
Ein junger Mann betrat ein traditionsreiches Geschäft für feines Porzellan. Er war auf der Suche nach einer perfekten Schale. Er hatte einen klaren Plan: Er nahm eine Schale aus dem Regal und stieß sie nacheinander sanft gegen die anderen Ausstellungsstücke.
Doch jedes Mal, wenn das Porzellan aufeinandertraf, erklang nur ein dumpfer, trüber Ton. Enttäuscht schüttelte er den Kopf und probierte es mit der nächsten. Er wanderte durch den ganzen Laden, testete fast das gesamte Sortiment, doch kein einziges Stück stellte ihn zufrieden. Selbst die exklusivsten Meisterstücke, die der Ladenbesitzer stolz präsentierte, wies der junge Mann enttäuscht zurück.
Der Besitzer, der das Spiel eine Weile beobachtet hatte, trat neugierig näher: „Sagen Sie, junger Mann, was tun Sie da eigentlich? Warum stoßen Sie diese eine Schale ständig gegen all die anderen?“
Der junge Mann lächelte stolz. „Das ist ein Geheimtipp, den mir ein weiser Mentor gegeben hat. Wenn man zwei Schalen sanft aneinanderstößt und ein klarer, heller, fast singender Ton entsteht, dann hält man ein makelloses Meisterwerk in den Händen.“
Der Ladenbesitzer verstand sofort. Er lächelte mild, ging zum Regal, nahm eine andere Schale heraus und reichte sie dem Kunden. „Versuchen Sie es noch einmal. Nehmen Sie diesmal diese Schale als Ihr Prüfwerkzeug.“
Der junge Mann war skeptisch, tat aber, wie ihm geheißen. Und plötzlich geschah das Wunder: Egal, gegen welche Schale er die neue Testschale bewegte – es erklang jedes Mal ein glasklarer, wunderschöner, harmonischer Ton.
Ungläubig sah er den Besitzer an. „Wie ist das möglich? Warum klingen jetzt auf einmal alle Schalen so perfekt?“
Der Ladenbesitzer lachte leise. „Die Erklärung ist ganz einfach: Die Schale, die Sie zuerst in der Hand hielten und als Werkzeug benutzt haben, hatte selbst einen unsichtbaren Riss. Sie war fehlerhaft. Wenn Sie mit einem fehlerhaften Werkzeug prüfen, wird jeder Klang dumpf und trüb sein. Wenn Sie eine Schale von wahrer Qualität suchen, müssen Sie zuerst sicherstellen, dass die Schale, die Sie selbst in der Hand halten, makellos ist.“
Diese alte Parabel lässt sich eins zu eins auf unser modernes Leben und unsere geistige Haltung übertragen. Wie oft gehen wir mit einer inneren „Schale“ voller Misstrauen, Stress, Vorurteilen oder innerer Unruhe durch die Welt?
Kategorien:Anekdoten
Hinterlasse einen Kommentar