Podiumsutra – Kap. 6 (3): Die formlosen Gelübde und Bekenntnisse

 

 

 

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers – Kap. 6 (3): Die formlosen Gelübde und Bekenntnisse

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat

 

Im letzten Beitrag sprach Huineng über die „formlose Reue“. Die Sammlung des Geistes, die Selbstreflexion ermöglicht, lässt das eigene Urwesen wieder aufscheinen und befreit von den Folgen begangener Handlungen. Weiterhin auf dieser Ruhe und Reinheit des Geistes basierend sprach Huineng dann über das Bodhisattva-Gelübde und das Bekenntnis zu den drei Schätzen. Dieses Gelübde (das die Schüler ihm nachsprachen) ist die bekannte vierfache große Willensverkündung:

[Ich] Gelobe, die Lebewesen, zahllos, zu befreien.

[Ich] Gelobe, die Trübungen restlos auszulöschen.

[Ich] Gelobe, die Lehre endlos zu studieren.

[Ich] Gelobe, das allerhöchste Buddhawesen zu vervollkommnen. [1]

Huineng betont dass man sich dabei nicht an die Formen anhaften darf und ergänzte daher:

[Ich] Gelobe, die Lebewesen im eigenen Geist zahllos zu befreien.

[Ich] Gelobe, die Betrübungen des eigenen Geistes restlos auszulöschen.

[Ich] Gelobe, den Dharma des eigenen Urwesens endlos zu studieren.

[Ich] Gelobe, das allerhöchste Buddhatum des eigenen Urwesens zu vervollkommnen.[2]

Die Geisteshaltung, die in diesem Gelübde ausgedrückt wird, ist der erste Schritt des Weges des Bodhisattva – des Wesens (Sattva) welches das Erwachen (Bodhi) anstrebt oder die Erwachten unter den Lebewesen. Sie ist der oder das Bodhicitta: der Geist (Citta) des Erwachens. Es ist eine Haltung des umfassenden Mitgefühls: den Willen, allen Lebewesen bei der Befreiung vom Leid (Dukkha) zu helfen. Hat man einen Sinn für die Einheit und die Leerheit der Welt und der Phänomene in ihr bekommen, sieht man, dass sowohl Lebewesen als auch Buddha nicht in einem „Außen“ zu finden sind. Alles ist dem Geiste entsprungen, wie der allererste Vers der Spruchsammlung Dhammapada sagt, und manifestiert sich durch unsere eigenen Tatabsichten:

Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Kommt aus getrübtem Geist dein Wort und dein Betragen.
So folgt dir Unheil, wie dem Zugtier folgt der Wagen.

Den Dingen geht der Geist voran; der Geist entscheidet:
Entspringen reinem Geist dein Wort und deine Taten,
folgt das Glück dir nach, unfehlbar wie dein Schatten. [3]

 

Um anderen zu helfen muss man bei sich selbst beginnen. Auch Befleckungen des Herzens sind nicht von außen verursacht, sondern von den eigenen geistigen Anhaftungen. Sowohl Buddha als auch Dharma außerhalb des Geistes zu suchen wird nicht zum Ziel führen!

Huineng spricht dann über das Bekenntnis zu den drei Schätzen. Darunter versteht man im Buddhismus allgemein: den Buddha, die Buddhalehre (Dharma) und die Gemeinschaft der Nachfolger (Sangha), letzteres oft im speziellen Sinn auf den Mönchsorden bezogen. Diese letztere Ansicht aber, als ob nur ein ordinierter buddhistischer Mönch zielführend praktizieren kann, weist Huineng, in Übereinstimmung mit Buddha Sakyamuni selbst, zurück. Wir hören seine Erläuterung zu den drei Schätzen:

Meine Aufforderung an euch, edle Weggefährten: Bekennt euch zu den drei Schätzen des eigenen Urwesens.

Buddha ist: das Erwachen (des Urwesens)

Dharma ist: die Aufrichtigkeit (im Geiste)

Sangha ist: die Reinheit (des Körpers, der äußeren Sinnesgrundlagen)

Wenn der eigene Geist sich zum Erwachen [des Urwesens] bekennt, dann entsteht keine verkehrte Verblendung. Begierde verringert sich, und man hegt Zufriedenheit. Man ist in der Lage, sich von [der Anhaftung] an materiellem Reichtum und sinnlichen Begierden zu befreien. Dies heißt der Erhabene auf zwei Beinen (Glück und Weisheit).

Wenn der eigene Geist sich zur Aufrichtigkeit bekennt, dann hegt man bei allen Gedanken keine falsche Ansicht: Man hegt keine Einbildung von Ich und Anderen (Egozentriertheit), Hochmut, Gier und Anhaftungen. Dies heißt der begierdefreie Erhabene.

Wenn der eigene Geist sich zur Reinheit bekennt, bleibt das eigene [Ur]wesen bei allen Betrübungen und Belastungen sowie Zuständen der Begierde unbefleckt. Dies heißt der Erhabene inmitten der Lebewesen.

Praktiziert man gemäß [diesen Bekenntnissen], heißt es: das Bekenntnis zu sich selbst. [4] […] Jeder soll sich zu den drei Schätzen des eigenen Geistes bekennen. Im Inneren den Geist kultivieren, im Außen die anderen Menschen respektieren. Dies ist das Bekenntnis zu sich selbst.[5]

 

Das Bekenntnis zu den drei Schätzen ist nicht von äußeren Formen abhängig sondern findet im eigenen Geist statt, ist somit für einen Laien genauso möglich. „Erwachen ist Buddha“, man kann auch sagen: das eigene Urwesen ist der Lehrer. Dazu der Erhabene Lehrer des Weges der Einheit:

In dieser Phase des allmählichen Untergangs des Dharma hat ein Praktizierender, der den rechten Weg finden und bewahren möchte, nicht die Silas (ethische Prinzipien) als Lehrer, sondern das Erwachen. […] Mit dem erwachten Geist schafft man es, alle Beschränkungen und Belastungen aus dem Umfeld zu durchbrechen. Alle Lehren dienen dazu, flexibel dem Praktizierenden die Praxis zu erleichtern, daher darf man sich nicht mit starren Worten und Regeln einschränken. […] Alle Lehren dienen dazu, den Praktizierenden zur Entfaltung des Bodhicitta (den Geist des Erwachens) zu inspirieren. Mit diesem Geist hat man dann den Weg des Bodhisattvas zu praktizieren: Selbstlos werden! Je mehr man das Ego loslässt, desto besser ist man imstande, selbst zu erwachen und den Nächsten zu wecken.

Egal welche Lehre oder Methode man dazu verwendet, beachte einfach, dass man aus dem barmherzigen Geist heraus handelt. Verliert man den Bodhicitta, dann ist das Studieren des Dharmas nutzlos, da man seinen natürlichen Sinn nicht kennt. Kommt das Bodhicitta einmal vollkommen zur Auswirkung, dann wird die Errungenschaft groß werden. Dabei geht es nicht darum, wie viele Anhänger man hat oder wie groß der Tempel wird, sondern um die Vervollkommnung des eigenen [Ur]wesens. Lege daher nicht Wert auf die äußeren Errungenschaften, sondern achte stets auf den eigenen Geist. Mit dem Dharma des eigenen [Ur]wesens den eigenen Geist beleuchten und reflektieren und so stets den erwachten Sinn bewahren. […] Wie soll man sonst die Natur der Nächsten wecken, wenn man selbst nicht erwacht ist?[6]

In diesem Sinne war es, dass der Erhabene Lehrer die drei Schätze des Weges der Einheit, die „Transmission des himmlischen Sinnes“, vermittelte. Der Zusammenhang mit den oben erwähnten buddhistischen „drei Juwelen“ sieht in einer Übersichtstabelle so aus:

3 Schätze des Weges der Einheit3 Schätze allgemein im BuddhismusEigenschaften lt. HuinengBezeichnungen lt. Huineng
Das geheime PortalBekenntnis zum Buddha(wesen)das erwachte Wesender Erhabene auf zwei Beinen
Das stille MantraBekenntnis zum Dharmader aufrichtige Geistder Erhabene frei von Begierden
Das Mudra der EinheitBekenntnis zum Sangha (Mönchstum, Mönchs- od. Praxisgemeinschaft)Die Reinheit des Körpers (der äußeren fünf Sinnesgrundlagen)der Erhabene inmitten der Lebewesen

Demgemäß stellt das geheime Portal die Zuflucht zum natürlichen Sinn, dem Urwesen dar, und ist somit die Schnittstelle zwischen dem Urwesen aller Buddhas und dem eigenen Urwesen, die gemeinsam das einheitliche Dharmakaya (Dharmakörper; Buddhanatur; die absolute Einheit des Ordungsprinzips und der Naturgesetze) bilden. Dies ist das Bekenntnis zu Buddha, also zum Erwachen [des Urwesens].

Das stille Mantra stellt die Weisheit und Wirkung des Urwesens dar. Es ist die Essenz der Lehre aller Buddhas. Es beschwichtigt alle Trübungen und Falschheiten im Geiste. Dies ist das Bekenntnis zur Lehre, also zum aufrichtigen Geist. In der Yogacara Schule nennt man dieses den Sambhogakaya Buddha (den Körper der Wirkung des Urwesens; die Ansammlung der tugendhaften Verdienste; den ungetrübten glückseligen Körper).

Das Mudra der Einheit symbolisiert die Rückkehr zur ursprünglichen Einheit: die linke Hand als das Gute bedeckt die rechte, also das Böse, und beide vereinigen sich und kehren zur ursprünglichen Reinheit zurück, wie das Kind zum Schoss der Mutter, zum ungeborenen Embryo. Es stellt daher auch die Rückkehr zum reinen Sein eines Kindes oder Embryos dar. Das menschliche Dasein dient zur Kultivierung der Reinheit, im Form eines Nirmāṇakāya (des Körpers der Verwandlung, also eine Manifestation des Urwesens und des aufrichtigen Geistes). Die fünf äußeren Sinnesgrundlagen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) werden bei Kontakt mit dem Umfeld nicht mehr befleckt. Dies ist das Bekenntnis zum Mönchstum, also zur Reinheit.

Schließlich sind die drei Kayas, übersetzt Körper oder Ansammlungen, letztendlich eine Einheit. Ebenso sind die drei Schätze nur einer. Um dieses Konzept besser zu verstehen, sprach Huineng in seinem Vortrag weiter über die drei Körper der Einheit, den Buddha des Urwesens. Darüber sprechen wir im nächsten Beitrag.



[1] 众生无边誓愿度,烦恼无边誓愿断,法门无尽誓愿学,无上佛道誓愿成。

[2] 自心众生无边誓愿度,自心烦恼无边誓愿断,自性法门无尽誓愿学,自性无上佛道誓愿成。

[3] Dhammapada, Aus dem Pali übersetzt von KURT SCHMIDT, Auszug aus dem Buch „Sprüche und Lieder“ Buddhistische Handbibliothek Nr.4; 1954 Verlag Christiani Konstanz

[4] 劝善知识。归依自性三宝。佛者。觉也。法者。正也。僧者。净也。自心归依觉。邪迷不生。少欲知足。能离财色。名两足尊。自心归依正。念念无邪见。以无邪见故。即无人我贡高贪爱执着。名离欲尊。自心归依净。一切尘劳爱欲境界。自性皆不染着。名众中尊。若修此行。是自归依。

[5] 各须归依自心三宝。内调心性。外敬他人。是自归依也。

[6] 末后时期,颠倒的众生应该进入正道,要自修自觉而不只是以戒为师。此时,当要以觉为师,[…] 才能突破外在的种种束缚,而外在种种法门为的是方便接引众生。徒儿们,要成全自己,若还需要佛规礼嘱、戒律来约束限制自己的话,就还在外道场学道,在被动上学道。

道,很难,上天慈悲,以种种法门引发大众能发此心,一旦能发菩提心时,所要做的就是菩萨行,菩萨行就是忘了自己,在浑然忘我时,才能自觉而觉他。[…] 在决定使用什么法门时,切记必须持大悲心,否则,失去菩提心(本心),学法无益。大悲心全然奋发而出时,成就将会更大。

成就!成就!后学有多少,道场有多大,[…] 所以,不要忘记成就自己的自性,以内在的自性法门时时回光返照,照觉自性,[…] 否则自性不觉何能觉他?

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Kategorien:Buddhismus, Podiumsutra 六祖坛经, Zen, Chan

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