„… Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung, Bewusstsein sind ebenso.“

Herz Sutra – „… Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung, Bewusstsein sind ebenso.“

——Begleitlektüre zum Drei Schätze Retreat am 17.12.2020

Im Anschluss zum vorherigen Satz des Herz Sutra sagt dieser Titelsatz aus, dass für diese vier Ansammlungen genau das gleiche gilt, wie wir dies im letzten Beitrag für die „Form“ gesagt haben. Betrachten wir nun diese vier im Detail:

Empfindung (Sanskrit: Vedana; Chinesisch: 受 shou) wurde im Deutschen zuweilen mit Gefühl übersetzt. Es ist aber nicht im Sinne eines „gefühlvollen Menschen“ oder „verletzter Gefühle“ gemeint, sondern die ganze Palette von schmerzhaften oder angenehmen Eindrücken. Was unterscheidet das von Wahrnehmung (Sanskrit: Sanna)? Bei Letzterem tritt ein Element von Bewusstheit, von Wissen hinzu: Bei Empfindung weiß man nur „schmerzhaft, Aua“ oder „ah, angenehm“, bei Wahrnehmung kann man einordnen „meine Hand tut weh und ist ja ganz blau“. Das chinesische Wort dafür: xiang hat wörtlich die Bedeutung „Denken, Gedanken“. Somit sind damit wohl auch schon die ersten Gedankengänge wie „Wie habe ich mich verletzt? Wer war schuld dran?“ enthalten.

Schwierig ist die nächste Ansammlung, Gestaltung (Sanskrit: Sankhara) zu erklären. Was wird von wem gestaltet? Das Konzept „meine verletzte Hand“ ist so eine Gestaltung, „zusammengebraut“ aus Form, Schmerz, Wahrnehmung, Bewusstsein. Zwei weitere Hinweise zum Verständnis sind: das buddhistische Wörterbuch des deutschen Theravada Mönchs Nyanatiloka macht auch auf die Rolle, die Karma dabei spielt, aufmerksam, sodass er vorschlägt, „Karmaformation“ als Übersetzung zu verwenden. Und Edward Musson, ein britischer Offizier, der 1949 auf Sri Lanka Theravada Mönch wurde, interpretiert „Gestaltung“ in seinen „Notes on Dhamma“ als „etwas, das von etwas abhängt“, also etwas (von etwas anderem) „Gestaltetes“ eben. Das chinesische Wort dafür: xing hat auch die wörtliche Bedeutung „Handlung“. Auf einfache Art und Weise sagt man dazu, dass Handlungen auf Basis der vorangegangenen Gedanken gesetzt werden, die zu Karma führen. Diese gehen in unserem Beispiel von der Unmut im Herzen, über laute Flüche bis zur Streit mit einem Schuldigen. Feiner und tiefsinniger ausgedrückt, umfasst Gestaltung die Willensimpulse, die sich auf Basis von Abneigung oder Zuneigung bilden, welche zu Handlungen führen und das Bewusstsein prägen. Diese Impulse für Ab- und Zuneigung, die aus dem Bewusstsein stammen,  werden wiederum durch die aktuellen Geschehnisse noch mehr verstärkt.

Eine Verbindung herzustellen zwischen den Schmerzen, der optischen Veränderung der Hand, den Gedankengängen und dem Unmut über das Pech oder gegen einen Schuldigen, geschieht natürlich mit dem Bewusstsein (Sanskrit: Vinnana; Chinesisch: 识 shi), der letzten der fünf Ansammlungen. Dieses Bewusstsein ist die zentrale Grundlage der Gestaltung (Karmaformation, Handlung), mit welchem wir uns als das Ich identifizieren.

In diesem Kontext wollen wir jetzt über die Denkweise des Yogacara, der „Nur-Geist Schule“ des Buddhismus, bezüglich der acht Bewusstseinsebenen sprechen. Beginnen wir mit den sechs Sinnesgrundlagen (六根 liugen), die allen buddhistischen Richtungen gemeinsam sind. Es gibt: die Augen-, Ohren-, Nasen-, Zungen-, Körper- und Geistgrundlagen im Inneren und ihre äußere Entsprechungen (六尘 liuchen): Form-, Klang-, Geruchs-, Geschmacks-, Berührungsobjekts- und Geistesobjektsgrundlagen. Im Chinesischen spricht man hier metaphorisch vom Staub, der sich ansetzt. Ihr Zusammentreffen ergibt (六识 liushi): Seh-, Hör-, Riech-, Geschmacks-, Berührungs- und Geistbewusstsein.

Die Nur-Geist Schule kennt dann noch das 7. Bewusstsein, auf Sanskrit Manas und auf Chinesisch 末那识 monashi. Dies funktioniert auf Basis der unzähligen im tiefen Unterbewusstsein gespeicherten Sinneseindrücke, die die Samen unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen, somit letztlich die Karmaursachen, darstellen – Dies ist das 8. Bewusstsein, auf Sanskrit Alaya und auf Chinesisch 阿赖耶识 alai yeshi. Dies nimmt alles auf, was über die anderen sieben Bewusstseinsebenen aufgenommen und verarbeitet worden ist. Diese gespeicherten Daten sind die Ursache für Handlungen und Handlungsabsichten, dem sogenannten Karma. Sprich die Manifestation dieser Samen in psychische und physische Phänomene, welche die Sinne wahrnehmen, welche das Ego für real hält und danach handelt. Diese Handlungen führen zur Produktion von weiteren Samen, die im Alaya gespeichert werden, produzieren weiteres Karma und immer so weiter: dies ist Samsara, der ständig weitergehende Daseinskreislauf.

Es ist so wie wenn wir einen Film anschauen. Mittendrin hegen wir Emotionen und Gefühle, als wären die Szenen real. Nach dem Film aber klingen die Gefühle ab, weil das Bewusstsein sich nicht mehr an die Szenen fesselt. Die Entfesselung war leicht, da man sich bewusst ist, dass es ja nur ein Film ist. Im Traum erleben wir auch alles als höchst real. Nach dem Aufwachen jedoch hat man ihn entweder schon gänzlich vergessen oder ist sich jedenfalls über die Traumnatur der Erlebnisse im Klaren. Im wachen Leben jedoch kann man nicht so leicht loslassen, weil man es als real betrachtet und sich betroffen fühlt. Obwohl diese genauso Bilder und Begriffe im Bewusstsein sind wie die Szenen der Filme und Träume. Würden wir unser Leben mit dem Auge eines unbeteiligten Beobachters betrachten, würden wir nicht so sehr anhaften. Schließlich ist es dieses Anhaften, das zu Willensimpulsen führt, die wiederum zu Gedanken und Gefühlen führen. So entstehen Sorgen und Kummer, Schmerz und Trauer, Wut und Verzweiflung. Man spielt in einem Film mit, weiß aber nicht, dass es nur ein Film ist. Man versucht auch, immer selbst ein Drehbuch fürs Leben zu schreiben, Regie zu führen – und muss immer wieder feststellen, dass der Film sich nicht ans Drehbuch hält! Allerdings können die Eindrücke dieses Films jederzeit den Verlauf eben dieses Films noch verändern oder zu einem weiteren Film führen. Somit würden die Fortsetzungen nie enden. Der einzige Weg die Filmproduktion zu stoppen ist, das Drehbuchschreiben zu verwerfen. Wie geht das nun? Um nichts Neues zu schreiben, darf es keinen neuen Input geben. Der „Drehbuchschreiber“ muss aufhören über neuen Stoff nachzudenken und dem Regisseur nichts mehr liefern. Der Regisseur sollte keine Anweisungen mehr geben, ist aber schon so vernarrt in seine Arbeit, dass er gar nicht mehr aufhören kann.

Nach außen hin führen die 5 Sinnesbewusstseinsebenen die Tatabsichten der inneren Bewusstseinsebenen aus, wie Schauspieler die Rollen laut Regie und Drehbuch spielen. Wie kommt also das Drehbuch, sprich das Speicherbewusstsein zustande? Jeder der fünf äußeren Sinne hat für sich Objekte der Begierde und bildet damit Bewusstseinsimpulse (Zu- und Abneigungen; Gier und Hass). Diese kommen zuerst zum Gedankensinn und werden dort zu Datenmaterialien (Tatabsichten) für weitere Szenen oder Filme in diesem Leben oder in weiteren Leben gestaltet. Diese Zu- und Abneigungen (Gier und Hass) verstärken das 7. Bewusstsein, als das Ich-Gefühl, und werden im Speicherbewusstsein, also im „versteckten Drehbuch“, gespeichert. Das Gespeicherte ist die Karma-Ursache, die schließlich zu Karma-Folgen führt. Das Karma lässt uns einen Film nach dem anderen (ein Leben nach dem anderen) erleben. Solange alle acht Bewusstseinsebenen diese Filme als real betrachten und verblendet mitspielen, geht dieser Kreislauf unendlich weiter. Es sei denn, man erwacht plötzlich und hört auf mitzuspielen. Das Aufhören gestaltet sich aber nicht so einfach: Der oben beschriebene Prozess der Bewusstseinsbildung ist bereits eingefahrene Gewohnheit, ja sogar Sucht.

Dazu ein Zitat vom 5. Ahnlehrer Hongren aus dem Podiumsutra:

Säht man mit Gefühlen die Samen,
wachsen aus jener Erde die Früchte;
Ohne Gefühle gibt es keine Samen,
somit auch kein Wesen und keine Geburt.[i]   

Befassen wir uns zum Verständnis dieser Verse einmal mit dem Konzept von Ursache und Wirkung, bekannt als Karma. Demnach bringt jede Handlung (oder Tatabsicht), egal ob sie mental, verbal oder körperlich vollzogen wird, unweigerlich Konsequenzen mit sich. Man erntet was man säht. Diese Folgen müssen nicht im gegenwärtigen Leben wirksam werden, sondern vor allem gestalten Sie das zukünftige Leben in einem der oben erwähnten sechs Daseinsbereiche. Jedoch ist keines dieses weitere Leben die Endstation. Diese „Samen-sähenden“ Handlungen (Karma bedeutet wörtlich Handlung) resultieren aus dem Anhaften des Geistes an den formhaften Erscheinungen und dem dadurch entstandenen sinnlichen Begehren. Dieses Anhaften kommt zustande, weil man sein verspürtes Ego als real, als „das Ich“ betrachtet und damit alle von diesem „Ich“ wahrgenommene Erscheinungen als real sieht und Neigungen und Abneigungen gegen diese hegt. Dieser Prozess ist das, was der Ahnlehrer Hongren mit seinen Versen „Säht man mit Gefühlen die Samen, wachsen aus jener Erde die Früchte“ beschrieb. „Mit Gefühlen“ kann auch die Bedeutungen „mit Willen, Absicht, Neigung und/oder Bewusstsein“ umfassen. Ein anderes gängiges Wort mit gleich klingender Bedeutung im chinesischen Buddhismus, das dem Daoismus entlehnt wurde, ist das „You-Wei 有为“, also wörtlich „Mit-Tun“. Das Gegenteil dazu wäre das Wort „Wu-Wei 无为“, also wörtlich „Nichts-Tun“ oder „Ohne-Tun“. Im Kontext von Ahnlehrer Hongrens Rede weist es daraufhin, dass Karma erst zustande kommt, wenn „Mit-Tun“ gehandelt wird, sprich „mit Absicht, Willen, Neigung und/oder Bewusstsein“. Der 3. und 4. Vers deuten nun auf das Gegenteil bzw. auf die Lösung des Problems hin: wenn man „ohne Gefühl“ handelt, dann gibt es keine Samen, somit auch kein Karma. Das ist deshalb möglich, weil die Handlung auf keiner Vorstellung von einem „Ich“ basiert und somit zu keiner Geburt/keinem Entstehen führt, da es ja keine Samen, also kein Karma, gibt.

Der Erhabene Lehrer beschreibt den Prozess der fünf Ansammlungen einfach und praktisch:

Das Formhafte führt zu Empfindungen, worauf die Wahrnehmungen (oder Gedanken) folgen. Die Gedanken führen zu Gestaltungen (oder Handlungen), die zu unermesslichem Karma führen. Wenn man versessen auf Profit, Ruhm und Macht sowie Gelüsten und Begierden ist, prägen diese das Bewusstsein, das zu karmischen Ursachen und Wirkungen (Samsara) führen.“[ii]

Wie könnt ihr also die Erlösung erlangen? Bei der körperlichen, verbalen und geistigen Ebene habt ihr die Praxis anzusetzen. Alle Gedanken und Handlungen entstehen durch die fünf Ansammlungen (Skandhas), die ungute Gewohnheitszüge bilden, welche man durch die Praxis auflösen muss, um den Geist zur Ruhe zu bringen. Erlangt Großmut durch Duldungen, entfaltet Weisheit durch Toleranz. Hegt immer Mitgefühl und Verständnis für den Nächsten, dann werdet ihr ein erlöstes und glückliches Leben verwirklichen.[iii]

Wenn Form leer ist, basieren Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung und Bewusstsein auf nichtiger Grundlage. Wenn wir jetzt zum Herz Sutra Text zurückkehren, stellen wir fest: sie alle werden also, genauso wie oben „Form“, vom Bodhisattva mit der Leerheit gleichgesetzt, sie werden gleichsam „entleert“.

Das Festhalten an der Leere und Stille führt daher zu einer neuen Anhaftung, welche wiederum Abneigung und Neigung verursacht. Man wird dabei weltabgewandter und verabscheut gesellschaftliche Aktivitäten. Das ist so wie wenn man das klare Wasser eines Teiches vor Unreinigkeiten schützt. Da die daraus entstehenden Neigungen und Abneigungen nur wieder zu Unzulänglichkeiten führen, soll man  auch der Leere und Stille keine Beachtung schenken, vielmehr übt man in der Soheit, in jeder Situation. Die Soheit ist die authentische Reaktion des natürlichen Wesens auf das Umfeld ohne jegliche Anhaftung.

Ein Zitat von Huineng aus dem Podiumsutra behandelt ebenso das Thema und weist auf die Praxis hin:

[…] das leere All kann die zehntausend Dinge und Formen umfassen. […] Das leere Wesen der Menschen ist genauso. […] Alle Phänomene sind im (natürlichen) Wesen aller Menschen vorhanden. Beim Anblick alles Guten und Schlechten der Menschen: einfach nichts ergreifen, aber auch nichts abweisen. Man wird nicht davon befleckt und haftet sich nicht an ihnen an. Der Geist ist so leer wie das All, so heißt es groß (großmütig).[iv]  (Fortsetzung folgt)


[i] “……听吾偈曰:有情来下种,因地果还生。无情亦无种,无性亦无生。”

[ii] 因为有色的关系,有色一定会受,有受一定会有想法,有想一定会有所行动,有所行动,你有可能会造下无量无边罪孽,是因为被名利权势冲昏了头,声色货利中无法自拔,识于心而不忘,因果就是这样产生出来了。

[iii] 活佛师尊:如何解脱呢?要从身口意修持著手,一切念头思想行为皆由五蕴所引起,从修持中来剷除不良的习性,静熄动心。忍辱包容有度量,逆来顺受增长智慧,时时为别人设想,自然活得超脱快活。

[iv] 善知识,世界虚空,能含万物色像,……, 世人性空,亦复如是。自性能含万法是大,万法在诸人性中,若见一切人恶之与善尽皆不取不舍,亦不染著,心如虚空,名之为大。[六祖坛经 般若品]

<– „Form ist Leerheit, Leerheit ist Form“

–> „Alle Dharmas sind leere Formen“



Kategorien:Herzsutra 心经

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