Die 18 Sinnes- und Bewusstseinsbereiche (Dhatus)

—— Vortrag vom Drei Schätze Retreat am 07.04.2021

—— Ergänzung zum Beitrag „Keine Augenwelt, bis hin zu keiner Bewusstseinswelt“

Kürzlich haben wir im Rahmen unserer Herz-Sutra-Reihe den Beitrag zum Thema „die 18 Dhatus“ veröffentlicht. Diese 18 Bereiche drücken das gesamte Erleben unseres Daseins aus. Sie bestehen aus den 6 Sinnesgrundlagen, 6 Sinnesobjekten und 6 Bewusstseinsarten. Deshalb werden sie als „Sinnes- und Bewusstseinsbereiche“ bezeichnet, weil sie die einzelnen Bereiche der ganzen von uns wahrgenommenen Welt darstellen. Hier sehen wir die Welt nicht als ein objektiv Äußeres, sondern alles sind geistige Prozesse. Aus dieser Sicht besteht die Welt nur aus dem, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten und denken. Es ist wohl nicht vorstellbar, dass jemand von der Welt mehr als das erleben kann. Dies ist eben die Kernidee des Buddhismus: Alles ist Geist und Leerheit. Wie ist es dann zu verstehen, dass der Geist leer ist? Der Geist ist nicht als ein eigenständiges Wesen zu sehen, sondern als die Gesamtheit der Phänomene und Prozesse, „bestehend“ aus den 18 Sinnes- und Bewusstseinsbereichen, genannt die 18 Dhatus. Durch das Zusammentreffen der 6 Sinnesgrundlagen und -objekte entstehen 12 Ayatanas (Sinnesfelder). Zu diesen 12 Sinnesfeldern kommen dann 6 Bewusstseinsarten dazu, und es bilden sich die 18 Sinnes- und Bewusstseinsbereiche.

Nehmen wir das Beispiel „Sehen“ her. Das Auge oder die Sehgrundlage allein bewirkt noch nicht das Sehen, es muss ein Objekt geben. Treffen beide zusammen, entsteht eine gesehene Form. Ist das aber alles? Nein. Die gesehene Form muss noch als solche realisiert werden. Es kommt zu einem Sehbewusstsein, welches wiederum Objekt des Gedankensinnes wird. Es entfaltet sich dadurch ein Gedankenbewusstsein. Bleibt aber dieses Objekt gleich wie die gesehene Form? Wohl nicht. Sieht man einen Apfel, so entsteht vorerst nur ein Abbild des Apfels. Man realisiert etwas Rundförmiges mit grüner oder roter Farbe etc. Als Gedankenobjekt wird er ein Obst namens Apfel, welches man essen kann und hoffentlich süß schmeckt. Hier beginnt erst das Wundersame. Das Gedankenbewusstseinsobjekt wird nochmals zum Objekt des Gedankenbewusstseins und entwickelt weitere Objekte unabhängig von der Außenwelt. Hinzu kommen noch die Produkte anderer vier Sinnesbewusstseinsarten, und es entfalten sich uneingeschränkte Vorstellungen unabhängig von Zeit und Raum. Es entsteht eine eigene Welt, die alle Orte und Zeiten umfassen kann. In dieser Welt wechseln sich Räume und Zeiten blitzartig ab und vermischen sich miteinander. Eine Traumwelt, die alle physikalische Gesetze transzendiert und von keiner Dimension eingeschränkt wird, entsteht.

Begrenzt sich das Gedankenbewusstsein nur auf die Daten der 5 Sinneskanäle? Offensichtlich können Menschen sich auch Dinge vorstellen, die sie vielleicht nie gesehen, gehört und sonst wie wahrgenommen haben. Woher kommen die Gefühle und Emotionen? Es steckt also viel mehr hinter dem Gedankenbewusstsein. Die Yogacara Schule des Buddhismus erläutert die tiefen Facetten des Gedankenbewusstseins mit einer 7. und 8. Bewusstseinsart, welche als das Ego- und Speicherbewusstsein bezeichnet wird. Die oben genannte Ebene des Gedankenbewusstseins, welche die Unterschiede zwischen den über die 5 Sinneskanäle aufgenommenen Objekten erkennen, analysieren und kategorisieren, nennt man die 6. Bewusstseinsart. Dort kommt es zu einer differenzierenden Betrachtung der ersten 5 Sinnesbewusstseinsobjekten: Man erkennt unterschiedliche Farben und Formen, Klänge verschiedener Tiefen und Höhen etc. Es entwickelt sich ein differenzierender Sinn, welcher ein dualistisches Subjekt-Objekt-Bewusstsein bildet, also ein Ich-Bewusstsein, und an den Merkmalen der Objekte der 6 Bewusstseinsbereiche anhaftet. Dieses findet Gefallen an Angenehmem und Abneigung gegen Unangenehmem. Diese Anhaftungen verhärten das Ich-Bewusstsein, das Ego, und führen zu Ab- und Zuneigungen und den damit verbundenen Gefühlen, Emotionen und Gedanken. Auf Basis dieser Begierden entstehen Tatabsichten und Handlungen, die das Karma darstellen. Der Samen für das Samsara, den Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten, ist gesät. Letztendlich gibt es nicht mehrere Bewusstseinsarten, sondern sie sind Facetten des einen gleichen Bewusstseins, welches alle Phänomene des Geistes hervorbringt. Ursprünglich ist dieses klar und rein wie ein klarer Spiegel. Durch den differenzierenden Sinn (Gedankenbewusstsein) und die Anhaftungen (Egobewusstsein) wird er befleckt, und alles Staub (Sinnesobjekte, Karmasaaten) bleibt an ihn haften (Speicherbewusstsein), was wiederum zu weiteren Differenzierungen und Anhaftungen führt. Es wird zum Teufelskreis. Speicherbewusstsein ist nur die Bezeichnung für sein Merkmal, alles in sich zu sammeln, und bei gegebenen Bedingungen diese wieder als Gedanken, Willensimpulse oder sonstige Phänomene hervorzubringen. Sein unbefleckter natürlicher Zustand wird als die Buddhanatur oder Selbstnatur genannt. Da diese Natur an sich durch keine Befleckung verändert werden kann, ist es jedem gewöhnlichen Wesen möglich, den reinen, klaren Geist wiederzuerlangen, sprich zu erwachen oder erleuchtet zu werden. Demnach ist jedes fühlende Wesen imstande, das Samsara zu überwinden und das Nirvana zu erlangen.



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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