
Eine Maus streifte eines Abends auf der Suche nach Nahrung durch eine Scheune. Zwischen Säcken, Körben und Werkzeugen entdeckte sie einen großen Reiskrug aus traditionellem, glasiertem Ton. Neugierig kletterte sie hinauf und blickte über den Rand.
Tief unten lag ein Schatz: Der Krug war noch fast halbvoll mit feinstem Reis gefüllt.
Zuerst zögerte die Maus. Der Krug war tief, und die glatten Wände wirkten fremd. Doch der süße Duft der Körner stieg ihr in die Nase. Mit einem beherzten Sprung landete sie im weichen Reis. Sie fraß und genoss. Kein mühsames Suchen im Kalten, keine Gefahr durch Katzen oder Fallen. Nur Ruhe, Sicherheit und Überfluss.
Als die Nacht verging, sprang sie wieder hinaus. Am nächsten Abend kehrte sie zurück. Und am Abend darauf wieder.
Schließlich verbrachte sie immer mehr Zeit im Krug. Warum sollte sie auch die Kälte draußen suchen? Alles, was sie brauchte, war hier. Die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten. Unmerklich sank der Reisstand. Mit jedem Korn, das sie verzehrte, kam der harte Boden des Krugs ein wenig näher. Doch die Veränderung war so minimal, dass sie im Rausch der Bequemlichkeit kaum auffiel.
Manchmal blickte die Maus zum Rand hinauf. „Ich sollte wohl bald wieder öfter hinausgehen“, dachte sie. Dann nahm sie ein weiteres Reiskorn. „Morgen.“
Später erschien ihr der Rand schon überraschend hoch. „Morgen.“
Und schließlich kam der Tag, an dem kein Reis mehr übrig war. Die Maus stand auf dem nackten, kalten Tonboden. Zum ersten Mal sah sie ihre Lage in nackter Klarheit. Der Rand, der einst nur einen leichten Sprung entfernt gewesen war, ragte nun unerreichbar hoch über ihr auf.
Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Panik flammte auf. Sie sprang – und verfehlte die Kante weit. Ihre durch monatelange Trägheit geschwächten Muskeln versagten den Dienst. Sie warf sich verzweifelt gegen die Wände, versuchte ihre Krallen in das Material zu schlagen, doch die glatte, glasierte Keramik bot keinerlei Halt. Zudem wirkte der feine Staub der Reisstärke auf den Oberflächen wie ein Schmiermittel. Sie rutschte immer wieder ab, fiel hart zu Boden, während ihre Kräfte schwanden.
Bis sie schließlich erschöpft im Dunkeln saß. Da begriff sie: Nicht heute war ihr Gefängnis entstanden. Nicht gestern. Mit jedem Korn war es ein wenig höher geworden. Und jedes Mal, wenn sie „morgen“ gesagt hatte, war die Freiheit noch da gewesen. Heute war sie es nicht mehr.
Die Maus blickte hinauf zum fernen Lichtkreis über sich. Er war unverändert. Nur sie selbst war tiefer gesunken.
Kategorien:Anekdoten
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