Anekdote: Der Kampf im Gedränge

An einem regnerischen Tag ist es im Autobus völlig überfüllt. Die Fahrgäste sind dicht aufeinander gedrängt, man kann sich kaum bewegen. Die Stimmung ist gereizt. Ein Fahrgast fühlt die Schirmspitze von jemand in seinen Fuß stechen. Er kann sich aber nicht umdrehen und lässt es vorerst geschehen. Durch die Schwankung des Busses sticht der Schirm aber immer wieder einmal stärker zu, und das schmerzt. Sein Unmut verstärkt sich. „Dem werd ich es zeigen, wenn ich mich mal umdrehen kann.“ Im Kopf malt er sich alle möglichen Szenen aus, wie das werden wird. Endlich kommt der Bus an der nächsten Station an, und einige steigen aus. Möge der Kampf  beginnen! Voller Wut dreht er sich um, aber als er den Täter sieht, sind die ganze Wut und der Unmut verschwunden. Es handelt sich um einen Blinden, und er wurde von dem Blindenstock gestochen. Alle Vorstellungen des Kampfes sind jetzt obsolet.

Was hat sich in dem Moment geändert? Die Vorstellung und die Gedanken. Die Gedanken bei der Vorstellung eines unachtsamen, groben „Gewalttäters“ haben sich beim Anblick des Blinden schlagartig gewandelt. In Bezug auf das buddhistische Konzept von den fünf Ansammlungen (Skandhas) sieht der Prozess wie folgt aus:

Form (Rupa) ist Bus, Fahrgäste, Fuß, Schirm/Gehstock, der Blinde. Also alles, was über die Sinnesgrundlagen (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper, Geist) erfasst werden.

Empfindung (Vedana) ist der Schmerz durch den Stich auf den Fuß, das Gedränge der Fahrgäste, das Wackeln des Busses. Das über die Sinnesgrundlagen Erfasste transformiert sich somit zu wahrnehmbaren Botschaften.

Wahrnehmung (Sanna) ist die Realisierung, dass jemand mit etwas auf MEINEM Fuss sticht und es MIR weh tut. Und ICH kann MICH nicht umdrehen und nachschauen. Hier kommt somit die Bewusstheit, ein Subjekt, ein Ich, dazu.

Gestaltung (Sankhara) ist der darauffolgenden Gedankenfluss: „Da sticht jemand mit einem Schirm auf meinen Fuß“, „wie unachtsam und grob ist denn dieser Mensch!“, „macht er das absichtlich?“, „den werde ich es dann zeigen!“ und die ganzen Szenen des Kampfes mit diesem Mensch. Da kommt Unmut, Wut ja Hass und die Tatabsicht zu einem Kampf dazu.

Bewusstsein (Vijnana) ist die Ablage und Anhaftung des ganzen Prozesses und aller Szenen, die zum Hass und zur Tatabsicht geführt hat. Diese Ablagerung dient wiederum als Basis künftiger Handlungen (Karma) und verstärkt noch mehr den Hass und die Tatabsichten. Sie bildet daher unbewusst Vorstellungen, die wiederum die Gestaltung (Sankhara) beeinflussen.

Dies führt auch zu den Schluss, dass der oben geschilderte Gedankenfluss und die daraus abgeleitete Tatabsicht auf die früheren Anhaftungen im Bewusstsein zurückzuführen sind. Das ist ein fortlaufender und sich immer verstärkender Prozess, wenn die Anhaftungen nicht verarbeitet und aufgelöst werden. Diese Anhaftungen nennt man im Buddhismus die Ursachen oder Samen von Karma, somit auch der Antreiber vom Samsara, dem Kreislauf des Leidens. Es heißt, solange diese Ursache nicht aufgehoben wird, wird es immer weitere (Wieder)Geburten geben, um das Gespeicherte abzuarbeiten. Es heißt: „Man erntet was man säht. Mögen abtausende Äonen vergehen, das entstandene Karma wird nicht verschwinden.“ Im Volkstümlichen sagt man dazu: „Säht man Melone erntet man Melone, säht Bohnen erntet man Bohnen! Gute Handlungen werden belohnt, Üble Taten werden vergeltet!“ Und die Samen dazu hat man selbst gesät und kann auch nur von einem selbst wieder aufgehoben werden.

Daraus kann man ableiten: Wandelt sich die Vorstellung, ändern sich die Gedanken; Ändern sich die Gedanken, ändern sich die Gefühle und Handlungen. Wie wäre es gewesen, wenn in obigem Fall tatsächlich ein „übler, unachtsamer Gewalttäter“, die die Vorstellung des Opfers entsprechen, das „Verbrechen“ begangen hat. Dann würde es wohl zu einer Streit kommen, und die Ursachen des Karmas würden im Bewusstsein von beiden verstärkt und gefestigt: Eine sog. schlechte karmische Beziehung entsteht. Weitere Streitszenen sind somit zwischen den beiden vorprogrammiert. Es sei denn, beide können ihre gesäten Samen im Geiste ausgleichen, sodass sie nicht mehr zum Gedeihen kommen. Das völlige Auflösen des Karma ist endgültiges Nirvana, die stille Erlöschung, die Rückkehr zum natürlichen Wesen.

Würde dieser Fahrgast von vornherein einsehen, dass alle Formen letztlich die Projektion des Karmas und somit wandelbar, illusorisch und leer sind, dann würde er auch erkennen, dass diese Grundlage für die Ansammlungen der Empfindung, Wahrnehmung, Gestaltung und des Bewusstsein auch leer ist. Weiters existieren die fünf Ansammlungen in Abhängigkeit zueinander: ohne Empfindung keine Form, ohne Wahrnehmung keine Empfindung, ohne Gestaltung (Gedankenfluss) keine Wahrnehmung, ohne Bewusstsein keine Gestaltung. Das gilt genauso umgekehrt: ohne Gestaltung kein Bewusstsein, ohne Wahrnehmung keine Gestaltung, ohne Empfindung keine Wahrnehmung, ohne Form keine Empfindung. Daran ist das Merkmal der Leerheit des Seins im buddhistischem Sinn zu erkennen: Alles entsteht bedingt und wird bei Entfall der Bedingung wieder erlöschen.

Mit dieser Einsicht würde er keine Unmut und nicht diesen Gedankenfluss zum „Kampf“ hegen. Es entsteht keine Tatabsicht und keine Bewusstseinsbildung. Kein Karma kommt zustande. Deshalb: Alle fünf Ansammlungen sind Leerheit. In dem er aber weiter erkennt, dass allerorts und alles Sein nur Leere ist, dann sieht er das Gedränge des Buses und das Stechen auf dem Fuß nicht als Leiden und sucht auch nicht deswegen als rasch diesem Umstand zu verlassen. Er genoss die Ruhe und Glückseligkeit trotz der Umstände und hilft dann vom Herzen gern noch dem Blinden aus dem Bus zu steigen.

Der Erhabene Lehrer sagt deshalb zur Praxis:

Achte auf deine Einstellung,
denn sie wird zu deinen Gedanken.
Achte auf deine Gedanken,
denn sie werden zu deinen Handlungen.
Achte auf deine Handlungen,
denn sie werden zu deiner Gewohnheit.
Achte auf deine Gewohnheit,
denn sie wird zu deinem Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
denn er zu deinem Schicksal.



Kategorien:Anekdoten, Buddhismus

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