Über das Herz Sutra (1): Eine kurze Geschichte der buddhistischen Schriften

Die Schriftzeichen, die das Hintergrundbild unserer Website so schön gestalten, stammen von einer Niederschrift des Herz Sutras. Kalligraphien dieses Textes findet man in unserem Wiener Tempel auf Schritt und Tritt, denn er spielt im ganzen ostasiatischen Buddhismus eine zentrale Rolle. Höchste Zeit daher, dass wir uns einmal näher mit dem „Maha Prajna Paramita Hrdaya Sutra“ bzw. „心经  xin jing“ beschäftigen!

Gautama Siddhartha, der historische Buddha, hinterließ wie viele große Gestalten der Menschheitsgeschichte selbst nichts Schriftliches. 40 Jahre lang lehrte er den Dharma (seine Lehre), während er ständig im Einzugsgebiet des Ganges (in Nordindien) herum wanderte, und er leitete tausende seiner Schüler zum Erwachen an. Unmittelbar nach seinem Tode versammelten sich zahlreiche seiner Nachfolger, alles Arhats, zu einem ersten Konzil, auf welchem der Wortlaut der ganzen Buddhalehre erinnert, abgeglichen und für die Nachwelt verbindlich festgelegt wurde: Ananda, der Cousin und treue Schüler Gautamas, rezitierte alle Lehrinhalte, die er in diesen langen Jahren vernommen hatte, aus dem Gedächtnis. Und die Versammlung der Arhats machte die Gegenprüfung mit ihrem Lehrwissen und ihrer Erinnerung und bestätigte so den Wortlaut. Als Erstes wurde so der Vinaya, die Sammlung der Ordensregeln für die Bhikkhus (Mönche), niedergelegt. Als Zweites ging man an den Sutta Pitaka, den „Korb“ der Lehrreden. Er ist folgendermaßen unterteilt:

  1. Die Sammlung der längeren Lehrreden[1] – wie der Name schon sagt: lange Suttas, mit dem Schwerpunkt auf kosmologische Zusammenhänge, Gesamtdarstellungen der Buddhalehre und Auseinandersetzungen mit anderen Lehren und Philosophien dieser Zeit.
  2. Die Mittlere Sammlung[2] – mittellange Suttas mit dem Fokus auf detailliertere Darlegungen von Aspekten der Buddhalehre.
  3. Die Gruppierte Sammlung[3] – Bestehend aus sehr kurzen Suttas und geordnet nach Themen, welche uns bei der Besprechung des Herz Sutras immer wieder nützlich werden wird, weil sie sehr konzentriert Lehrinhalte behandelt.
  4. Schließlich die Angereihte oder Nummerierte Sammlung[4] – Der Name kommt daher, weil sie nummeriert geordnet ist: im ersten Abschnitt finden sich Suttas, die ein Thema behandeln, im zweiten zwei Themen und so weiter bis zum 11. Abschnitt oder Buch.

Dies war also das Ereignis des „Feststellens des Wortlauts“ bei Gautamas Tod.

Etwa 500 Jahre lang hören wir aus heutiger Sicht fast nichts mehr von der Buddhalehre – aber gerade das ist ein deutliches Zeichen, dass diese fünf Jahrhunderte unmittelbar nach Gautama Buddhas Lebenszeit die größte Blütezeit des „Buddhismus“ war! Vinaya, Lehre (Dharma) und die Gemeinschaft (Sangha) waren vollständig, ungeteilt und einheitlich vorhanden, und in jeder Generation gab es zahlreiche Arhats. Genau wie es der Chan (Zen) 1000 Jahre später auch für sich in Anspruch nimmt, muss die Lehre damals wohl ausschließlich „von Angesicht zu Angesicht“, vom Meister zum Schüler, unverfälscht weitergegeben worden sein. Wie sollte es denn da ein Bedürfnis nach Schriften, nach Schulstreitereien, Kommentaren geben? Nur, dieses „goldene Zeitalter“ musste auch langsam zu Ende gehen…

Zu der Zeit um Christi Geburt werden für die heutige Forschung heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Sangha wahrnehmbar, und innerhalb kurzer Zeit spaltete sich die eine, ursprüngliche Lehre des Buddha in 18 „Sekten“ oder Schulen. Erst um diese Zeit hört man auch vom dritten „Korb“ der buddhistischen Überlieferung, dem Abidharma (systematische, philologische und philosophische Darlegungen des Dharma), der ab jetzt Vinaya und Sutta ergänzte. Es fällt auf, dass alle gegenwärtigen oder ausgestorbenen buddhistischen Schulen im Vinaya „Korb“ und im „Korb der Lehrreden“ sehr weitgehend übereinstimmen, aber jeweils einen eigenen speziellen Abidharma „Korb“ besitzen! Aus dieser „Zeit der 18 Schulen“ stammen nun auch die ersten buddhistischen Texte, auf Birkenrinde oder getrockneten Palmblättern als Schreibmaterial und in verschiedenen indischen Schriften.

Zu dieser Zeit geschah etwas ganz Wesentliches in der Geschichte des Buddhismus: Die Prajna Paramita Texte, zu denen auch unser Herz Sutra zählt, wurden niedergelegt und das Mahayana erschien auf der Bildfläche. Diese waren Reaktionen auf Fehlentwicklungen und Missverständnisse, die sich in der Lehre der verschiedenen 18 Schulen teilweise eingeschlichen hatten: nämlich eine Überbewertung und Verdinglichung der Kategorien und Gegenstände (der Dharmas) des Abidharma. Dies führte zu einem unterschwelligen „naiven Realismus“, der die Dharmas, die äußere Welt, und  Raum und Zeit als real gegeben nimmt und deswegen zu der Vorstellung kommt, dass der buddhistische Übende aus einer realen Welt mit ebenso realen Mitwesen auszubrechen hat, sie hinter sich zu lassen hat und für sich selbst die Erlösung – das „ins Nirvana kommen“ – anzustreben hat. Die Prajna-Paramita Schriften und der erste große Meister des Mahayana, Nagarjuna, betonen demgegenüber die Leerheit der Dharmas (Shunyata) und das große Mitgefühl für alle Mitwesen (Bodhicitta), welches aus der leibhaftigen Erkenntnis der Leerheit ganz natürlich, zwanglos entsteht. Diese Lehrinhalte waren in den Lehrreden Gautama Buddhas auch schon enthalten, das Mahayana legte nun aber ungleich viel mehr Gewicht auf diese 2 Aspekte, dies aufgrund der geänderten Bedingungen und Umstände – nun, über 500 Jahre nach der Lebenszeit Gautamas.

Nebenbei bemerkt finde ich dies ein schönes Anzeichen für die kreative Lebendigkeit des Buddhismus, dass so (bei gleichzeitiger Treue zum wesentlichen Inhalt der Lehre Gautamas) auf gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen reagiert und geantwortet wurde, anstatt in Buchstabengläubigkeit zu erstarren und geistig abzusterben.

Die Prajna Paramita Sutren stellen so geradezu das zweite „Drehen des Rades der Lehre“ dar, nachdem das erste und grundlegende Ingangsetzen des „Rades der Lehre“ die Lehrtätigkeit Gautama Buddhas war.

Nochmals einige Jahrhunderte später in Indien kam es sogar zu einem dritten „Drehen des Rades der Lehre“, mit der Etablierung der ausgefeilten Yogacara Philosophie durch zwei Halbbrüder, die großen Meister Asanga und Vasubandhu. Yogacara (das bedeutet Übungs-Wandel), auch unter dem Namen Vinnanavada (Nur-Bewusstsein-Schule) bekannt, prägte in der Folge besonders den chinesischen und japanischen Buddhismus, ist aber auch zusammen mit den unmittelbaren Schülern Nagarjunas, der Prasangika Madhyamika Schule, maßgeblich für den tibetischen Buddhismus. Interessant aus unserer Sicht (des Weges der Einheit) ist, dass Asanga selbst aussagte, die Yogacara Schriften vom zukünftigen Buddha Maitreya (unserem Ahnlehrer) diktiert bekommen zu haben.

Es fällt übrigens auf, dass vom gesamten Korpus der buddhistischen Überlieferung nur der Vinaya und die Sutren Sammlungen (die Nikayas und Agamas) ganz nüchtern-pragmatisch als vom Menschen Gautama stammend und durch Ananda und die Versammlung der Arhats übermittelt dargestellt werden. Alles andere reklamiert einen „übernatürlichen“ Ursprung für sich: Die Abidharma Werke sollen vom Buddha Gautama den Göttern im Tusita Himmel gelehrt und dann erst zu den Menschen herabgekommen sein, Prajna Paramita Sutras sollen ein Geschenk von Nagas (Schlangendämonen der indischen Mythologie) sein, und Yogacara Schriften eben von Buddha Maitreya gelehrt worden sein…

 

Ausblick

 

Dies war nur eine kurzgefasste Darstellung, viele interessante Details sind nicht berücksichtigt worden, da es ja vorrangig darum ging, die Stellung des Herz Sutras innerhalb der buddhistischen Literatur darzustellen: Es gehört also zu der riesigen Menge der Prajna Paramita Texte und stellt unter ihnen das kompakteste und kürzeste Sutra dar. Es setzt sich aus Sicht der höheren Weisheit (Prajna) mit den Ansichten der oben genannten 18 Abidharma Schulen, welche vom Mahayana als Hinayana bezeichnet werden, auseinander. Im Zuge der Erläuterungen zu den Versen des Sutras werden wir im Weiteren gemeinsam tiefer in die Buddhalehre eintauchen.

 

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[1] Pali: Dīgha Nikāya, Chinesisch: 长尼柯耶,长部

[2] Pali: Majjhima Nikāya, Chinesisch: 中尼柯耶,中部

[3] Pali: Samyutta Nikāya, Chinesisch: 相应尼柯耶,相应部

[4] Pali: Anguttara Nikāya, Chinesisch: 増支尼柯耶,増支部

Herz Sutra – Text DE/CN –>



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经, Zen, Chan

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