Die Qingtan-Strömung und die Lehre des Mystischen

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Teil 1: Konzi (Konfuzius) und der Konfuzianismus

Teil 2: Laozi (Laotse) und der Daoismus

Teil 3: Mengzi (Mencius) im „Streit der Hundert Schulen“

Teil 4: Zhuangzi, der Wahrhaftige vom Südlichen Blütenbland

Teil 5: Das Wechselspiel zwischen Legalismus, Konfuzianismus und Daoismus

Teil 6: Die Etablierung des monarchistischen Konfuzianismus als Staatsideologie ab der 2. Jh. v. Chr.

Teil 7: Huainanzi, das Lebenselixier und die „Unsterblichkeit“

Teil 8: Die Anfänge des Buddhismus in China

Teil 9: Mouzi, der erste chinesische Buddhist?

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Teil 1: Die Entwicklung des religiösen Daoismus und der daoistischen Elixierschule

Teil 2: Die Einführung der buddhistischen Mönchsregeln in China

Teil 3: Der Streit zwischen den Daoisten, Buddhisten und Konfuzianern

Teil 4: Die Qingtan-Strömung und die Lehre des Mystischen

In der Wei- und Jin-Zeit (220-440 n. Chr.) und in der Zeit der „Nord- und Süddynastien“ (440-589 n. Chr.) kam es zum Durchbruch des Buddhismus bei den Eliten und Intellektuellen des Landes mit der Annäherung der philosophischen Ansichten. Buddhistische Gelehrte verwendeten geschickt konfuzianische und daoistische Begriffe zur Erklärung buddhistischer Konzepte. Dies verhalf zur raschen Rezeption des Buddhismus unter den Eliten des Landes. Solche Beiträge buddhistischer Gelehrter förderten die Vereinigung der konfuzianischen und daoistischen Lehren mit dem Buddhismus. Moderne Gelehrte nennen diesen Prozess „Den Zusammenfluss der Lehre des Mystischen und des Buddhismus 玄佛合流 xuan fo he liu“. Dieser Prozess begann mit der sog. Qingtan-Strömung nach dem Untergang der Han-Dynastie 220 n. Chr.

Nachdem die Konfuzianer durch den Untergang der Han-Dynastie ihre politische Übermacht verloren haben, waren die intellektuellen Kräfte nicht mehr am Konfuzianismus gebündelt. Sie konnten sich mit den daoistischen Werken befassen. Geniale Köpfe wie Wang Bi 王弼 (226-249 n. Chr.) und Guo Xiang 郭象 (252-312 n. Chr.) verfassten wichtige Kommentare zu „Laozi“,  „Zhuangzi“ und dem „Zhouyi“ (oder „Yijing“), dem Buch der Wandlung. Diese Werke wurden als San Xuan 三玄, die „drei Mystischen“, bezeichnet. Man unterteilt daher die Epochen in die „Lehre der (konfuzianischen) Klassiker 经学 jing xue“ der Han-Zeit und „die Lehre des Mystischen 玄学 xuan xue“ der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.).

In dieser politisch instabilen Zeit fand eine offene Diskussionskultur auf der philosophischen Ebene statt. Die Veränderung im politischen System bewirkte auch eine tiefgreifende Wandlung des Gesellschaftssystems. Die Beamtenwahl auf lokaler Basis in der Han-Dynastie führte mit der Zeit zur dezentralen Machtverteilung. Die lokalen Mächte konnten die Zentralpolitik durch die Beamtenselektion beeinflussen. Die Führer der Wei- und Jin-Dynastie holten sich diese Macht der Selektion wieder zurück, indem sie die Kandidaten für die Beamtenschaft zentral bestimmten. Sie berücksichtigten weiterhin die lokalen Vorschläge, aber legten die Kriterien der Beamtenauswahl fest und teilten diese in neun Klassen ein. Neben persönlichen Fähigkeiten und dem moralischen Ruf bewertete man auch die Familienabstammung. Dies führte dazu, dass letztendlich die Kandidaten mächtiger Familien bevorzugt wurden.

Die Beamtenklasse blieb somit immer unter Kontrolle der Aristokraten. Sie verfügten seit der Geburt über die besten Ressourcen des Landes und gaben sich daher völlig ihren Interessen hin. Eine, von der Politik losgelöste, freie Diskussionskultur wurde zur Mode. Diese Strömung wurde als Qingtan 清谈, also die „reine Gespräche“, bezeichnet. Später gab man dieser Strömung die Schuld an dem Niedergang der Jin-Dynastie. Dass sich die Eliten des Landes diesen Reden widmeten, sahen die Kritiker als nutzlos für den Staatsdienst an. Für die Entwicklung der Philosophie waren diese Gespräche jedoch von großer Bedeutung. Aus dieser Strömung gingen wichtige Persönlichkeiten wie Wang Bi und Guo Xiang hervor. Wang Bis Kommentar zu „Laozi“ und Guo Xiangs Kommentar zu „Zhuangzi“ waren maßgeblich für die Entstehung der „Lehre des Mystischen“. Insbesondere Wang Bi wird als der Initiator der Qingtan-Strömung angesehen, da mit seinen Beiträgen eine offene Diskussion über andere Lehren als Konfuzianismus erst möglich wurde.

–> Fortsetzung: Teil 5: Wang Bi, der Initiator der Qingtan-Strömung



Kategorien:Buddhismus China, Daoismus / Taoismus, Die Lehre des Mystischen 玄学

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  1. Der Streit zwischen den Daoisten, Buddhisten und Konfuzianern – DER WEG DER EINHEIT
  2. Wang Bi über das Sein und das Nichts von Laozi – DER WEG DER EINHEIT
  3. Guo Xiang über Zhuangzi und sein „Flötenspiel des Himmels“ – DER WEG DER EINHEIT
  4. Guo Xiang über das Nichts, das Mystische und den Tod – DER WEG DER EINHEIT
  5. Huiyuans Abhandlung über das Nichterlöschen des Geistes – DER WEG DER EINHEIT
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