Huiyuans Abhandlung über das Nichterlöschen des Geistes

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenbland

Teil 5: Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Teil 6: Die Etablierung des monarchistischen Konfuzianismus als Staatsideologie ab der 2. Jh. v. Chr.

Teil 7: Huainanzi, das Lebenselixier und die „Unsterblichkeit“

Teil 8: Die Anfänge des Buddhismus in China

Teil 9: Mouzi, der erste chinesische Buddhist?

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Teil 1: Die Entwicklung des religiösen Daoismus und der daoistischen Elixierschule

Teil 2: Die Einführung der buddhistischen Mönchsregeln in China

Teil 3: Der Streit zwischen den Daoisten, Buddhisten und Konfuzianern

Teil 4: Die Qingtan-Strömung und die Lehre des Mystischen

Teil 5: Wang Bi über das Sein und das Nichts von Laozi

Teil 6: Guo Xiang über Zhuangzi und sein „Flötenspiel des Himmels

Teil 7: Guo Xiang über das Nichts, das Mystische und den Tod

Teil 8: Huiyuans Abhandlung über das Nichterlöschen des Geistes

Unter den Gelehrten der Wei und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.) fanden häufige Schlagabtäusche über die Frage der Existenz nach dem Tod statt. Einer der bekanntesten und einflussreichsten unter ihnen war der Mönch Huiyuan 慧远 (334-416 n. Chr.). Er gehörte zu denjenigen chinesischen Gelehrten, welche sowohl den konfuzianischen als auch den daoistischen Kanon beherrschten und sich schließlich zu buddhistischen Mönchen ordinieren ließen. Huiyuan lebte zurückgezogen auf dem Berg Lushan in der südchinesischen Provinz Jiangxi und widmete sich über 30 Jahre lang der Übersetzung und Kommentierung buddhistischer Schriften. Er sammelte langsam viele Gleichgesinnte um sich und bildete so das buddhistische Zentrum im Südchina, welches regen Austausch mit dem von Kumarajiva angeführten Zentrum im Nordchina hielt. Ihre Zusammenarbeit war von maßgeblicher Bedeutung und ermöglichte eine rasante Verbreitung des Buddhismus in China.

Huiyuan nahm auch an philosophischen Diskussionen auf politischer Ebene teil. Wir haben bereits seine Abhandlung „Samanas haben nicht die Fürsten rituell zu ehren“ kennengelernt. In dieser Abhandlung ging es zwar in erster Linie um die Ablehnung der kaiserlichen Vorschrift an die buddhistischen Mönche zur Einhaltung der konfuzianischen Etikette, aber sie behandelte auch das Thema, ob der Geist nach dem Tod erlösche oder nicht. In dieser Abhandlung widersprach Huiyuan zuerst der vorherrschenden Vorstellung, dass der Geist aus dem Qi entstanden sei und mit der Zerstreuung des Qi zugrunde gehen würde:

„Was ist der Geist? Er ist höchst fein und daher spirituell und tugendhaft. Das höchst Feine ist daher nicht mit den Hexagrammen (den Abbildungen der Wandlungsprozesse des Qi aus dem Yijing) abbildbar. Die Weisen sprechen dabei vom wundersamen Ding. Selbst mit ihrer höchsten Weisheit können sie seine Form nicht festlegen. […] Der Geist ist vollkommen, intuitiv reagierend und ohne Entstehen. Er ist höchst wundersam und hat keinen Namen. Durch die Wahrnehmung der Dinge wird er aktiv und wandelt infolge der Codierung (oder des Potentials) des Qi.[1]

Die Codierung des Qi entspricht dem System der Hexagramme des Yijing, des Buches der Wandlung, welche die Wandlungszustände des Qi darstellen. Huiyuan lehnte somit die daoistische Sicht, der Geist sei diesem Wandlungszyklus unterworfen, ab. Er sah den Geist eben nicht als stofflich an:

Trotz der Wahrnehmung der Dinge ist er selbst kein Ding. Daher erlöscht er nicht, wenn die Dinge zu Ende gehen. Er wandelt zwar infolge der Codierung des Qi, ist aber selbst keine. Daher vergeht er nicht, wenn die Codierung des Qi zu Ende geht. Er hat Gefühle und kann daher die Dinge wahrnehmen. Er hat Bewusstsein und kann daher Codierungen des Qi auslösen. Die Codierungen des Qi können grob und fein sein, daher unterscheiden sie sich im Wesen. Das Wissen kann hell oder dunkel sein, daher sind ihre Ausstrahlungen nicht gleich.[2]

Demnach ist der Geist zwar nicht Qi, kann aber Qi-Zustände auslösen und sich durch diese manifestieren. Diese Manifestation kann fühlen und wahrnehmen, weil es ein Bewusstsein aufweist. Der Geist verändert sich nicht. Was sich verändert, sind die Zustände des Qi, welche nicht nur die Formen der Dinge bestimmen, sondern auch den Grad des Wissens oder der Weisheit. Daraus zog Huiyuan den Schluss:

Demzufolge ist zu erkennen, dass die Gefühle und Wahrnehmungen die Wandlungen antreiben, und der Geist durch die Wandlungen fortgeführt wird. Die Gefühle sind daher die Mutter der Wandlungen, der Geist ist die Wurzel der Gefühle. Die Gefühle können Dinge ansammeln, der Geist kann sich im Mystischen fortbewegen. Der Verblendete strebt nach den Dingen, aber ein vollständig Erwachter kehrt zum Ursprung zurück.“ [3]

Was hier als „sich im Mystischen fortbewegen“ übersetzt ist, kann im Wörtlichen auch „sich im Jenseits fortbewegen“ heißen. Dies ist das, worauf Huiyuan hinaus wollte, nämlich dass der Geist nach dem Tod weiter existiert und die Wandlungen weiter vorantreibt. Dazu brachte er das Gleichnis über „Brennholz und Feuerflamme“, welches sowohl Zhuangzi als auch Buddha Gautama verwendet haben:

„So wie die Feuerflamme auf ein Brennholz übergeht, kommt der Geist zum Körper. Beim Feuer ändert sich das Brennholz, beim Geist der Körper. Das frühere Brennholz ist nicht gleich dem Späteren, daran erkennt man das Wundersame des Endens der Dinge. Der frühere Körper ist nicht gleich dem Späteren, dadurch erkennt man die Tiefe (oder Intensität) der Wahrnehmung durch die Gefühle und die Codierung des Qi.“ [4]

Er betonte hier also nochmals, dass die Wandlung der Dinge durch die Wahrnehmungen und Gefühle angetrieben werden. Er räumte mit der Vorstellung, dass nach dem Tod alles zu Ende geht, mit dem folgenden Argument auf:

„Wenn Geist und Körper sich aus der gleichen natürlichen Grundlage manifestieren, würden sich die Weisen nicht von den Verblendeten unterscheiden. […] Kann das denn sein? Wenn es nicht so ist, dann muss es wohl mystische vorbestimmte Bedingungen schon im Voraus gegeben haben.“[5]

Zu diesen vorbestimmten Bedingungen sagte er:

„Gefühle und Codierung des Qi interagieren miteinander und führen zu unermesslichen Wandlungen. Die kausalen Bedingungen sind mystisch und wirken im Geheimen stets fort. Ohne die höchste Sicht erkennt man nicht ihre Wandlungen; ohne die höchste Sicht erkennt man nicht ihre Ansammlungen.“ [6]

In dieser Beschreibung verwendete Huiyuan viele daoistische Begriffe und ist weniger auf die buddhistischen Konzepte eingegangen. Er war aber einer der Wegbereiter zur Verbreitung der buddhistischen Reinkarnationslehre in China. Zwei weitere Texte von ihm behandeln speziell dieses Thema.  

–> Fortsetzung: Teil 9: Huiyuans Abhandlung über die Vergeltung des Karma und die drei Vergeltungszeiten


[1] 夫神者何邪?精极而为灵者也。精极则非卦象之所图,故圣人以妙物而为言,虽有上智,犹不能定其体状,穷其幽致,而谈者以常识生疑,多同自乱,其为诬也,亦已深矣。将欲言之,是乃言夫不可言,今于不可言之中,复相与而依稀。神也者,图应无生,妙尽无名,感物而动,假数而行。——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

[2] 感物而非物,故物化而不灭;假数而非数,故数尽而不穷。有情则可以物感,有识则可以数求。数有精粗,故其性各异;智有明阁,故其照不同。——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

[3] 夫神者何耶。精極而為靈者也德。精極則非卦象之所圖。故聖人以妙物而為言。雖有上智。猶不能定其體狀。[…] 神也者。圓應無生。妙盡無名。感物而動。假數而行。感物而非物故物化而不滅。假數而非數。故數盡而不窮。有情則可以物感。有識則可以數求。數有精粗。故其性各異。智有明闇。故其照不同。推此而論。則知化以情感,神以化傳。情為化之母。神為情之根。情有會物之道。神有冥移之功。但悟徹者反本。惑理者逐物耳。——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

[4] “火之傳於薪。猶神之傳於形。火之傳異薪猶神之傳異形。前薪非後薪。則知指窮之術妙。前形非後形。則悟情數之感深” ——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

[5] “假令神形俱化。始自天本。愚智資生。同稟所受。[…] 其可然乎。如其不可。固知冥緣之構。著於在昔。——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

[6] 夫情數相感。其化無端。因緣密構。潛相傳寫。自非達觀。孰識其變。自非達觀。孰識其會。——慧远《沙门不经王者论 – 形尽神不灭》

(Übersetzung der Zitate durch Mingqing Xu mit Korrekturen von Ursula Presslauer, Birgit Seissl, Roland Parth, Jörg Hollenstein und Alexander Maurer)



Kategorien:Buddhismus China

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  7. Die daoistische Vorstellung vom Jenseits und Reinkarnationskreislauf – DER WEG DER EINHEIT
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  9. „Die nicht ausgebrannte Zunge“: Kumarajivas Bedeutung für den chinesischen Buddhismus  – DER WEG DER EINHEIT

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