Das Lotussutra und die drei Fahrzeuge der Buddhalehre

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenland

Teil 5: Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Teil 6: Die Etablierung des monarchistischen Konfuzianismus als Staatsideologie ab der 2. Jh. v. Chr.

Teil 7: Huainanzi, das Lebenselixier und die „Unsterblichkeit“

Teil 8: Die Anfänge des Buddhismus in China

Teil 9: Mouzi, der erste chinesische Buddhist?

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Teil 1: Die Entwicklung des religiösen Daoismus und der daoistischen Elixierschule

Teil 2: Die Einführung der buddhistischen Mönchsregeln in China

Teil 3: Der Streit zwischen den Daoisten, Buddhisten und Konfuzianern

Teil 4: Die Qingtan-Strömung und die Lehre des Mystischen

Teil 5: Wang Bi über das Sein und das Nichts von Laozi

Teil 6: Guo Xiang über Zhuangzi und sein „Flötenspiel des Himmels

Teil 7: Guo Xiang über das Nichts, das Mystische und den Tod

Teil 8: Huiyuans Abhandlung über das Nichterlöschen des Geistes

Teil 9: Huiyuans Abhandlung über die Vergeltung des Karma und die drei Vergeltungszeiten

Teil 10: Huiyuans Gelübde zur Wiedergeburt im „Paradies des Westens“

Teil 11: Dao An und sein Aufstieg in den Tusita-Himmel

Teil 12: Die altchinesische und daoistische Vorstellung über den Tod 

Teil 13: Die daoistische Praxis zur Unsterblichkeit und zum Göttlichen

Teil 14: Die daoistische Vorstellung vom Jenseits und Reinkarnationskreislauf

Teil 15: „Kein Leben und Kein Tod“: Die Überwindung des Todes im philosophischen Daoismus

Teil 16: Die nicht ausgebrannte Zunge“: Kumarajivas Bedeutung für den chinesischen Buddhismus 

Teil 17: Nagarjunas Lehre der mittleren Betrachtung und Pingalas Kommentar

Teil 18: Sengzhaos Abhandlung zur Shunyata (Leerheit)

Teil 19: Das Lotussutra und die drei Fahrzeuge der Buddhalehre

Die Idee des Mahayana, sprich des Großen Fahrzeuges, sind den Mahayana Sutren zu entnehmen. In diesen Schriften wird aber nicht von einem Großen und einem Kleinen Fahrzeug (Hinayana) gesprochen, sondern von Drei Fahrzeugen (Sanskrit: Triyana; chinesisch: 三乘 san sheng), sinngemäß den drei Praxiswegen. Vor allem im Lotussutra (Sanskrit: Saddharma Sundarika Sutra; chinesisch: 妙法莲花经 miao fa lian hua jing), einem der einflussreichsten und ältesten Mahayana Sutren, ist eine schematische Erläuterung dieser Drei zu finden. Dieses Sutra wurde mehrfach vom Sanskrit ins Chinesische übersetzt. Die meist verwendete und verbreitete Version ist jene von Kumarajiva. Schwerpunktmäßig erläutert das Sutra das große Mitgefühl Buddhas, wie er geschickte Mittel (chinesisch: 方便fang bian; Sanskrit: upaya kaushalya) anwendet, um die verblendeten Wesen aus dem Samsara (Daseinskreislauf) zu retten. In den 28 Kapiteln des Werkes sind viele Gleichnisse zu finden, darunter eines der bekanntesten: Ein alter Vater, der seine spielenden Kinder aus einem brennenden Haus (welches das Samsara darstellt) retten will, lockt sie mit dem Versprechen kostbarer Spielzeuge: schöne Wagen mit Ziegen-, Hirsch- und Ochsengespann. Dieses Gleichnis aus dem 3. Kapitel des Sutra erklärt Buddha Gautama seinem Schüler Sariputra so:

Der Alte überlegt sich: „Dieses Haus brennt stark, wenn die Kinder und ich nicht sofort hinausgehen, werden wir darin umkommen. Ich muss mit geschicktem Mittel meine Kinder von diesem Unheil abbringen.“ Der Vater kennt die Vorlieben der Kinder und weiß, welch kostbare und seltene Dinge ihnen größte Freude machen. Er ruft daher ihnen zu: „Da sind Dinge, die ihr so sehr liebt, diese sind so selten und so schwer zu bekommen. Holt euch diese jetzt sofort, ansonsten werdet ihr es später bereuen! Da sind verschiedene Wagen mit Ziegen-, Hirschen- und Ochsengespann, die jetzt vorm Tor des Hauses stehen. Ihr könnt mit diesen spielen. Kommt schnell aus dem brennenden Haus heraus, dann gebe ich jedem das, was er sich wünscht.“ Als die Kinder nun von diesen kostbaren Dingen, welche sie sich vom Herzen wünschen, hören, kommen sie wetteifernd aus dem brennenden Haus heraus. Als der Alte sieht, wie alle Kinder unversehrt auf die Strasse kommen, sich dort auf den Boden setzen und alle Blockaden beseitigt haben, ist er im Herzen beruhigt und voller Freude. Nun sagt jedes Kind zum Vater: „Vater, bitte gib uns nun diese schönen Dinge, die Wagen mit Ziegen-, Hirschen- und Ochsengespann, welche du uns vorhin versprochen hast![1]

Der Vater gibt ihnen aber nicht die drei versprochenen Wagen, sondern jedem den gleichen Wagen mit dem Gespann des weißen Ochsens. Dieser ist hoch und breit, bestens ausgestattet, mit den sieben wertvollsten Schätzen ausgeschmückt und von zahlreichen Dienern und Knechten bewacht.Warum? Der Buddha erklärt es dem Sariputra so:

„Sariputra! […] Deren Hautfarbe (der weißen Ochsen) ist weiß (rein), deren Gestalt gefällig und deren Muskel stark, und deren Gang ist aufrichtig gerade und schnell wie der Wind. Warum macht der Alte das so? Er verfügt über unermessliche Schätze und Reichtümer, welche seine zahlreichen Schatzhäuser füllen. So überlegt er: „Meine Schätze sind unbegrenzt, ich kann doch meinen Kindern keine minderwertige, kleine Wagen geben. Ich liebe meine Kinder alle gleich. Ich habe unbegrenzt solch große Wagen, welche mit den sieben (kostbarsten Juwelen) geschmückt sind. Mit gleicher Zuneigung will ich daher jedem einen solchen geben. Ich will keinen Unterschied machen. Warum? Selbst wenn ich diese überall im Land verteilen würde, würden sie nicht zu knapp werden, warum dann weniger für meine Kinder.“ Nun steigt jeder Sohn auf einen großen Wagen. Sie haben etwas erhalten, was sie noch nie zuvor besaßen und nicht erwartet haben.“ [2]

Hat der Vater seine Kinder angelogen? Fragt Buddha:

„Sariputra! Was ist nun deine Meinung? Ist dieser Alte nun irgendwie falsch und lügnerisch, weil er seinen Kindern jeweils den gleichen großen Wagen mit kostbaren Juwelen gibt?“ [3]

Sariputra ist einer der wichtigsten Schüler Buddhas, der für seine Weisheit bekannt ist, und oft den Lehrer bei Lehrvorträgen vertritt. Er antwortet so:

„Nein, Weltverehrter! Dieser Alte schafft es, seine Kinder vor dem Feuer zu bewahren und rettet dadurch ihr Leben. Dies ist nicht falsch und lügnerisch. Warum? Schon weil er ihnen das Leben bewahrt hat, hat er ihnen bereits ein schönes, kostbares Geschenk gemacht. Ganz zu schweigen davon, dass der Vater sie mit geschicktem Mittel retten musste. Weltverehrter! Selbst wenn der Alte ihnen nicht einmal den kleinsten Wagen gibt, wäre er nicht falsch und lügnerisch. Warum? Sein Gedanke ist ja: „Ich will mit dem geschickten Mittel meine Kinder retten.“ Schon der Beweggrund ist nicht falsch und lügnerisch, ganz zu schweigen davon, dass der Alte angesichts seines unermesslichen Reichtums seine Kinder reichlich zu beschenken wünscht und jedem gleichermaßen den wertvollsten großen Wagen schenkt.“ [4]

Buddha zeigt sich zufrieden mit dieser Antwort und erklärt den Sinn des Gleichnisses:

„Gut, gut! Es ist so, wie du sagst, Sariputra! Genauso ist auch der Tathagata. Er ist wie der Vater der ganzen Welt. Er hat selbst alles an Furcht, Verzweiflung, Kummer und Verblendung restlos beendet und in sich unermesslich Wissen, Kraft und Furchtlosigkeit vollendet. Er besitzt große göttliche Kraft und Weisheit. Seine Weisheit und [seine Fähigkeit] geschickte Mittel [anzuwenden] ist vollkommen. Seine Güte und sein Mitgefühl sind groß und unermüdlich. Stets trachtet er danach, Gutes für alle zu tun. Daher ist er im verfallenen, brennenden Haus der drei Daseinswelten geboren, um die gewöhnlichen Wesen vom „Feuer“ der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes, von Kummer und Leid, von Torheit und Finsternis und von den drei Giften (Gier, Hass und Unwissen) zu befreien. Er will sie lehren und verwandeln, sodass sie das höchst vollkommene Erwachen erlangen. Aber er sieht die gewöhnlichen Wesen im „Feuer“ der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes, der Kummer und Besorgnisse brennen und aufgrund der fünf Sinnesvergnügen und des Profitstrebens mannigfache Leiden erfahren. Durch ihre Begierden und Bestrebungen leiden sie nicht nur im gegenwärtigen Dasein, sondern sie werden noch das Leid der Höllenwesen, der Tiere, der Hungergeister erfahren. Selbst wenn sie in den Himmelswelten oder unter den Menschen wiedergeboren werden, gibt es dennoch viel Leiden, wie die Armut und Not, die Trennung von Liebenden, das Zusammensein mit Verhassten und viele weitere Leiden. Obwohl in diese Notlage versunken, vergnügen sie sich und spielen darin, ohne zu erwachen und zu wissen, schrecken nicht auf und fürchten sich nicht, kennen keinen Überdruss und suchen nicht nach der Befreiung. „In dem brennenden Haus“ dieser drei Daseinswelten laufen sie umher und machen sich keine Sorgen, obwohl sie von großem Leid betroffen sind. [5]

Sariputra! Wenn der Buddha diese so sieht, überlegt er sich: „Ich bin wie der Vater aller Wesen, und ich will sie von diesen Leiden und Notlagen befreien und glücklich spielen lassen, indem ich ihnen unermessliche, unbegrenzte Weisheit und Freude des Buddha schenke.“

Sariputra! Der Tathagata überlegt ferner dies: „Wenn ich kein geschicktes Mittel anwende, sondern nur die göttliche Kraft und die Kraft der Weisheit benutze und bei den unterschiedlichen Wesen nur die Weisheit und die Kraft und Furchtlosigkeit des Tathagata preise, so kann ich die gewöhnlichen Wesen nicht befreien.“ Warum? Diese vielerlei Wesen sind noch in Geburt, Alter, Krankheit und Tod, in Kummer und Leid verfangen, sie brennen vielmehr noch im Flammenhaus der drei Daseinswelten. Wie sollen sie da die Weisheit Buddhas verstehen? [6]

Sariputra! Obwohl jener Alte Kraft im Leib und in den Händen hat, gebraucht er diese jedoch nicht. Nur mit dem geschickten Mittel befreit er entschlossen die Kinder aus der Gefahr des brennenden Hauses, und danach schenkt er jedem einen kostbaren, großen Wagen. So ist es auch mit dem Tathagata. Obwohl er Kraft hat und ohne Furcht ist, gebraucht er diese nicht. Einzig mit der Weisheit und dem geschickten Mittel befreit er die gewöhnlichen Wesen aus dem brennenden Haus der drei Daseinswelten: Er lehrt die drei Fahrzeuge, nämlich das Fahrzeug der Sravakas, Pratyeka-Buddhas und das Buddha-Fahrzeug. Und er spricht so zu ihnen: „Ihr alle! Strebt nicht danach, im brennenden Haus der drei Daseinswelten zu verweilen! Begehrt nicht die groben und minderwertigen Dinge, sprich die Formen, Töne, Düften, Geschmäcker und vom Tastsinn erfassbaren Dingen. Denn wenn ihr diese begehrt und Zuneigungen dadurch aufkommen lasst, werdet ihr verbrannt werden. Ihr sollt schnell die drei Daseinswelten verlassen und die drei Fahrzeuge der Sravakas, Pratyeka-Buddhas und des Buddhas erlangen. Ich gebe euch mein Versprechen, dass es sich so verhält, und es wird sich nicht als leer erweisen. Ihr müsst nur gewissenhaft üben und eifrig fortschreiten.“ Mit diesem geschickten Mittel kommt der Tathagata voran, sie zu überreden. Ferner spricht er so zu ihnen: „Ihr müsst wissen, alle Weisen preisen und bewundern diese Lehre der drei Fahrzeuge: frei und unabhängig, frei von Streben nach Stützen. Die drei Fahrzeuge (Praxiswege) werden durch die Wurzel zum Versiegen von Ausflüssen (Geistesgrundlage, welche das Freiwerden von Geistesbefleckungen ermöglicht), Kraft, Erkenntnis, Pfad, Versenkung, Befreiung und Geistesstabilität angetrieben und führen spielerisch zum unermesslichen Frieden und zur unermesslichen Freude.“ [7]

Das letzte der drei Fahrzeuge ist oben als das Buddha-Fahrzeug angeführt. Im Allgemeinen kennt man dieses als das Bodhisattva-Fahrzeug. Im weiteren Verlauf  des Lotussutra wird dieses auch als solches deklariert. Was die Merkmale der drei Fahrzeuge sind, beschreibt Buddha Gautama so:

Wenn da Lebewesen sind, die innerlich eine Veranlagung zur Weisheit besitzen, dem Buddha, dem Weltverehrten, folgend dessen Lehre hören und gläubig aufnehmen, gewissenhaft und eifrig voranschreiten, rasch den drei Daseinswelten zu entkommen wünschen und das Nirvana für sich suchen: Diese halten sich an das sog. Sravaka-Fahrzeug. Sie sind wie Kinder, die aus dem Grund, weil sie einen Ziegen-Wagen erstreben, aus dem brennenden Haus hinausgehen. [8]

Wenn da Lebewesen sind, die dem Buddha, dem Weltverehrten, folgend dessen Lehre hören und gläubig aufnehmen, gewissenhaft und eifrig voranschreiten und die natürliche Weisheit erstreben, das Alleinsein lieben und gut die Stille finden können sowie die Kausalität aller Phänomene tief erfassen: Diese halten sich an das sog. Pratyeka-Buddha-Fahrzeug. Sie sind wie jene Kinder, die sich den Wagen mit Hirsch-Gespann wünschen und deshalb das brennende Haus verlassen. [9]

Wenn da Lebewesen sind, die dem Buddha, dem Weltverehrten, folgend dessen Lehre hören und gläubig aufnehmen, gewissenhaft und eifrig voranschreiten, die allumfassende Weisheit, die Buddha-Weisheit, die natürliche Weisheit, die ohne Lehrer gewonnene Weisheit, das Wissen und die Sicht des Tathagata und die kraftvolle Furchtlosigkeit erstreben, aus Mitgefühl die unermessliche Zahl der Lebewesen befrieden und glücklich machen, dem Himmel und den Menschen Gutes tun und alle befreien: Diese haben das sogenannte Große Fahrzeug inne. Aufgrund dessen, dass die Bodhisattvas dieses Fahrzeug erstreben, nennt man sie Mahasattvas (Große Wesen). Sie sind wie jene Kinder, die, weil sie den Wagen mit den Ochsen erstreben, aus dem brennenden Haus gehen. [10]

Das Kommentarwerk zum Lotussutra von Ji Zang 吉藏 (549-623 n. Chr.) beschreibt das Sravaka-Fahrzeug als jene, die sich “rasch die drei Daseinsbereiche zu verlassen, die Wahrheit und das Heilige zu erkunden” wünschen [11]. Dieses bezeichnet er als das kleine Fahrzeug 小乘 xiao sheng. Und das Pratyekabuddha-Fahrzeug nennt er das mittlere Fahrzeug 中乘 zhong sheng.Das sind jene, welche “nicht direkt das Nirvana suchen”, “das Alleinsein und die Ruhe lieben” und “die Ursache und Bedingung aller Phänomene tief begriffen haben”.[12]

Die vier aufgezählten Weisheiten beim Großen Fahrzeug werden von Ji Zang so erklärt:

Mit der allumfassenden Weisheit ist die Weisheit der Leerheit gemeint. Die Buddha-Weisheit ist die Weisheit aller Grundlagen [aller Wesen]* und meint die Weisheit der Existenz.

*Wissen über die Ursachen der Existenz aller Wesen und über alle Wege zu deren Erlösung

Die allumfassende Weisheit kann auch die zwei Fahrzeuge (klein, mittel) miteinschließen. Aber die Weisheit aller Grundlagen trifft nur beim Buddha zu. Deshalb nennt man diese die Buddha-Weisheit.

Jener mit der natürlichen Weisheit hat klare Sicht über die Zustände der Leerheit und der Existenz  und beherrscht beide Weisheiten. Dies ist eben die Weisheit des Ohne-Tuns [ohne Anstrengung und ohne Rückfall].

Die ohne Lehrer gewonnene Weisheit bedeutet, dass die drei genannten Weisheiten nicht vom Lehrer zu erhalten sind. [13]     

Diese Aussagen erinnern an die mittlere Betrachtung der ultimativen (Leerheit) und konventionellen Wahrheit (Existenz). Mit der Verinnerlichung dieser Betrachtungsweise kann der Bodhisattva nicht mehr zurückfallen. Die Realisierung dieser Weisheit ist ein inhärenter Prozess und wird nicht von einem Lehrer an einen Schüler übertragen. Das heißt aber nicht, dass ein Lehrer einem nicht helfen kann, diese Realisierung zu erlangen. Ferner erklärt Jizang, mit “dem Wissen und der Sicht des Tathagata und der kraftvollen Furchtlosigkeit” ist jener, der das Buddha-Fahrzeug praktiziert, in der Lage, einerseits selbst über die Weisheiten zu verfügen, andererseits aus Mitgefühl den Wesen zum Frieden und Glück zu verhelfen. Das große Fahrzeug vereinigt daher Verdienste und Weisheit in einem. Die Bodhisattvas, die diesen Weg anstreben, werden daher “Mahasattva”, sprich “Großes Wesen”, genannt.[14] Die Bezeichnung „Bodhisattva Mahasattva“ wird seltener verwendet, verbreitet ist einfach nur „Bodhisattva“. Einem solchen wird zugesprochen, dass er unbeirrt das sog. „unübertreffliche vollständige Erwachen“ (Sanskrit: Anuttara Samyak Sambodhi; Chinesisch: 阿耨多罗三藐三菩提 anou duoluo sanmiao sanputi) anstrebt und somit die vollkommene Weisheit eines Buddha erlangt. Die Besonderheit des Bodhisattvaweges ist das Mitgefühl und der Wille, alle Lebewesen vom Leid zu erlösen und ihnen zum Erwachen zu verhelfen. Im Unterschied dazu suchen Sravakas und Pratyeka-Buddhas nur die Erlösung für sich allein.

Eine zusammenfassende Darstellung bringt der folgende Text aus dem Lotussutra:

Ebenso macht es der Tathagata. Er ist wie der Vater aller Wesen. Wenn er sieht, wie unermessliche Wesen über das Tor der Buddhalehre die Leiden der drei Daseinswelten verlassen, die gefährlichen Wege meiden und die Freude des Nirvana erlangen, überlegt sich der Tathagata: Ich besitze den Schatz der Lehre aller Buddhas, unermessliche, unbegrenzte Weisheit, Kraft und Furchtlosigkeit. Diese vielerlei Lebewesen sind alle wie meine Kinder. Ich will ihnen allen gleicherweise das große Fahrzeug geben, sodass niemand das Nirvana nur für sich allein erlangt, sondern alle erlangen das Erlöschen und Hinübergehen wie der Tathagata. Alle Lebewesen, welche derart den drei Daseinswelten entkommen, verfügen über die Freude der Versenkung und Befreiung gleich wie alle Buddhas, gepriesen und bewundert von den Weisen, und sie sind fähig, reine wunderbare und höchste Freude zu entfalten.[15]

So ist es auch mit dem Tathagata. Er ist nicht falsch und lügnerisch. Zunächst lehrt er die drei Fahrzeuge und leitet so alle Wesen an. Danach befreit er sie nur mit dem großen Fahrzeug. Warum macht er es so? Da der Tathagata über unermessliche Weisheit, Kraft und Furchtlosigkeit und den Schatz aller Lehren verfügt, vermag er allen Lebewesen die Lehre des Großen Fahrzeuges zu geben. Jedoch können es nicht alle erschöpfend aufnehmen. Sariputra! Du sollst diese Ursache wissen. Alle Buddhas unterscheiden nur zum Zwecke der Wirkung des geschickten Mittels das eine Buddha-Fahrzeug in drei (Fahrzeuge).[16]

Man erkennt die versöhnende Haltung dieser Lehre der drei Fahrzeuge. Sie stellt das Buddha-Fahrzeug als das einheitliche Ziel aller drei Wege dar. Der Weg dorthin kann auf unterschiedlicher Art und Weise erfolgen. Der Buddha hilft also mit geschickten Mitteln. Diese Haltung der flexiblen Belehrung kennt man von dem Gleichnis, in dem der Buddha als Heiler dargestellt wird, welcher immer die passende Medizin zur jeweiligen Krankheit kennt. Diese Unterscheidung der drei Fahrzeuge prägt maßgeblich den chinesischen Buddhismus. Dabei spielen neben dem Lotussutra noch weitere Schriften eine wesentliche Rolle, allen voran die Prajna Paramita Sutren, die Lehrreden zur vollkommenen Weisheit. Die Buddhisten in China lernten diese Sutren jedoch vor allem durch einen Kommentarwerk kennen, nämlich die Abhandlung der vollkommenen Weisheit von Nagarjuna.

–> Fortsetzung: Teil 20: Nagarjunas Abhandlung der vollkommenen Weisheit: Über die Prajna Paramita Sutren


[1] 爾時長者即作是念:『此舍已為大火所燒,我及諸子若不時出,必為所焚,我今當設方便,令諸子等得免斯害。』父知諸子、先心各有所好,種種珍玩奇異之物,情必樂著。而告之言:『汝等所可玩好、稀有難得,汝若不取,後必憂悔。如此種種羊車、鹿車、牛車,今在門外,可以遊戲。汝等於此火宅、宜速出來,隨汝所欲,皆當與汝。』爾時諸子聞父所說珍玩之物,適其願故,心各勇銳,互相推排,競共馳走,爭出火宅。是時長者見諸子等安隱得出,皆於四衢道中、露地而坐,無復障礙,其心泰然,歡喜踴躍。時諸子等各白父言:『父先所許玩好之具,羊車、鹿車、牛車,願時賜與。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[2] 舍利弗,爾時長者各賜諸子、等一大車,其車高廣,眾寶莊校,周匝欄楯,四面懸鈴。又於其上、張設幰蓋,亦以珍奇雜寶而嚴飾之,寶繩交絡,垂諸華纓,重敷婉筵,安置丹枕。駕以白牛,膚色充潔,形體姝好,有大筋力,行步平正,其疾如風。又多僕從、而侍衛之。所以者何。是大長者、財富無量,種種諸藏,悉皆充溢。而作是念,我財物無極,不應以下劣小車、與諸子等,今此幼童,皆是吾子,愛無偏党,我有如是七寶大車,其數無量,應當等心、各各與之,不宜差別。所以者何。以我此物、周給一國,猶尚不匱,何況諸子。是時諸子各乘大車,得未曾有,非本所望。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[3] 舍利弗,於汝意云何,是長者、等與諸子珍寶大車,寧有虛妄否?——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[4] 舍利弗言:「不也、世尊,是長者、但令諸子得免火難,全其軀命,非為虛妄。何以故。若全身命,便為已得玩好之具,況復方便,於彼火宅而拔濟之。世尊,若是長者,乃至不與最小一車,猶不虛妄。何以故。是長者先作是意:『我以方便、令子得出。』以是因緣,無虛妄也。何況長者、自知財富無量,欲饒益諸子,等與大車。」——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[5] 佛告舍利弗:「善哉善哉,如汝所言。舍利弗,如來亦復如是,則為一切世間之父。於諸怖畏、衰惱、憂患、無明闇蔽,永盡無餘,而悉成就無量知見、力無所畏,有大神力及智慧力,具足方便、智慧波羅蜜,大慈、大悲,常無懈倦,恒求善事,利益一切。而生三界朽故火宅,為度眾生、生老病死、憂悲、苦惱、愚癡、闇蔽、三毒之火,教化、令得阿耨多羅三藐三菩提。見諸眾生為生老病死、憂悲、苦惱、之所燒煮,亦以五欲財利故、受種種苦,又以貪著追求故,現受眾苦,後受地獄、畜生、餓鬼、之苦,若生天上、及在人間,貧窮困苦、愛別離苦、怨憎會苦、如是等種種諸苦。眾生沒在其中,歡喜遊戲,不覺不知,不驚不怖,亦不生厭,不求解脫。於此三界火宅、東西馳走,雖遭大苦,不以為患。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[6] 舍利弗,佛見此已,便作是念:『我為眾生之父,應拔其苦難,與無量無邊佛智慧樂,令其遊戲。舍利弗,如來復作是念:『若我但以神力、及智慧力,捨於方便,為諸眾生讚如來知見、力無所畏者,眾生不能以是得度。所以者何。是諸眾生,未免生老病死、憂悲、苦惱,而為三界火宅所燒,何由能解佛之智慧。』——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[7] 「舍利弗,如彼長者、雖復身手有力,而不用之,但以殷勤方便、勉濟諸子火宅之難,然後各與珍寶大車。如來亦復如是,雖有力、無所畏,而不用之,但以智慧方便,於三界火宅、拔濟眾生,為說三乘、聲聞、辟支佛、佛乘,而作是言:『汝等莫得樂住三界火宅,勿貪粗敝、色聲香味觸也。若貪著生愛,則為所燒。汝速出三界,當得三乘、聲聞、辟支佛、佛乘,我今為汝保任此事,終不虛也。汝等但當勤修精進。』如來以是方便、誘進眾生,復作是言:『汝等當知此三乘法,皆是聖所稱歎,自在無繫,無所依求。乘是三乘,以無漏根、力、覺、道、禪定、解脫、三昧、等,而自娛樂,便得無量安隱快樂。』——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[8] 「若有眾生,內有智性,從佛世尊聞法信受,殷勤精進,欲速出三界,自求涅槃,是名聲聞乘,如彼諸子為求羊車、出於火宅。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[9] 若有眾生,從佛世尊聞法信受,殷勤精進,求自然慧,樂獨善寂,深知諸法因緣,是名辟支佛乘,如彼諸子為求鹿車、出於火宅。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[10] 若有眾生,從佛世尊聞法信受,勤修精進,求一切智、佛智、自然智、無師智、如來知見、力無所畏,愍念、安樂無量眾生,利益天人,度脫一切,是名大乘,菩薩求此乘故,名為摩訶薩,如彼諸子為求牛車、出於火宅。」——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[11] 欲速出三界明真圣也。是名声闻乘辨无学。——《法华义疏 譬喻品 吉藏》 

[12] 中乘人不正求涅槃。[…] 乐独善寂也。深知诸法因缘。——《法华义疏 譬喻品 吉藏》

[13] 求一切智谓空智也。佛智者一切种智谓有智也。一切智或时通于二乘。如波若三慧品说。二乘名一切智。若是一切种智但在于佛。故以佛名标一切种智也。自然智者总明二种智任运能知空有二境。即是无功用智也。无师智者前之三智并不从师得故云无师智。——《法华义疏 譬喻品 吉藏》

[14] 如来知见力无所畏者。上直明四智。今更辨四智。谓知见及力无所畏两双也。佛乘虽具众德以智为其宗。故广明智也。愍念安乐下。前举智慧门即是自德。今举功德门谓化他德。大悲称愍。大慈为念。双标二门也。安乐与利益异者。与乐果为安乐。与善因为利益。释大慈德也。度脱一切者释大悲德。度苦脱集。对上大慈亦有二意也。是名大乘者总结功德智慧自行化他为大乘体也。菩萨求此乘故名为摩诃萨者。——《法华义疏 譬喻品 吉藏》

[15] 舍利弗,如彼長者、見諸子等安隱得出火宅,到無畏處,自惟財富無量,等以大車而賜諸子。如來亦復如是,為一切眾生之父,若見無量億千眾生,以佛教門、出三界苦、怖畏險道,得涅槃樂。如來爾時便作是念:『我有無量無邊智慧、力無畏等諸佛法藏,是諸眾生,皆是我子,等與大乘,不令有人獨得滅度。』皆以如來滅度而滅度之。是諸眾生脫三界者,悉與諸佛禪定、解脫、等娛樂之具,皆是一相、一種,聖所稱歎,能生淨妙第一之樂。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三

[16]舍利弗,如彼長者、初以三車誘引諸子,然後但與大車,寶物莊嚴,安隱第一,然彼長者無虛妄之咎。如來亦復如是、無有虛妄,初說三乘、引導眾生,然後但以大乘而度脫之。何以故。如來有無量智慧、力無所畏諸法之藏,能與一切眾生大乘之法,但不盡能受。舍利弗,以是因緣,當知諸佛方便力故,於一佛乘、分別說三。——妙法蓮華經卷第二譬喻品第三


(Zitate überarbeitet auf Basis der Übersetzung von Margareta von Borsig, Lotos-Sutra, Neuausgabe 2013, Herder Verlag)

(Mit Korrekturen von Ursula Presslauer, Birgit Seissl, Roland Parth, Jörg Hollenstein und Alexander Maurer)



Kategorien:Buddhismus China

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