
Eines Abends, während der Zen-Meister in seinem Gemach im Kloster in tiefem Sitzen meditierte, öffnete sich plötzlich die Tür mit einem lauten Knall. Ein maskierter Einbrecher, bewaffnet mit einem scharfen Messer, stürmte herein und drohte: „Gib mir dein Geld, oder ich werde dich umbringen!“
Der Meister schien die drohende Gefahr gar nicht wahrzunehmen und antwortete mit ruhiger Stimme: „Das Geld befindet sich im Kasten in der ersten Schublade. Nimm dir, was du brauchst. Lass mir nur so viel übrig, dass ich mir etwas zu essen kaufen kann.“
Der Einbrecher war überrascht von der unerwarteten Reaktion des Meisters. Er riss die Schublade auf, nahm das Geld und wollte gerade fliehen. Doch als er sich abwenden wollte, sprach der Meister erneut: „Willst du dich nicht wenigstens bedanken?“
Der Einbrecher war sichtlich perplex. Die Gelassenheit des Meisters schien ihn zu beeindrucken und zu verunsichern. Wie im Traum murmelte er einen unbeholfenen Dank, ließ einen Teil des Geldes achtlos auf dem Boden liegen und verschwand dann lautlos in die undurchdringliche Nacht.
Die Polizei erfuhr bald von dem Vorfall und konnte den Einbrecher schnell fassen, da er bereits wegen anderer Straftaten gesucht wurde. Der Meister wurde zur Zeugenaussage eingeladen. Als er den Einbrecher sah, sagte er zur Polizei: „Das war wohl ein Missverständnis. Dieser Herr hat mich nicht beraubt. Er hat mich um etwas Geld gebeten, und ich habe zugestimmt. Wie vereinbart ließ er mir einen Betrag übrig, der ausreicht, um mir etwas zu essen zu kaufen. Er hat sich auch bedankt.“
Der Einbrecher konnte seinen Ohren nicht trauen. Trotz der Aussage des Meisters wurde er wegen seiner anderen Vergehen verurteilt. Doch die Worte des Meisters ließen ihn nicht los.
Jahre später, nach Verbüßung seiner Strafe, verspürte er eine tiefe Sehnsucht, die ihn zurück zum Kloster führte. Mit zitternden Händen öffnete er die Tür, kniete sich vor dem Zen-Meister nieder und sprach mit gebrochener Stimme: „Bitte, nimm mich als deinen Schüler auf. Ich habe die Ruhe und Weisheit, die du gezeigt hast, nicht vergessen.“
Der Zen-Meister lächelte sanft und nahm ihn ohne Zögern auf, als wäre alles schon längst beschlossen gewesen. Der ehemalige Einbrecher fand im Kloster nicht nur eine neue Heimat, sondern auch einen Weg zur inneren Erlösung. Unter der Führung des Zen-Meisters lernte er, die Gewalt und den Hass in seinem Herzen in Mitgefühl und Frieden zu verwandeln.
Die Geschichte vom Zen-Meister und seinem ungewöhnlichen Schüler verbreitete sich weit über die Grenzen des Dorfes hinaus und wurde zu einer Quelle der Inspiration für viele, die den Weg der Vergebung und Transformation suchten.
Kategorien:Anekdoten
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