
Es ist eine Unart unserer Zeit – und vermutlich auch aller Zeiten davor –, dass wir die Welt ausschließlich durch die eigene Brille betrachten. Da sieht man einen Mitmenschen, der zappelt, schimpft oder flucht, und zuckt nur mit den Achseln. „Meine Güte“, denkt man sich im stillen Kämmerlein, „was für ein Theater wegen so einer Kleinigkeit.“ Man selbst steht schließlich wie ein Fels in der Brandung, adrett gekämmt und vernünftig. Doch der Denkfehler ist so alt wie die Menschheit: Wir messen die Stürme anderer Leute mit unserem eigenen Barometer.
Um dieses kleine menschliche Drama zu verstehen, hilft ein Blick in einen recht ungewöhnlichen Stall.
Dort saßen einmal, sauber nebeneinander aufgeteilt, ein kleines Schwein, ein Schaf und eine ziemlich stattliche Milchkuh. Sie teilten sich das Stroh, das Wetter und die Aussicht. Eines Morgens nun trat der Bauer herein, steuerte zielstrebig auf das Schwein zu und packte es am Hinterbein.
Das Schwein, stimmte augenblicklich ein Zeter und Mordio an, das den Putz von den Wänden bröckeln ließ. Es quietschte, strampelte und zappelte, als ginge es um die Wurst – was, genau genommen, auch der Fall war.
Die Kuh und das Schaf, die die Sache lieber behäbig angingen, schüttelten missbilligend die Köpfe. „Nun reiß dich doch einmal zusammen, lieber Freund“, meinte das Schaf mit feiner, etwas belehrender Stimme. „Der Bauer greift uns dauernd an die Wolle oder an den Euter. Wir machen auch nicht gleich ein solches Spektakel.“
Das Schwein, das bereits kopfüber im Griff des Bauern hing, schnaufte auf: „Ihr werten Herrschaften habt gut reden! Wenn er euch holt, geht es um einen Pullover oder einen Schluck Milch. Wenn er mich holt, geht es um meinen Kopf!“
Bild von danielsfotowelt auf Pixabay
Kategorien:Anekdoten
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