
Man sagt, ein Mensch könne durch ein einziges Wort gerettet werden. Und man sagt auch, ein einziges Wort könne ihn vernichten. Doch beides ist nicht wahr. Denn was den Menschen rettet oder vernichtet, ist nicht das Wort — sondern das, was in ihm stirbt, wenn das Wort ihn trifft.
In einer Zeit, da die Berge noch wie schweigende Mönche im Nebel saßen, lebte ein junger Zen-Mönch namens Gasan Jitō (1727-1797). Er war klug. Zu klug. Sein Geist war scharf wie eine frisch geschliffene Klinge. Er hatte unter dem ehrwürdigen Gesshū Zen’e geübt, und eines Tages erhielt er die Bestätigung der Erkenntnis. Der alte Meister sah ihn lange an und warnte ihn:
„Du bist ein großes Gefäß. Doch wer an einer Erkenntnis sitzenbleibt, fault daran. Wandern ist die Pflicht des Zen-Mannes.“
Der junge Mönch verneigte sich. Doch tief in seinem Herzen hatte sich bereits ein stiller Stolz niedergelassen. Stolz trägt keine Glocke.
Einige Jahre später trat er vor den großen Meister Hakuin Ekaku (1686-1769). Egasan legte seine Erkenntnisse dar — klar, präzise, makellos. Als er endete, schwieg der Raum. Hakuin verzog das Gesicht, als rieche er Verwesung:
„Diese Einsichten stinken mir die ganze Halle voll!“
Man warf Egasan hinaus. Wieder und wieder kehrte er zurück, doch jedes Mal wurde er härter abgewiesen. Sein Stolz begann zu reißen wie nasses Papier. Erst als sein Wissen verdorrt war, kniete er erneut vor Hakuins Tür und sprach nicht mehr aus Stolz, sondern aus der Stille: „Lehrt mich. Ich werde alles annehmen.“
Hakuin sagte: „Du trägst einen Bauch voller Zen. Aber am Ufer von Leben und Tod wird dir nichts davon helfen. Wenn du wahrhaft frei sein willst — dann höre den Klang einer einzigen Hand.“
Vier Jahre blieb Egasan. Vier Jahre lang fraß ihn das Kōan auf. Er suchte den Klang im Wind zwischen den Kiefern, im Schlag des Regens, im eigenen Herzschlag. Nichts. Erst als er aufhörte zu suchen, als im dreißigsten Jahr seines Lebens etwas in ihm losließ, hörte er ihn. Er erwachte.
Später wurde Egasan selbst ein großer Lehrer. Menschen kamen in Scharen und nannten ihn Meister. Doch wer wirklich erwacht ist, verliert das Bedürfnis, „jemand“ zu sein.
Eines Tages sah ein Besucher den alten Egasan dabei, wie er im Hof seine Bettdecken ausschüttelte. „Meister!“, rief er verwundert. „Warum erledigen Sie solche banalen Dinge noch selbst? Sie haben es doch nicht mehr nötig, sich mit so etwas aufzuhalten. Sollten Sie nicht lieber Ihre wertvolle Zeit nutzen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren?“
Egasan hielt inne. Das Sonnenlicht tanzte im aufgewirbelten Staub. „Du meinst,“ sagte er ruhig, „das hier sei nicht das Wesentliche?“
Der Besucher zögerte. „Nun ja, es muss eben gemacht werden. Aber es ist doch nur… Alltag.“
Egasan antwortete:
„Das ist der Irrtum. Die Menschen glauben, das Leben sei woanders. Wenn ich die Decke ausschüttle, schüttle ich Staub aus. Wenn ich Wasser trage, trage ich Wasser. Wenn ich sterbe, sterbe ich. Der Buddha hat Nadeln eingefädelt für seine Schüler. Hat Medizin gekocht für Kranke. Was war das deiner Meinung nach?“
Da verstand der Besucher: Erwachen bedeutet nicht, dass man ein anderer Mensch wird oder plötzlich andere Dinge zu tun hat. Erwachen bedeutet, das zu erledigen, was im Leben zu erledigen ist — ohne innerlich davor wegzulaufen.
Der Fehler, den viele machen: Handeln hier, Praxis dort. Zwei Welten, die es nie gab. Zen lebt nicht neben dem Leben. Es lebt als das Leben. Die Praxis liegt nicht auf dem Sitzkissen und auch nicht in den heiligen Schriften. Mit dem Erwachen beginnt die Praxis erst wirklich. Sie liegt im Alltag, bei den alltäglichen Angelegenheiten, mit den alltäglichen Menschen und in den alltäglichen Beziehungen.
Und deshalb stand ein alter Meister im Hof und schüttelte eine Decke aus. Im Wind.
Und wer hört, den stummen Klatsch der einen Hand?
Kategorien:Anekdoten
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