
Es war die stetige Wiederkehr derselben beiläufigen Demütigung, die diesen morgendlichen Gang begleite. Jeden Tag trat der alte Herr in den kleinen Laden an der Ecke, um seine Zeitung zu erstehen. Und jeden Tag erwartete ihn hinter dem Tresen dieselbe kühle, schier demonstrative Arroganz. Der junge Mann dort würdigte ihn keines Blickes, warf das Wechselgeld mit einer fast verächtlichen Beiläufigkeit auf das Holz und strahlte eine Abweisung aus, die jeden anderen verwundet hätte.
Ein Freund, der ihn an diesem Morgen begleitete, beobachtete das stumme Drama. Er fühlte, wie die Empörung in ihm hochstieg, ungeduldig und scharf. Kaum hatten sie die Schwelle zum Bürgersteig überschritten, brach es aus ihm heraus: „Warum erduldest du das Tag für Tag? Warum gehst du nicht zwei Straßen weiter? Warum beugst du dich dieser alltäglichen Niedertracht?“
Der alte Herr hielt inne. Ein feines, beinahe unmerkliches Lächeln stieg in seinen Zügen auf – nicht aus Bitterkeit, sondern aus jener tiefen Gelassenheit, die nur das Verständnis menschlicher Schwächen schenkt.
„Wenn ich mich hinreißen ließe, wegen seiner Laune einen Umweg zu gehen“, sagte er leise, „dann hätte ich ihm die Macht gegeben, meinen Weg zu bestimmen. Ich müsste Zeit opfern, mich bemühen, mich fügen. Seine Unhöflichkeit ist sein Schicksal, seine Last, sein Unvermögen. Warum sollte ich mir von seiner Dunkelheit den Frieden meines eigenen Morgens rauben lassen?“
Bild von NoName_13 auf Pixabay
Kategorien:Anekdoten
Hinterlasse einen Kommentar