Die Bedeutung von „Bodhisattva“

Herz Sutra – Die Bedeutung von „Bodhisattva“

– Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 22.10.2020

Die Bedeutung von „Bodhisattva“ wurde auf unserer Seite „Praxis“ bereits kurz beleuchtet. Bodhi, das ist das Erwachen, die Erleuchtungserfahrung. Sattva kann in den indischen Sprachen zwei Bedeutungen haben: die erste ist „Wesen“, die zweite ist „erstreben, anstreben“. So ist ein Bodhisattva ein „Erwachungswesen“ oder ein „das Bodhi Anstrebender“.

Wenn Gautama Buddha in den Nikayas (Lehrreden Buddhas aus dem Pali Kanon) von seinem Werdegang erzählt, benutzt er das Wort häufig in der zweiten Bedeutung:

 „damals, ihr Bhikkhus, vor dem Erwachen, als ich lediglich ein unerwachter Bodhisattva war….“.

Im Mahayana Buddhismus wird das Wort oft im ersten Sinn verstanden. In einem der einflussreichsten und ältesten Mahayana Sutren – dem Lotus Sutra (Sanskrit: saddharma puṇḍarīka sūtra; chinesisch: 妙法莲花经miao fa lian hua jing) – erklärt Buddha mit Gleichnissen, wie er geschickte Mittel anwenden musste, um die verblendeten Lebewesen aus dem Samsara zu retten:  Wie ein Vater, der seine spielenden Kinder aus dem brennenden Haus herausholen möchte. Er lockt sie mit dem Versprechen von kostbaren Spielzeugen: schöne Wagen mit Ziegengespann, Hirschgespann und Ochsengespann. Diese drei Fahrzeuge werden im Lotus Sutra wie folgt beschrieben:

Wenn es Lebewesen gibt, die innerlich weise sind, die dem von aller Welt verehrten Buddha folgen und die Lehre hören, sie gläubig aufnehmen, gewissenhaft und eifrig voranschreiten, rasch den drei Welten zu entkommen wünschen und das Nirvana für sich suchen: diese halten sich an das sog. Sravaka-Fahrzeug; Sie sind wie Kinder, die aus dem Grund, weil sie einen Ziegen-Wagen erstreben, aus dem brennenden Haus hinausgehen.

Und wenn da Lebewesen sind, die dem Buddha, dem von aller Welt Verehrten, folgen, dessen Lehre hören und gläubig aufnehmen, gewissenhaft und eifrig voranschreiten und selbstgewonnene Weisheit erstreben, sich nach der Ruhe eigener Gutheit sehnen und die Ursache und Wirkung aller Gesetze tief erfasst haben: diese halten sich an das sog. Pratyeka-Buddha-Fahrzeug. Sie sind wie jene Kinder, die sich den Wagen mit Hirsch-Gespann wünschen und deshalb das brennende Haus verlassen.

Wenn da gar Lebewesen sind, die dem Buddha, dem von aller Welt Verehrten, folgen und die Lehre hören und gläubig aufnehmen, die ebenfalls gewissenhaft und eifrig voranschreiten und die Weisheit von allem erstreben: die Buddha-Weisheit, die selbstgewonnene Weisheit, die Weisheit, die ohne Lehrer gewonnen, die Kenntnis des Tathagata, die Kraft und die Furchtlosigkeit, die unermessliche Lebewesen bemitleiden und in friedvoller Festigkeit erfreuen, die Göttern und Menschen segensreiche Zuwendungen geben und die alle befreien: diese haben das sogenannte Große Fahrzeug inne. Aufgrund dessen, dass die Bodhisattvas dieses Fahrzeug erstreben, nennt man sie Mahasattvas (Große Wesen). Sie sind wie jene Kinder, die, weil sie den Wagen mit den Ochsen erstreben, aus dem brennenden Haus gehen. [1]

Die drei Fahrzeuge entsprechen also jeweils den Weg des Sravakas, Pratyekabuddhas und des Bodhisattva-Mahasattvas. In den Mahayana Schulen spricht man bei den ersten zwei vom sog. Hinayana, dem kleinen oder geringeren Fahrzeug. Das große Fahrzeug ist somit den Bodhisattvas zugeschrieben. Die Bezeichnung „Bodhisattva Mahasattva“ wird seltener verwendet, verbreitet ist einfach nur „Bodhisattva“. Obwohl im wörtlichen Sinn auch ein Sravaka oder ein Pratyekabuddha ein „das Erwachen Anstrebender“ ist, gelten in den Mahayana Schulen nur jene „Erwachungswesen“ als Bodhisattva, die unbeirrt das sog. „unübertreffliche vollständige Erwachen“ (Sanskrit: Anuttara Samyak Sambodhi; Chinesisch: 阿耨多罗三藐三菩提 a nou duoluo sanmiao sanputi) anstreben. Ein Bodhisattva des Mahayana ist jener, der danach sucht, das Buddhatum zu erlangen. Aus seiner Natur heraus hegt er die Weisheit und das Mitgefühl und gelobt, alle Lebewesen vom Leid zu erlösen und sie zum Erwachen zu verhelfen. Aus der undifferenzierten Betrachtung aller Wesen ist die Erlösung aller Lebewesen gleich wie das Streben nach dem Buddhatum.   

Allerdings sollte die Ebene der Wortbedeutung, auf der wir uns hier bewegen, nicht überschätzt werden: in der Chan (Zen) Schule, also auch beim Ahnlehrer Huineng, gilt: „Das eigene Urwesen ist an sich erwacht“ und wir sollten uns beim Nachdenken über buddhistische Konzepte („Ist ein Bodhisattva erwacht oder nicht?“) nicht im „Dickicht der Ansichten“ verlaufen. Zumal man sich ja nicht für eine der beiden Bedeutungen exklusiv entscheiden muss, sie schließen einander nicht aus: der Weg des Bodhisattva ist ja wohl der umfassende Weg für beide Wesen.

Die Praxis des Bodhisattvas sind die sechs Paramitas, welche im vorangegangen Blogbeitrag eingehend besprochen worden sind. Dieser Weg beginnt immer mit einem Gelübde. Eine verblendete Willensbildung gilt als Ursache für die Karmafolgen im Samsara. Ein Gelübde aus dem erwachten Geist heraus stellt wiederum die Ursache der tugendhaften Verdienste dar, welche zum Erlangen des Buddhatums führen. Die bekannten großen Bodhisattvas haben im Laufe ihrer Entwicklung aus der Güte und Barmherzigkeit heraus oft zahlreiche Gelübde geleistet. Das bekannteste Bodhisattva-Gelübde davon ist die sog. „vier großen Schwüre“:

[Ich] Gelobe, die Lebewesen, zahllos, zu befreien.

[Ich] Gelobe, die Trübungen restlos auszulöschen.

[Ich] Gelobe, die Lehre endlos zu studieren.

[Ich] Gelobe, das allerhöchste Buddhawesen zu erlangen.[2]

Um den Aspekt „alles ist Geist“ hervorzuheben und die Nicht-Anhaftung an Formen zu betonen, hat der 6. Ahnlehrer Huineng in seinem Podium Sutra dieses Gelübde wie folgt präzisiert:

[Ich] Gelobe, die Lebewesen im eigenen Geist zahllos zu befreien.

[Ich] Gelobe, die Betrübungen des eigenen Geistes restlos auszulöschen.

[Ich] Gelobe, den Dharma des eigenen Urwesens endlos zu studieren.

[Ich] Gelobe, das allerhöchste Buddhatum des eigenen Urwesens zu erlangen.[3]

Die Geisteshaltung, die in diesem Gelübde ausgedrückt wird, ist der erste Schritt des Weges des Bodhisattvas. Sie ist das sog. Bodhicitta, der Geist (Citta) des Erwachens: Es ist die Haltung der unerschütterlichen Weisheit und des umfassenden Mitgefühls.

Dazu der Erhabene Lehrer des Weges der Einheit:

Alle Lehren dienen dazu, den Praktizierenden zur Entfaltung des Bodhicittas zu inspirieren. Mit diesem Geist hat man dann den Weg des Bodhisattvas zu praktizieren: Selbstlos werden! Je mehr man das Ego loslässt, desto besser ist man imstande, selbst zu erwachen und den Nächsten zu wecken. Egal welche Lehre oder Methode man dazu verwendet, beachte einfach, dass man aus dem barmherzigen Geist heraus handelt. Verliert man das Bodhicitta, dann ist das Studieren des Dharmas nutzlos, da man seinen natürlichen Sinn nicht kennt. Kommt das Bodhicitta einmal vollkommen zur Auswirkung, dann wird die Errungenschaft groß werden. […] Mit dem Dharma des eigenen [Ur]wesens den eigenen Geist beleuchten und reflektieren und so stets den erwachten Sinn bewahren. […][4]

Die bekanntesten und beliebtesten Bodhisattvas sind wohl Maitreya und Avalokiteshvara. Diese werden quer durch alle buddhistischen Schulen geehrt. Maitreya bedeutet die Güte, Avalokiteshvara steht für die Barmherzigkeit. Der Letztere ist zugleich der Sprecher des Herz Sutras. Daher werden wir im nächsten Beitrag den Bodhisattva Avalokiteshvara näher kennenlernen. (Fortsetzung folgt)


[1] Lotus Sutra, Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus, vollständige Übersetzung von Margareta von Borsig, Verlag Herder, Neuausgabe 2013, Kapitel III: Ein Gleichnis, S. 111 ff.; geringfügige Veränderung durch den Autor

[2] 众生无边誓愿度,烦恼无边誓愿断,法门无尽誓愿学,无上佛道誓愿成。

[3] 自心众生无边誓愿度,自心烦恼无边誓愿断,自性法门无尽誓愿学,自性无上佛道誓愿成。

[4] 活佛师尊:[…] 以种种法门引发大众能发此心,一旦能发菩提心时,所要做的就是菩萨行,菩萨行就是忘了自己,在浑然忘我时,才能自觉而觉他。[…] 在决定使用什么法门时,切记必须持大悲心,否则,失去菩提心(本心),学法无益。大悲心全然奋发而出时,成就将会更大。[…] 所以,不要忘记成就自己的自性,以内在的自性法门时时回光返照,照觉自性,[…]

<– Die sechs Paramitas (六度波羅蜜)

–> Der Bodhisattva Avalokiteshvara



Kategorien:Buddhismus, Herzsutra 心经

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