Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenbland

Teil 5: Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Zu Zeit der ständigen Machtkämpfe und Kriege suchten die Fürsten der Zeit der „Streitenden Reiche“ (476-221 v. Chr.) nach einem Mittel, das ihnen half, schnell Macht und Stärke zu gewinnen. Sie sahen weder den Konfuzianismus noch den Daoismus als den dazu geeigneten Weg. Das als am wenigsten zivilisiert angesehenen Land im wilden Westen, das Qin-Fürstentum, fand schließlich einen Weg, der ihm rasch zur stärksten Macht verhalf: der Legalismus.

Der Legalismus geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus schlecht ist und durch harte Strafen und Belohnungen geleitet werden muss. Das Qin-Fürstentum nahm sich dieser Schule an und wuchs rasch zu einer gefürchteten Militärmacht heran. Nach einigen Generationen besiegte schließlich das Land unter der Führung des Fürsten Ying Zheng 嬴政 (259-210 v. Chr.) die anderen Staaten und vereinigte China in 221 v. Chr. in einem Einheitsstaat. Das große Qin-Reich ersetzte das feudalistische Lehenswesen durch eine streng zentralistisch geführte Monarchie, welche in Verwaltungsgebiete und Landkreise eingeteilt und von kaiserlichen Beamten verwaltet wurde. Der „Erste Kaiser von Qin“ 秦始皇帝 qinshi huangdi führte den riesigen Einheitsstaat nach dem Prinzip des Legalismus und unterdrückte – zur Festigung des neuen Systems – andere Lehren durch Vernichtung ihrer Schriften. Die berühmte Aktion der „Bücherverbrennung“ führte zum Aufstand zahlreicher Konfuzianer, welche der Kaiser lebendig begraben ließ. Der Konfuzianismus wurde seitdem verboten. Zu jener Zeit sollen schon die ersten Buddhisten in China angekommen sein, wofür es aber keine Belege gibt.

Das grausame Regime des Qin-Reiches führte bald zu Rebellionen im Lande, welche das Qin-Reich rasch stürzte. Die darauffolgende Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.) wollte aus den Fehlern ihres Vorgängers lernen und suchte nach einer neuen Ideologie zur Staatsführung. Der Konfuzianismus fand zunächst keine hohe Anerkennung, da der erste Kaiser von Han, Liu Bang 刘邦 (256 o. 247 – 195 v. Chr.), der ursprünglich ein kleiner Beamter aus dem niedrigen Bauernstand war, wenig mit den streng strukturierten Werten und Etiketten der Konfuzianer anfangen konnte. Er befasste sich viel mehr mit den Strategien der Militärschule und der Magie des esoterischen Daoismus. Neben Segen, Orakel und Techniken zur Gesundheitspflege fand der Daoismus zu Beginn der West-Han-Dynastie (202 v. Chr. – 9 n. Chr.)[1] auch Einfluss auf der politischen Ebene. Die Idee des Daoismus, allem seinen natürlichen Lauf zu lassen und nicht in das wirtschaftliche und soziale Leben der Menschen einzugreifen, wurde verfolgt. Dadurch konnte sich das Land wirtschaftlich rasch erholen. Der Handel im In- und Ausland begann zu florieren. Die erste Seidenstraße wurde erschlossen, welche den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen China, Zentralasien und Europa förderte. Alle Schulen und Denkrichtungen konnten sich zunächst frei entfalten. Schließlich setzten sich jedoch vor allem der Daoismus und Konfuzianismus durch. Persönlich präferierten die Machthaber zwar die daoistische Esoterik, auf der politischen Ebene aber schlugen sie sich mit der Zeit auf die Seite der Konfuzianer um. Es fand ein Wettstreit zwischen Konfuzianismus und Daoismus statt. Dadurch erfolgte eine gegenseitige Assimilation, was mehrere Jahrhunderte andauerte, bis sie beide vom Buddhismus herausgefordert wurden.

Zunächst brauchte die kaiserliche Führung eine neue Ideologie zur Stützung des Einheitsstaates und zur Legitimation ihrer Herrschaft. Sie begann auf den Konfuzianismus zu schielen. Eine Renaissance des Konfuzianismus wurde möglich durch den Kaiser Han-Wu 汉武帝 Han Wudi  (156 – 87 v. Chr.). Wichtige Vertreter eines reformierten, dem monarchistischen System angepassten Konfuzianismus wie Dong Zhongshu 董仲舒 (179-104 v. Chr.) konnten den ambitionierten Kaiser vom konfuzianischen System überzeugen. Der Kaiser etablierte diesen monarchistischen Konfuzianismus zur alleinigen Staatsideologie des Kaiserreichs, vergleichbar mit der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion zur Stützung der Reichsideologie im römischen Reich. Kongzis Jünger und Nachfahren konnten nach etwa einem Jahrhundert Verdrängung wieder offiziell lehren und Schriften herausbringen. Konfuzianische Schriften, welche die Verbrennung in der Qin-Zeit überlebt haben, wurden gesammelt und editiert. Was sind die wesentlichen Züge dieses neuen, monarchistischen Konfuzianismus, welcher China bis zur Abschaffung der Monarchie in 1912 beherrschte?

–> Fortsetzung folgt: „Die Etablierung des monarchistischen Konfuzianismus als Staatsideologie“


[1] Dies ist die Erste der beiden Phasen der Han-Dynastie vor ihrer Unterbrechung durch den Putsch von Wang Mang im 9. Jh. n. Chr.



Kategorien:Buddhismus China, Daoismus / Taoismus, Konfuzianismus, Philosophie

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