Podiumsutra – Kap. 6 (2): Die formlose Reue

 

 

 

Dharmaschatz Podiumsutra d. 6. Ahnlehrers Kap. 6 (2): Die formlose Reue

— Begleitlektüre zum wöchentlichen Drei Schätze Retreat

Im letzten Beitrag sprach Huineng über den „fünffachen Weihrauch des Dharmakaya“. Danach behandelte er die Übung des Bekenntnisses der Verfehlungen, die „formlose Reue“. Die eigenen Verfehlungen zu bekennen, kurz die Reueübung, ist ein wichtiger Bestandteil des Vinaya, der buddhistischen Mönchsregeln. Es gab fixe Zeiten und Formen dazu. Sinn der Übung war, sich die bestehenden eigenen Geistestrübungen bewusst zu machen, durch das mündliche Bekennen vor seinen Mitmönchen einander zu vergeben und so die Geistestrübungen zu überwinden. Zum Vergleich die Zeile aus dem christlichen Vaterunser:

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

 

Im Laufe der Zeit entwickelten sich weitere Regeln und Formen, in China kam es (bei den Reichen und Mächtigen) sogar zu groß angelegten Festen der Reueübung, oft mit der Hoffnung, Unheil abzuwenden und weltliches Glück zu erlangen. Dies weicht aber vom ursprünglichen Sinn dieser Übung ab. Deshalb betont Huineng die „formlose Reue“: Formlos bedeutet auch hier wieder (wie schon im letzten Beitrag erwähnt), unabhängig von äußeren Formen das eigene [Ur]wesen erkennen und den Geist zu kultivieren. Huineng sagte:

Heute lehre ich euch die formlose Reue: sie erlöst die Verfehlungen der drei Zeiten, sodass das dreifache Karma (Körper, Sprache, Geist) bereinigt wird.[1]

Die drei Zeiten sind einfach Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, in einem mehr auf das „Rad der Wiedergeburten“ (Samsara) bezogenen Sinn: die früheren Leben, das jetzige Leben und die zukünftigen Leben. Das Leben entsteht und vergeht, die darin begangenen Handlungen, Reden und Gedanken aber prägen den weiteren Verlauf des jetzigen Lebens und die weiteren Reinkarnationen im Guten und im Schlechten. Karma wird im Geiste erzeugt und von Zuneigung, Abneigung und Verblendung angetrieben. Um diese Ursachen zu erkennen und aufzuheben ist die Reue über eigene Fehler als ein Prozess der Selbstreflexion und -erkenntnis ein wichtiger Schritt. Warum formlos? Weil eine Anhaftung an das Konzept der Verfehlung selbst wiederum eine Blockade ist, da letztlich alles leer und bedingt entstanden ist. Ein Gespräch zwischen dem 2. und 3. Ahnlehrer des Chan-Buddhismus geht so:

Der 3. Ahnlehrer Sengcan (僧璨; 510-606 n. Chr.) kam zum 2. Ahnlehrer Huike (慧可; 487-593 n. Chr.) und fragte den Meister: „Der Schüler leidet so sehr unter einer chronischen Krankheit. Könnte der Meister mich segnen und meine Verfehlungen durch meine Reue ausgleichen?“

Der Meister forderte ihn auf: „Gibt mir deine Verfehlungen, dann löse ich sie auf!“

In dem Moment begriff Sengcan: „Nirgends sind die Verfehlungen zu finden!“

Der Meister sagte: „Somit sind diese erlöst!“

Sengcan erwachte: „Nun weiß ich, dass weder im Äußeren noch im Inneren eine Verfehlung zu finden ist. So ist eben der Geist: undifferenziert und nicht-dualistisch!“

Darauf beschloss Sengcan, sich zum buddhistischen Mönch ordinieren zu lassen und wurde später der Nachfolger des 2. Ahnlehrers.

Dies war der Koan des 3. Ahnlehrers. Für einen Erwachten ist diese formlose Reue etwas ganz Natürliches, da er ja weder an Formen noch an Geist anhaftet. Da das Urwesen von selbst und von Anfang an rein ist, gibt es nichts zu reinigen. Auch wenn diese chronische Krankheit weiterhin besteht, hegt Sengcan keine Anhaftung mehr an sie. Dies ist nicht immer auf Anhieb zu verstehen. Huineng gibt daher seinen Zuhörern einen Weg, Selbstreflexion zu üben und ihren Geist dadurch zu reinigen, um sich dem Ziel der endgültigen Befreiung von der Ursache des Leidens zu nähern. Huineng sagt:

Edle Gefährten! Sprecht mir alle nach, alle zusammen auf einmal:

Die Schüler [hoffen] bei allen vorangehenden, gegenwärtigen und nachkommenden Gedanken unbefleckt von Dummheit und Verblendung zu sein. Daher bereuen wir alle durch Dummheit, Verblendung usw. verursachten Vergehen, denen böses Karma nachfolgt. Mögen diese sich ein für alle Mal auflösen und niemals mehr wiederkehren.

Die Schüler [hoffen] bei allen vorangehenden, gegenwärtigen und nachkommenden Gedanken unbefleckt von Hochmut und List zu sein. Daher bereuen wir alle durch Hochmut, List usw. verursachten Vergehen, denen böses Karma nachfolgt. Mögen diese sich ein für alle Mal auflösen und niemals mehr wiederkehren.  

Die Schüler [hoffen] bei allen vorangehenden, gegenwärtigen und nachkommenden Gedanken unbefleckt von Neid und Eifersucht zu sein. Daher bereuen wir alle durch Neid, Eifersucht usw. verursachten Vergehen, denen böses Karma nachfolgt. Mögen diese sich ein für alle Mal auflösen und niemals mehr wiederkehren.[2]

 

Im Chan-Buddhismus gilt stets: Der Geist ist Buddha, der Geist ist Dämon. Der Geist ist der Erwachte, aber auch der Verblendete. Verfehlungen entstehen im Geist, sie erlöschen im Geist. Ist der Geist erwacht, gibt es keine Verfehlung, ist er verblendet, gibt es Verfehlungen. Huineng listet einige Ursachen auf: Dummheit und Verblendung, Hochmut und List, Neid und Eifersucht. Hat man die Ursache der Verfehlungen durchschaut und sich davon befreit, ist der Geist gereinigt. Schafft man es nicht, dann produzieren die alten Verfehlungen weitere Verfehlungen. Huineng erklärte:

Edle Gefährten! Dies oben ist die formlose Reue (Chinesisch: 忏悔 chan hui). Was bedeutet 忏chan? Was bedeutet 悔 hui? Chan bedeutet, die früheren Verfehlungen zu bereuen. Alle üble Handlungen bisher, sei es aus Dummheit und Verblendung, Hochmut und List, Neid und Eifersucht oder weiteren Verfehlungen, werden alle vollkommen bereut (bereinigt), sodass sie niemals wiederkehren. Hui bedeutet, sich achtsam vor zukünftigen Verfehlungen zu hüten. Von heute beginnend sind alle üblen Handlungen, sei es aus Dummheit und Verblendung, Hochmut und List, Neid und Eifersucht oder weiteren Verfehlungen, erkannt und begriffen, für immer beendet und werden niemals wieder begangen. Das heißt hui, daher [im Gesamten] chan hui. Der weltliche Mensch ist verblendet und weiß zwar die früheren Verfehlungen zu bereuen, aber hütet sich nicht achtsam vor zukünftigen. Wenn man sich den späteren Verfehlungen nicht bewusst ist, sind nicht nur die früheren nicht bereinigt, sondern es kommen gleich weitere nach. Wenn das so ist, heißt es nicht mehr chan hui (Reue).[3]   

 

Zur Vertiefung für unsere Praxis im Alltag ziehen wir wieder ein Zitat vom unserem Erhabenen Lehrer  heran:

Bei Frustrationen im Leben soll man, anstatt an negativen Gedanken zu haften, zuerst einen Schritt zurücktreten und sich auf sich selbst besinnen. Denn ansonsten würde sich im Herzen eine negative Energieströmung bilden, die unser Herz verschmutzt, wie Abfälle die Umwelt. Man muss daher zuerst im eigenen Herzen aufräumen. Man könnte womöglich daran denken, weniger Ruhm oder Profit als andere zu haben, und wird dadurch eifersüchtig. Ist man fixiert auf solche Gedanken, wird die Eifersucht im Herzen noch stärker. Tritt man einen Schritt zurück und wandelt die Eifersucht in Gedanken der Bewunderung oder der aktiven Lernbereitschaft um, dann verarbeitet man die eifersüchtigen Gedanken, so wie unnützliche Abfälle zu nützlichen Ressourcen. Durch diese Transformation verändert man sein Gemüt und erweitert seinen Horizont. Ein plötzliches Erwachen könnte eintreten. Man erlangt dadurch eine ständige essenzielle Verfeinerung des Geistes.[4]

Das regelmäßige Bekennen der eigenen Fehler vor einem selbst hilft, stets achtsam auf die eigenen Handlungen zu sein. Es ist stets auch eine Mahnung an sich selbst, auf die eigenen Geistestrübungen zu achten. Manche könnten sich fragen, ob dies nicht übertrieben sein könnte, da man ja nicht unbedingt etwas zu bereuen hat. Dazu die folgende Anekdote:

Ein Eremit, der einsam in einem Wald praktiziert, übt täglich fleißig die Meditation unter einem Baum. Eines Tages machte er zur Erholung einen Sparziergang durch den Wald. Er kam an einen Teich voller Lotusblüten. Er bewunderte die Schönheit der Blüten und hegte den Gedanken: Welch schöne Blüte! Wenn ich eine von ihnen pflücke und an meine Seite bei der Meditation lege, würde der Duft mich sicherlich wachsam halten.“ So bückte er sich und pflückte eine Lotusblüte.

Als er den Teich verlassen wollte, hörte er plötzlich eine tiefe Stimme: „Wer stiehlt meine Blüte?!“

Er schaute sich um, aber es war niemand zu sehen. Er fragte daher ziellos: „Wer seid Ihr? Warum sagt Ihr, dass die Blüten Euch gehören?“

Die Stimme erhob sich wieder: „Ich, der Patron des Lotusteichs. Alle Lotusblüten des Teichs gehören mir. Seid Ihr nicht ein strenger Praktiker? Hegtet Ihr in dem Moment, als Ihr meine Lotusblüte pflücken wolltet, nicht Gier im Geiste? Habt Ihr kein schlechtes Gewissen? Fühlt Ihr denn keine Reue?!“

Der fromme Praktiker fühlte sich ertappt und beichtete: „Geehrter Patron des Lotusteichs! Ich bekenne mich zu meiner Verfehlung und gelobe niemals mehr Gier in Geiste zu hegen!“

In diesem Moment kam ein Mann zum Teich, der vor sich murmelte: „Wie schön diese Blüten sind! Die kann ich sicher gut am Markt verkaufen. Mit dem Umsatz kann ich bestimmt meine Spielschulden abbezahlen.“

Daraufhin sprang er in den Teich, trampelte herum und pflückte nahezu alle Lotusblüten und verschwand. Der ganze Teich ist nun vollkommen ruiniert. Der Praktiker hatte erwartet, dass der Patron des Teichs diesen Mann stoppen würde. Aber keine Stimme war zu vernehmen, und Stille kehrte wieder ein.

Er fragte: „Geehrter Patron des Lotusteichs! Ich habe nur eine Lotusblüte gepflückt und Ihr habt mich gerügt. Dieser Mann ruinierte den vollen Teich, warum sagtet Ihr denn gar nichts?“

Die tiefe Stimme erhob sich wieder: „Ihr seid ein strenger Praktiker! Ihr seid wie ein weißes Tuch, unbefleckt und rein. Selbst der kleinste Fleck ist nicht zu übersehen! Deshalb habe ich Euch gemahnt, und Ihr konntet gleich die Makel durch Reue bereinigen. Aber dieser Mann ist wie ein stark verschmutzter Fetzen, auf welchem weitere Makel gar nicht mehr erkannt werden kann. Ich konnte ihm beim besten Willen nicht helfen. So kann ich ihn nur dem natürlichen Lauf des Karma überlassen. Ihr solltet es wertschätzen, dass ich Euch rechtzeitig darauf hingewiesen habe, sodass Ihr den kleinen Fleck von Beginn an beseitigen konntet. Warum? Ihr seid nachlässig bei der Übung geworden, sodass Ihr schläfrig und müde geworden seid. Unbemerkt kommen manche Betrübungen im Geiste wieder zum Wirken. Übt ordentlich die formlose Reue, sodass Euer Geist stets achtsam bleibt!“


[1] 今与汝等授无相忏悔。灭三世罪。令得三业清净。

[2]善知识。各随我语。一时道。弟子等。从前念今念及后念。念念不被愚迷染。从前所有恶业愚迷等罪。悉皆忏悔。愿一时消灭。永不复起。弟子等。从前念今念及后念。念念不被憍诳染。从前所有恶业憍诳等罪。悉皆忏悔。愿一时消灭。永不复起。弟子等。从前念今念及后念。念念不被嫉妒染。从前所有恶业嫉妒等罪。悉皆忏悔。愿一时消灭。永不复起。

[3] 善知识。已上是为无相忏悔。云何名忏。云何名悔。忏者。忏其前愆。从前所有恶业。愚迷憍诳嫉妒等罪。悉皆尽忏。永不复起。是名为忏。悔者。悔其后过。从今已后。所有恶业。愚迷憍诳嫉妒等罪。今已觉悟。悉皆永断。更不复作。是名为悔。故称忏悔。凡夫愚迷。只知忏其前愆。不知悔其后过。以不悔故。前愆不灭。后过又生。前愆既不灭。后过复 又生。何名忏悔。

[4] 當遇到挫折、遇到不好的心念時,先要反省自己,退一步想。如執著於不好的念頭,只會讓自己的心聚集成一股穢氣,那心就好比被環境中的濁氣污染了,所以,『環保』首先就是清理自己的心。當嫉妒時,是心念所執著,心中得不到、達不到和別人同樣的名利,那時如一味執著自己的心念,自然而然嫉妒心就會更重,倒不如退一步想,將嫉妒心轉換成欣賞的心念,轉換成積極效法的心念,那就會更好的,這也是一種環保,將廢物加以利用成為一種資源。嫉妒的心念即是廢物,一轉念對心性上的修持是不一樣的,那時才會豁然開朗,又進了一步,這才是精益求精。

 

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