Anekdote: Der junge Mönch und der kleine Affe


In einem Tempel am Berg lebte ein junger Mönch, der belesen und klug war. Er diskutierte gerne mit
klugen Leuten. Bei Klosterbrüdern mit geringem Wissen, die seine Argumente nicht so schnell
begriffen, platzte er jedes Mal vor Ungeduld und schimpfte: „Warum verstehst du mich nicht? Du
Dummkopf?“ Der Abt kritisierte ihn oft dafür, aber er änderte sich nicht.


Eines Tages sammelte er Brennholz am Berg. Auf dem Rückweg wurde er müde, also stellte er das
Brennholz ab, trank aus der Bergquelle und machte sich frisch. Da war ein kleiner Affe, mit dem der
Junge immer bei seinen Bergtouren spielte. Der junge Mönch wollte sich das Wasser vom Gesicht
wischen, zeigte auf das Tuch bei der Holzladung und deutete dem kleinen Affen, dieses für ihn zu
holen. Der Affe rannte hinüber, zog ein Stück Brennholz aus der Ladung und brachte es dem jungen
Mönch. Der junge Mönch fand es amüsant und bat den Affen nochmals, das Tuch zu holen. Dabei
malte er pantomimisch mit den Händen die quadratische Form des Tuchs und sagte: „Tuch, Tuch!“
Der Affe brachte ihm wieder ein Stück Brennholz. Der junge Mönch amüsierte sich noch mehr.
Diesmal nahm er einen Stein und warf ihn auf das Tuch, zeigte nochmals darauf und sagte: „Siehst du
das? Nimm das Tuch.“ Der Affe brachte abermals ein Stück Brennholz. Als der junge Mönch den
selbstgefälligen Gesichtsausdruck vom Affen sah, überkam ihm ein Lachanfall.


Nach seiner Rückkehr erzählte er dem Abt von seinem amüsanten Erlebnis. Dann fragte ihn der Abt:
„Wenn die Klosterbrüder dich nicht verstehen, platztest du gleich vor Ungeduld. Warum konntest du
aber den kleinen Affen dulden?“ Der junge Mönch war verdutzt und antwortete: „Es ist normal, dass
der Affe mich nicht versteht, weil er ein Affe ist. Aber die Klosterbrüder sind Menschen, und sie
sollten verstehen, was ich gesagt habe. „


Der Meister sagte: „Sollten? Erstens können Menschen unterschiedlich veranlagt sein, zweitens
wurden sie unterschiedlich von ihrem Umfeld beeinflusst, drittens hatten sie nicht alle die gleichen
Lehrer. Sie sind nicht schuld an ihrer Veranlagung, ihrem Umfeld oder ihrer Erziehung. Die
Unterschiede zwischen Menschen können so groß sein, wie kannst du behaupten, dass alle
Menschen dich verstehen sollten?“

Der junge Mönch senkte seinen Kopf und war sprachlos.


Der Meister fuhr fort: „Der Lauf der Dinge ist unbeständig. Einmal weiß du mehr, ein anders Mal weiß
er mehr. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand dich vor Ungeduld beleidigt?“


Der junge Mönch sagte beschämt: „Meister, ich sehe meinen Fehler ein.“


Der Meister lächelte und sagte: „Überlege mal, wie würde ein Buddha handeln? Würde der Buddha
wütend auf seine Mitmenschen sein, weil sie ihn nicht verstehen? Natürlich nicht. Der Schlüssel der
Sache liegt also darin, die Welt und deine Mitmenschen mit Güte, Mitgefühl und Weisheit zu
betrachten und zu begegnen.“


Der junge Mönch faltete die Hände und verbeugte sich.



Kategorien:Anekdoten

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