
Ein Reisender unternahm eine Bergwanderung, als er plötzlich ausrutschte und den steilen Abhang hinabstürzte. Im letzten Moment griffen seine Hände nach zwei knorrigen Ästen, die aus der Felswand ragten. Dort hing er nun – gefangen zwischen Himmel und Erde, unfähig, sich hinaufzuziehen, und voller Angst, in die Tiefe zu stürzen.
Seine Finger krampften sich um das Holz, während sein Atem keuchte. Panik stieg in ihm auf. Sein Verstand raste, suchte nach einem Ausweg, nach einem Halt, nach Rettung. Und dann – wie aus dem Nichts – schien eine Gestalt vor ihm zu stehen. Ruhig, gelassen, mit einem durchdringenden Blick.
„Lass los“, sagte die Erscheinung leise. „Dann wirst du gerettet.“
Der Reisende starrte sie an. Loslassen? Wie konnte das die Rettung sein? Unter ihm erstreckte sich nur bodenlose Tiefe, ein dunkler Abgrund ohne sichtbares Ende. Nein, das konnte kein guter Rat sein. Mit aller Kraft klammerte er sich noch fester an die Äste, während seine Muskeln brannten und seine Angst ihn zu erdrücken drohte.
Sein Herz schlug wild. Er zwang sich, noch einmal hinzusehen. Doch da war niemand mehr. Nur Fels, Wind und Himmel.
Er sah den Himmel über sich, endlos und weit, und spürte unter sich die Leere. Die Äste, an denen er sich festklammerte, schienen ihm auf einmal nicht mehr sicher, nicht mehr wirklich – sie waren nichts als ein trügerischer Halt in einem Traum aus Angst. In seinem Inneren erwachte eine Ahnung, leise und fremd, doch unwiderstehlich: Vielleicht war das Fallen nicht der Tod, sondern die Befreiung. Vielleicht war das Loslassen kein Sturz, sondern ein Heimkehren. In der Tiefe seines Herzens verstand er plötzlich – alles, was er suchte, lag nicht in den Zweigen, nicht in der Höhe, nicht in der Angst. Es lag in der Hingabe an den Strom des Seins.
Der Reisende in der Parabel steht für uns alle – verstrickt in die Illusion der Kontrolle, klammern wir uns an das, was uns vertraut scheint, selbst wenn es uns Leiden bringt. Doch das Leben ist ein ständiges Fließen, und nur wer den Mut hat, seine Anhaftungen loszulassen, kann sich von Schmerz und Angst lösen. So lehrt uns die Geschichte, dass Erlösung nicht im Festhalten liegt, sondern im Vertrauen – in das Leben, in das Universum, in den natürlichen Lauf der Dinge. Wer loslässt, wird nicht fallen, sondern getragen werden.
Kategorien:Anekdoten
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