Anekdote: Die Kunst des Zikadenfängers

Eine Geschichte aus dem daoistischen Klassiker „Zhuangzi“ bzw. „Der Wahrhaftige des südlichen Blütenlandes“, Kapitel „Das Meistern des Lebens“ 《庄子·达生》:

Auf einer seiner Reisen durchquerte der weise Konfuzius mit seinen Schülern einen Wald. Dort bemerkte er einen alten Mann mit gekrümmtem Rücken, der mit einer langen Bambusstange Zikaden fing. Seine Bewegungen waren von einer solchen traumwandlerischen Sicherheit, dass es aussah, als pflückte er die Insekten mühelos direkt aus der Luft.

Fasziniert trat Konfuzius näher und sprach den Alten voller Respekt an: „Mein Herr, Eure Kunst ist vollkommen. Gibt es ein Geheimnis, eine besondere Lehre, die zu solcher Meisterschaft führt?“

„Ja, die gibt es“, antwortete der Greis, ohne seine ruhige Ausstrahlung zu verlieren. „Im Hochsommer, wenn die Zikaden schwärmen, beginne ich mein Training. Zuerst lerne ich, zwei kleine Kugeln auf der Spitze meiner Stange zu balancieren. Gelingt mir das, entgeht mir kaum noch eine Zikade. Schaffe ich es, drei Kugeln im Gleichgewicht zu halten, mache ich nur noch bei einer von zehn einen Fehler. Und wenn ich schließlich fünf Kugeln balancieren kann, ohne dass sie herunterfallen, dann ist das Fangen so einfach, als würde ich die Zikaden mit bloßen Händen aufsammeln.“

Er hielt kurz inne und sah Konfuzius an. „Sehen Sie, mein Körper steht so fest und unbewegt wie ein Baumstumpf. Mein Arm, der die Stange hält, ist so steif wie ein toter Ast. Und obwohl die Welt um mich herum unermesslich groß und voller Ablenkungen ist, existiert für mich in diesem Moment nichts anderes als die Flügel dieser einen Zikade. Alles andere ist ausgeblendet. Nichts kann meine Aufmerksamkeit stören. Wie könnte ich mein Ziel dann verfehlen?“

Konfuzius verstand. Er drehte sich zu seinen Schülern um und sagte: „Seht ihr? Wenn man seinen Willen und seine ganze Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache bündelt, so erwächst daraus eine Meisterschaft, die an ein Wunder grenzt. Und dieser Mann hier ist der lebende Beweis dafür.“



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