Die Kunst der inneren Achtsamkeit und das Prinzip von Maß und Mitte

Ein Zitat aus dem Buch „Gesammelte Worte des Seniorobermeister Gao“, eine Sammlung von Zitaten des Seniorobermeisters Gao Binkai

Im Klassiker Maß und Mitte heißt es: „Ein Mensch von wahrer Geistesgröße ist wachsam und behutsam an den Orten, die kein Auge sieht, und von Ehrfurcht erfüllt in den Momenten, die kein Ohr hört. Nichts zeigt sich deutlicher als das Verborgene, und nichts tritt klarer zutage als das Unscheinbare. Deshalb wahrt der Edle die Achtsamkeit vor allem dann, wenn er ganz mit sich allein ist.“

Sollten sich in unserem Inneren unaufrichtige oder fehlerhafte Gedanken regungsvoll zeigen, gilt es, diese entschlossen und ohne Nachsicht an der Wurzel zu packen. Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass sie Form annehmen, Schatten werfen und sich schließlich zu einem großen Unheil auswachsen – was zutiefst bedauerlich wäre. Denken wir etwa an den gegenseitigen Respekt im Umgang miteinander, die bewahrte Distanz im Miteinander der Geschlechter, das Wahren der ethischen Ordnung in der Gemeinschaft oder die absolute Transparenz in finanziellen Belangen: Über all dies ist sich unser eigenes Gewissen im Tiefsten im Klaren. Wir dürfen nicht den geringsten ungebührlichen Impuls in uns nähren. Sollte dennoch ein solcher Gedanke auftauchen, gilt es, ihn sogleich vor der Himmlischen Mutter[1] zu bereuen und abzulegen. In unserem Herzen sollte stets allein die reine Ausrichtung lebendig sein, den Weg der Kultivierung zu gehen und zum Wohl aller Mitmenschen zu wirken.

Doch im alltäglichen Miteinander mit den Weggefährten geschieht es nur zu leicht, dass wir ins Übermaß oder ins Unzureichende geraten und das rechte Maß verlieren. Wenn wir etwa schlecht gestimmt sind, am liebsten jemanden anfahren oder einen Streit anfangen möchten, sind solche Impulse oft schwer zu zügeln. In solchen Augenblicken ist es weise, das Herz erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen, durchzuatmen und die innere Stabilität wiederzufinden. Wenn wir mit einem friedvollen Gemüt nach innen blicken und störende Unstimmigkeiten im offenen Gespräch miteinander klären, wandeln sich Spannungen ganz von selbst in Harmonie und Segen.

Darum heißt es im Buch Maß und Mitte weiter: „Die innere Mitte ist das große Fundament der Welt; die Harmonie ist der universelle Weg. Gelangt man zu Mitte und Harmonie, finden Himmel und Erde ihren rechten Platz, und alle Dinge können gedeihen.“

Was bedeutet nun „die Mitte“? Es bedeutet, dass unser Geist eine klare innere Ordnung besitzt und wir ganz natürlich aus dieser Mitte heraus handeln. Unterschiedliche Rollen haben ihre jeweilige Verantwortung, wir als Mitwirkende einer Dao-Gemeinschaft haben besonders darauf zu achten: Wer Mutter ist, entfalte Mütterlichkeit; wer Tochter ist, wahre die kindliche Ehrerbietung.[2] Auch unter Geschwistern gilt es, die jeweilige Haltung von Wertschätzung und Zusammenhalt zu wahren. Für unseren gemeinsamen Weg gilt daher: Die Erfüllung unserer menschlichen Beziehungen steht an erster Stelle – leben und handeln wir stets getreu der Rolle, in der wir uns gerade befinden.


––Aus dem „Gesammelten Worte des Seniorobermeister Gao“, Seite 241-245


[1] Im Zuge der Vereinigung der drei Schulen in China die Bezeichnung „Die ungeborene (unerschaffene) himmlische Mutter“ (无生老母), die als die personifizierte Darstellung des Begriffes Dao oder Wuji verehrt wird. Im Stillen ist sie leer ohne Ton und Form, ohne Entstehen und Vergehen. Im Aktiven entfaltet sich aus ihr alle Wesen. Diese ist daher Leere und Form zugleich und ist daher nicht ein externes, individuelles Wesen, sondern die Einheit oder Gesamtheit, Sie die inhärente Natur aller Wesen.

[2] Die gezielte Wahl dieser rein weiblichen Rollenbilder – zusammen mit der Erwähnung der Geschwister – deutet stark darauf hin, dass die ursprüngliche Ansprache des Meisters vor einer überwiegend oder ausschließlich weiblichen Zuhörerschaft (wie einer Frauen- oder Mütter-Gruppe der Gemeinschaft) gehalten wurde.


中庸裏有一段話:「君子戒慎乎其所不睹,恐懼乎其所不聞,莫見乎隱,莫顯乎微,故君子慎其獨也。」我們心中若有不正、錯誤的念頭,要很不客氣的連根拔除,千萬別讓它成形成影,釀成大禍,可就非常遺憾了。比方說上下之禮、乾坤之別、道場倫常、財務清白……,這些是我們內心最清楚的,絕不能存一絲毫非份的心念,倘若有,馬上向 老母懺悔革除,我們心中唯有辦道為眾生的修辦理念。

可是,往往和道親天天在一起辦事,我們會有過之或不及,不合中庸的地方,例如心情不順,很想罵人,想與人吵一架,這都是很難抑遏的,不妨先將心放下,輕鬆,穩定下來,用平和的心念看回來,彼此溝通困擾的心結,自然會化戾致祥,所以中庸又言:「中也者,天下之大本也;和也者,天下之達道也。致中和,天地位焉,萬物育焉。」什麼叫「中」?自己心裏有個條理,自然心在做事。像我們當壇主、辦事的人,要非常注意自己的本份,我是媽媽,我是女兒,我有慈的本份,我有孝的本份;妹妹、哥哥,我們兄妹各守悌道的本份,所以大家修道要「以人倫為先,素其位而行」。

——《高老前人慈語集錦第二百四十一至二百四十五頁》

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