In einem abgelegenen Tempel hoch oben auf einem Berg lebte ein junger Mönch namens Yi, bekannt für seinen scharfen Verstand und seine Gelehrsamkeit. Yi liebte es, sich mit weisen Menschen zu unterhalten und über tiefgründige philosophische Themen zu diskutieren. Doch wenn er mit den einfachen Klosterbrüdern sprach, die seine komplexen Gedanken nicht sofort verstanden, verlor er schnell die Geduld und schimpfte: „Warum verstehst du mich nicht? Du Dummkopf!“ Trotz wiederholter Ermahnungen durch den Meister änderte sich sein Verhalten nicht.
Eines sonnigen Tages zog Yi los, um Brennholz zu sammeln. Nachdem er den ganzen Vormittag gearbeitet hatte, wurde er müde. Er stellte das Brennholz ab, trank aus einer klaren Bergquelle und erfrischte sich. Plötzlich tauchte sein treuer Begleiter auf, ein kleiner, verspielter Affe, mit dem Yi oft während seiner Ausflüge Spaß hatte.
Yi wollte sich das Wasser vom Gesicht wischen und zeigte auf ein Tuch bei seiner Holzladung. Er bedeutete dem Affen, es zu holen. Der Affe, eifrig und gut gelaunt, rannte hinüber, zog jedoch ein Stück Brennholz aus der Ladung und brachte es Yi. Yi lachte und versuchte es erneut. Dieses Mal formte er mit den Händen die quadratische Gestalt des Tuchs und sagte deutlich: „Tuch, Tuch!“ Doch der Affe brachte ihm wieder nur ein Stück Holz. Yi amüsierte sich köstlich. Schließlich nahm er einen Stein, warf ihn auf das Tuch und sagte: „Siehst du das? Nimm das Tuch.“ Doch der Affe brachte abermals ein Stück Brennholz, mit einem schelmischen Ausdruck im Gesicht.
Als Yi zurück im Tempel war, erzählte er dem Meister lachend von seiner Begegnung mit dem Affen. Der Meister hörte geduldig zu und fragte dann: „Yi, warum hast du die Ungeduld, die du gegenüber deinen Klosterbrüdern zeigst, nicht gegenüber dem Affen gespürt?“
Yi antwortete verwundert: „Nun, es ist normal, dass der Affe mich nicht versteht, weil er ein Affe ist. Aber die Klosterbrüder sind Menschen; sie sollten verstehen, was ich sage.“
Der Meister lächelte weise und sagte: „Sollten? Menschen sind unterschiedlich. Jeder hat sein eigenes Verständnis und Tempo. Wie kannst du erwarten, dass alle dich sofort verstehen?“
Yi senkte beschämt den Kopf, unfähig zu antworten.
Der Meister fuhr fort: „Das Leben ist unbeständig. Manchmal weißt du mehr, manchmal weiß der andere mehr. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand dich aus Ungeduld beleidigt?“
Plötzlich erkannte Yi die Tiefe seiner Fehler. Der Meister lächelte und sagte: „Überlege einmal, wie ein Buddha handeln würde. Würde der Buddha zornig auf seine Mitmenschen sein, weil sie ihn nicht verstehen? Natürlich nicht. Der Schlüssel liegt darin, die Welt und deine Mitmenschen mit Güte, Mitgefühl und Weisheit zu betrachten.“
Diese Worte trafen Yi mitten ins Herz. Von diesem Tag an bemühte er sich, geduldiger und verständnisvoller zu sein und lernte, seine Mitmenschen mit derselben Sanftmut und Geduld zu behandeln, die er dem kleinen Affen entgegenbrachte.
Kategorien:Anekdoten

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