Guo Xiang über das Nichts, das Mystische und den Tod

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenbland

Teil 5: Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Teil 6: Die Etablierung des monarchistischen Konfuzianismus als Staatsideologie ab der 2. Jh. v. Chr.

Teil 7: Huainanzi, das Lebenselixier und die „Unsterblichkeit“

Teil 8: Die Anfänge des Buddhismus in China

Teil 9: Mouzi, der erste chinesische Buddhist?

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Teil 1: Die Entwicklung des religiösen Daoismus und der daoistischen Elixierschule

Teil 2: Die Einführung der buddhistischen Mönchsregeln in China

Teil 3: Der Streit zwischen den Daoisten, Buddhisten und Konfuzianern

Teil 4: Die Qingtan-Strömung und die Lehre des Mystischen

Teil 5: Wang Bi über das Sein und das Nichts von Laozi

Teil 6: Guo Xiang über Zhuangzi und sein „Flötenspiel des Himmels

Teil 7: Guo Xiang über das Nichts, das Mystische und den Tod

Laozis und Zhuangzis Aussage „Alles sei aus dem Nichts entstanden“ erklärt Guo Xiang  so:

Was ist das, was Zhuangzi und Laozi als Nichts bezeichnen? Begreife: Was die Dinge hervorbringt, ist [selbst] kein Ding, die Dinge entstehen daher von selbst. [1]

Das Nichts ist einfach nichts, also kein Sein. Wenn jedes Sein von keinem Sein hervorgebracht wurde, ist jedes Sein von selbst entstanden. Guo Xiang versuchte jegliche Vorstellung von einem „Nichts“ zu zerschlagen. Dadurch möchte er die Eigenständigkeit allen Seins hervorheben:

Der Bereich der Dinge, selbst nur der Rand der Schatten, manifestiert sich eigenständig im Mystischen. Daher ist das, was die Dinge geschaffen hat, ohne Herr, sondern die Dinge schaffen sich selbst. Die Dinge schaffen sich selbst und hängen von nichts ab, dadurch finden Himmel und Erde ihre Ordnung. [2]

Jedes Sein ist somit eigenständig und ist vollkommen frei. Damit kommt eine zentrale Aussage von Zhuangzi zum Ausdruck, was auch der Name des 1. Kapitels seines Werkes darstellt: Freies, unbekümmertes Wandern in Muße. Die persönliche Freiheit steht in Kontrast zu den damals erstarrten moralischen Verpflichtungen der Konfuzianer. Moral und Etikette können für Zhuangzi nicht aufgezwungen werden, sondern von jedem gelebt werden. Nur dann kann die mystische Harmonie aufgehen. Daher kann Himmel und Erde auch nur Ordnung finden, wenn sich die Dinge frei entfalten und einander nicht beeinträchtigen. Die „Manifestation der Dinge im Mystischen“ ist ein zentraler Begriff der Philosophie Guo Xiangs. Das „Mystische“ bezeichnet das, was die Dinge hervorbringt, und ist Guo Xiangs Bezeichnung für das „Nichts“. Dieses „Mystische“ ersetzt auch die Vorstellung des Himmels als Schöpfer:

Die Ursache der Menschen ist der Himmel, was den Himmel hervorbringt, schafft sich eigenständig. Die Menschen sehen den Himmel als Vater, deshalb wagen sie nicht, den Ablauf von Tag und Nacht, Kälte und Hitze, zu hassen und folgen diesem, ohne Aufruhr. Wie kann man daher dem eigenständig Entstandenem, dem Zustand des Mystischen, nicht folgen, ohne Aufruhr? Wenn man diesem so folgt, dann akzeptiert man die Wandlung von Leben und Tod. [3]

Die Eigenständigkeit der Dinge bedeutet somit: Folge der Natur der Dinge ohne Aufruhr! Daher hat man auch die Wandlung des Lebens zum Tod als natürliches Phänomen zu akzeptieren, ohne diesem abgeneigt zu sein. Es geht schließlich um die Überwindung der Angst vor dem Tod. Die Schlussfolgerung zog Guo Xiang aus seiner Erläuterung zum Sein und Nichts:

Der Tod manifestiert sich von selbst, nicht das Leben hat diesen hervorgebracht. Auch das Leben manifestiert sich eigenständig. Der Tod und das Leben kommen jeweils eigenständig zustande und manifestieren sich von selbst.[4]

Das „Leben“ schafft keinen „Tod“, da ansonsten der „Tod“ gleich dem „Leben“ wäre. Auf Basis der mystischen Grundlage des „Nichts“ sind beide jeweils eigenständige Manifestationen. Als Fazit aus Guo Xiangs Betrachtung über den Tod kann das folgende Zitat dienen:

„Die Wandlung von Tod und Leben ist wie der Wechsel der Jahreszeiten. Die Zustände von Tod und Leben unterscheiden sich zwar, aber sie haben gleichermaßen mit ihren Umständen Frieden zu schließen. Wenn für die Lebenden das Leben „Leben“ ist, aber für die Toten das Leben „Tod“ ist, dann gibt es kein „Leben“. Wenn für die Lebenden der Tod „Tod“ ist, aber für die Toten der Tod „Leben“ ist, dann gibt es keinen „Tod“. [5] 

Die Wandlung der Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind und dem Lauf der Natur folgen, ist die zentrale Idee der daoistischen Philosophie. Dass es kein „Leben“ und keinen „Tod“ gibt, ergibt sich aus Guo Xiangs Ansicht, dass jedes Phänomen oder Ding eigenständig dem Nichts, dem Mystischen entsprungen ist und daher von keinem anderen abhängt. Es ist weniger ein kosmologisches Konzept, sondern ein mentaler Prozess. Das Ziel ist die vollkommene Freiheit des Geistes. Dies ist Guo Xiangs Interpretation von Zhuangzis Sicht über den Tod. Betrachten wir diese Aussage nochmals in Relation zu Guo Xiangs Vorstellung vom Sein und Nichts: 

Das Nichts kann sich daher nicht zum Sein verwandeln, das Sein kann sich auch nicht zum Nichts verwandeln. Daher können sich die Dinge zwar zehntausendfach verwandeln, aber sie können sich nicht zu Nichts verwandeln. Können sie sich nicht zu Nichts verwandeln, dann hat es nie kein Sein gegeben, dieses besteht ständig.[6]

Das Nichts kann nicht das Sein werden, da etwas, was sich wandelt, ein Sein ist und kein Nichts. Ein Sein kann daher auch nicht ein Nichts werden, da etwas, zu dem etwas sich wandeln kann, nicht nichts sein kann. Daher ist das Nichts einfach nichts, gerade deswegen kann alles Sein beständig existieren, weil es eine beständig nichtige Grundlage gibt. Ein Sein geht also immer in ein eigenständiges Sein über, welches dem Vorherigen nicht gleicht. Auf den Tod bezogen interpretierte Guo Xiang ein Gleichnis von Zhuangzi. Das Gleichnis von Zhuangzi über den Tod lautet:

Was zu Ende kommt ist das Brennholz. Das Feuer setzt sich fort, sein Ende kennen wir nicht. [7]

Guo Xiang interpretiert es so:

Der vorige Atem ist nicht gleich dem jetzigen, durch die Pflege des Lebens setzt sich das Leben fort. Das vorherige Feuer ist nicht gleich dem nachkommenden, durch das Nachlegen vom Holz wird es fortgeführt. Mit der Fortführung des Feuers setzt sich das Leben fort. Man mag das Leben bestens pflegen, aber man weiß nicht, was nach dem Ende wieder entsteht.[8]

Buddha Gautama verwendete das gleiche Gleichnis zur Beschreibung des Reinkarnationskreislaufes. Zwar haben weder Zhuangzi noch Guo Xiang ein Leben nach dem Tod erwähnt, aber die Buddhisten sahen darin das gleiche Prinzip und brachten die Lehre des Reinkarnationskreislaufes ein. Dies entfachte damals unter den Gelehrten heftige Auseinandersetzungen über die Frage, ob man nach dem Tod noch weiter existieren würde. Die buddhistische Vorstellung über den Tod begann sich zu etablieren. Wichtige Beiträge dazu leistete der chinesische Mönch Huiyuan, welcher mehrere Abhandlungen dazu verfasst hat.

–> Fortsetzung: Teil 8: Huiyuans Abhandlung über das Nichterlöschen des Geistes


[1] 夫庄老之所以屡称无者,何哉?明生物者无物,而物自生耳。——《郭象 庄子注 在宥注》

[2]是以涉有物之域,虽复罔两(影子外的虚影),未有不独化于玄冥之境者也。故造物者无主而物各自造。物各自造而无所待,此天地之正也。”——《郭象 庄子注 齐物论注》

[3]人之所因者天也,天之所生者独化也。人皆以天为父,故昼夜之变、寒暑之节,犹不敢恶,随天安之,况乎卓尔独化,至于玄冥之境,又安得而不任之哉?既任之,则死生变化,惟命之从也。” ——《郭象 庄子注 大宗师注》

[4] 死者,独化而死耳,非夫生者生此死也。生者亦独化而生耳,死与生各自成体独化而足。——《郭象 庄子注 知北游注》

[5] “夫死生之变,犹春秋冬夏四时行耳,故生死之状虽异,其于各安所遇一也。今生者方自谓生为生,而死者方自谓生者为死,则无生矣。生者方自谓死为死, 而死者方自谓死为生,则无死矣。” ——《郭象庄子注》

[6] 非惟无不得化而为有也,有亦不得化而为无矣。是以有之为物,虽千变万化,而不得一为无也。不得一为无,故自古无未有之时而常存也。——《郭象 庄子注 (知北游)》

[7] 指穷于为薪,火传也,不知其尽也。——《庄子﹒养生主》

[8] 向息非今息,故纳养生而命续;前火非后火,故为薪而火传。火传而命续,由夫养得其极也,世岂知其尽而更生哉!《郭象﹒庄子注﹒养生主》



Kategorien:Buddhismus China, Die Lehre des Mystischen 玄学

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