Dukkha überhaupt erfahren zu müssen.

Und wenn der Bodhisattva nun also erkennt, dass die Ursache des Leidens Leer ist, ist es nicht mehr verwunderlich, wenn er sagen kann: „Das löst alles Leiden“. Nicht?

Dies waren soweit nur einige Hinweise zum Verständnis von Begriffen und Worten, die außerhalb buddhistischer Texte nicht so geläufig sind. Um dem Inhalt des Herz Sutra, wie er in der chinesischen Tradition verstanden wird , näher zu kommen, zitieren wir am besten aus Kommentaren alter Meister. Hanshan Deqing (1546-1623) war ein bedeutender Chan Meister, der neben Erläuterungen zur Praxis und Gedichten auch Kommentare zu buddhistischen, daoistischen und konfuzianischen Werken verfasste. Er schreibt zu unserer Stelle:

„Gab es etwa Leiden, das nach dieser Erkenntnis nicht getilgt werden konnte? Wo waren denn die Karma-Fesseln, die einen banden? Wo war das sture Festhalten an Ego und Persönlichkeit, an richtig und falsch? Wo war die Unterscheidung zwischen Versagen und Erfolg, zwischen Gewinn und Verlust? Und wo waren die Verstrickungen in Dinge wie Reichtum, Ehre, Armut und Schmach? So sah also die wahre Wirksamkeit des Studiums von Prajna dieses Bodhisattvas aus.“ [i]

Abschließend ein Zitat vom Erhabenen Lehrer zur „Quelle des Leidens“:

Die Quelle des Leidens besteht im Begehren nach den weltlichen Dingen. Warum kann man diese nicht loslassen? Weil man nicht eingesehen hat, was wahr und falsch ist. Deshalb belastet man das „Wahre“ mit dem „Falschen“. Man begreift es nicht und vertraut nicht darauf, dass das eigene [Ur]Wesen alle Phänomene hervorbringen und alles erschaffen kann. Man befürchtet daher, das was man besitzt, zu verlieren. Dies ist die Quelle des Leidens. Schafft man es, natürlich und ohne-tun zu sein, sodass Körper und Geist frei und gelassen werden, dann wird man diese Quelle des Leidens erkennen. Gibt es ein Ich, gibt es Leiden. Die selbst geschaffenen Probleme hat man selbst zu lösen. Man kann sich vom Ozean des Leidens nur aus eigener Kraft befreien. Andere können einem dabei nicht wirklich helfen. [ii] 

Wenn wir jetzt zum Text des Herz Sutra zurückkehren, tritt als nächstes der Buddha Schüler Sariputra auf. Wer war also dieser Sariputra? (Fortsetzung folgt)


[i] Übersetzung von Guido Keller, Angkor Verlag

[ii] 活佛师尊慈悲:苦的根源,是对世间贪欲不舍,为何不舍,看不透、真、与、假、不知道『真的』背着『假的』跑,悟不透『自性』能生万法,不信任『自性』可创造一切。所以担心害怕,舍不得身边所拥有的一切,这是『苦』的根源,要回到『无为自然 得到身心的自在』就得识透这『苦的根源』。有我就有苦,而解铃人还须繋铃人,要脱烦恼苦海,需靠本身的力量,别人是无法帮助的。

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„Sariputra“ –>



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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