Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenland

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenbland

Während die Konfuzianer eine Schule mit einer strengen Lehrer-Schüler-Rangordnung und einer klaren Stammlinie aufwiesen, gab es zur Zeit der „Streitenden Reiche“ (476-221 v. Chr.) für den Daoismus keine bekannte organisierte Einheit. Man ordnete die daoistischen Meister vor allem wegen der Gemeinsamkeit ihrer Lehren der gleichen Schule zu. Nachdem von Laozi keine organisierte Lehrtätigkeit bekannt ist, ist es Zhuangzi (365-290 v. Chr.), wörtlich Meister Zhuang, der die Lehre des alten Meisters weiter ausbaute. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass Zhuangzi bei Laozi oder einem seiner Schüler gelernt hat. Auch berichtete er in seinen Schriften gleichermaßen von Laozi wie von Kongzi. Die Unterschiede zwischen Kongzi und Laozi lagen vielleicht auch nicht unbedingt in der Weltanschauung, sondern im Weg der Realisierung ihrer (gemeinsamen) Ideale. Sie ehrten beide die heiligen Ahnen des chinesischen Altertums und hofften, die alte ideale Welt wieder zu realisieren. Sie unterschieden sich aber in ihrer Art, wie sie die große Unruhe der damaligen Zeit angingen: Während Kongzi alles unternahm, um die alte Ordnung wieder herzustellen, wanderte Laozi still aus und ließ den Dingen ihren natürlichen Lauf. Dieser Unterschied prägte offensichtlich auch ihre Nachfolger: Während Mengzi mit den anderen Schulen heftig stritt, lebte Zhuangzi zurückgezogen, ohne sich in das Wirrwarr einzumischen. Eine Anekdote aus dem nach ihm benannten Werk veranschaulicht seine Haltung:

Zhuangzi fischte einst am Flusse Pu. Da sandte der König von Chu zwei hohe Beamte als Boten zu ihm und ließ ihm sagen, dass er ihn mit der Ordnung seines Reiches betrauen möchte.

Zhuangzi behielt die Angelrute in der Hand und sprach, ohne sich umzusehen: „Ich habe gehört, dass es in Chu eine göttliche Schildkröte gab, welche schon 3000 Jahren tot ist. Der König hält sie in einem Schrein mit seidenen Tüchern und birgt sie in der Halle des Tempels. Was meint Ihr nun? Wäre es dieser Schildkröte lieber, dass sie tot ist und ihre hinterlassenen Knochen also würdevoll geehrt werden, oder dass sie noch lebte und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zöge?“

Die beiden Beamten sprachen: „Sie würde es wohl vorziehen, zu leben und ihren Schwanz im Schlamme nach sich zu ziehen.“

Zhuangzi sprach: „Geht also zurück! Auch ich will lieber meinen Schwanz im Schlamme nach mir ziehen.“[1]

Diese Bevorzugung der Freiheit findet man durchgehend in seinem Werk. Der Titel des ersten Kapitels macht schon diese Botschaft deutlich: Das freie, unbeschwerte Wandern in Muße. Charakteristisch ist auch seine Haltung zum Tod:

Als Zhuangzis Frau starb, ging Huizi zu ihm, um ihm zu kondolieren.

Als er ihn auf dem Boden hockend, auf dem Becken trommelnd und singend vorfand, sagte er zu ihm: „Wenn eine Frau mit ihrem Mann gelebt und Kinder großgezogen hat und dann in ihrem hohen Alter stirbt, ist es wohl schon kritisch, nicht um sie zu trauern.  Doch du trommelst noch auf diesem Becken und singst, ist das nicht übertrieben?“

Zhuangzi antwortete: „Das ist nicht so. Als sie gerade gestorben war und mich alleine zurückließ, wie konnte ich mich nicht davon betroffen fühlen? Aber dann erkannte ich, dass sie von Beginn an ohne Geburt war. Nicht nur ohne Geburt, sondern auch ohne Form; nicht nur ohne Form, sondern auch ohne Qi (Energie, Wirkungskraft). Aus dunklem Chaos entfaltete sich das Qi aus der Wandlung. Das Qi wandelte sich und bildete die Formen. Die Formen wandelten sich, daher gab es die Geburt. Nun folgte aus der Wandlung der Tod. Das ist wie die Wandlung der vier Jahreszeiten. Da liegt sie nun, schlafend in der Großen Kammer. Wenn ich klage und heule, dann habe ich wohl den Lauf des Lebens noch nicht verstanden. Daher hielt ich damit inne!“ [2]

Die Haltung ist die Anknüpfung an Laozis Vorstellung vom natürlichen Lauf der Dinge. Sie widerspricht eben der herrschenden konfuzianischen Tradition. Die Betrachtung aller Dinge als Einheit kommt eben im Titel des 2. Kapitels seines Buches zum Ausdruck: Die Gleichbetrachtung der Dinge. Die vollkommene Freiheit durch das Transzendieren des Todes bildet eben die Essenz seiner Lehre.

Obwohl Zhuangzi immer wieder von Kongzi erzählte, sagte er wiederum kein Wort zu seinem Zeitgenossen Mengzi. Zur Zeit der „Streitgespräche der Hundert Schulen“, als so viele Gelehrte aller Richtungen unterwegs waren, ist es doch merkwürdig, dass die Vertreter der zwei bedeutendsten Strömungen einander nicht erwähnten. Es lag womöglich daran, dass sie wenig miteinander zu tun hatten. Ein anderer Grund könnte es sein, dass sie sich im Kern ihrer Lehren doch nicht als Konkurrenten sahen. Wohl könnte es auch daran liegen, dass sie beide zu ihrer Zeit nicht die überlegenen Stimmen waren: Sowohl Mengzi also auch Zhuangzi wurden zunächst nicht sonderlich beachtet. Zhuangzi erlangte erst lange nach seinem Tod einen großen Einfluss, und zwar etwa 500 Jahre später. Das nach ihm benannten Werk „Zhuangzi“ trug dann gemeinsam mit dem „Laozi“ (oder „Daodejing“) und dem Yijing (dem Buch der Wandlung) wesentlich zur Etablierung des Buddhismus in China bei. Auf die Lehre von Laozi und Zhuangzi werden wir daher „500 Jahre später“ im Vergleich mit dem Buddhismus näher eingehen. Später im 742 n. Chr. erhielt Zhuangzi vom damaligen Kaiser der Tang-Dynastie den Ehrentitel „Der Wahrhaftige von Nan Hua (Südlichem Blütenland) 南华真人 nan hua zhen ren“ verliehen. Das Werk „Zhuangzi“ verehrte man seit jener Zeit mit dem Namen „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland 南华真经nanhuazhenjing“.

Es ist zu bemerken, dass die philosophischen Diskussionen zu jener Zeit sich zumeist um Ethik und Politik drehten. Zhuangzi sprach sehr wohl über kosmologische oder metaphysische Themen. Jedoch begannen Diskussionen über den Ursprung des Universums und zum Leben nach dem Tod erst etliche Jahrhunderte später relevant zu werden. Dies passierte zu jener Zeit, als laut historischer Aufzeichnung der Buddhismus in China ankam. Daher könnte man vermuten, dass die buddhistische Kosmologie und Ideen über Leben und Tod diese Diskussionen angetrieben haben könnten. Es gibt allerdings keine Beweise über diesen Zusammenhang.

–> Fortsetzung folgt: „Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus“


[1] 庄子钓于濮水。楚王使大夫二人往先焉,曰:“愿以境内累矣!” 庄子持竿不顾,曰:“吾闻楚有神龟,死已三千岁矣。王以巾笥而藏之庙堂之上。此龟者,宁其死为留骨而贵乎?宁其生而曳尾于涂中乎?” 二大夫曰:“宁生而曳尾涂中。”庄子曰:“往矣!吾将曳尾于涂中。” _——《庄子 秋水》

[2] 莊子妻死,惠子弔之,莊子則方箕踞鼓盆而歌。惠子曰:「與人居長子,老身死,不哭亦足矣,又鼓盆而歌,不亦甚乎!」莊子曰:「不然。是其始死也,我獨何能無概然!察其始而本無生,非徒無生也,而本無形,非徒無形也,而本無氣。雜乎芒芴之間,變而有氣,氣變而有形,形變而有生,今又變而之死,是相與為春秋冬夏四時行也。人且偃然寢於巨室,而我噭噭然隨而哭之,自以為不通乎命,故止也。」——《庄子 至乐》

(Übersetzung der Zitate auf Basis jener von Richard Wilhelm und Viktor Kalinke mit Änderungen durch den Autor)



Kategorien:Buddhismus China, Daoismus / Taoismus, Philosophie

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