Anekdote: Wie schwer ist dieses Glas?

Der alte Mann stand vor der Menge.
Seine Hände waren ruhig, als er ein schlichtes Glas Wasser anhob. Die Nachmittagssonne fiel schräg durch das Fenster, ließ das Wasser im Glas wie geschmolzenes Silber glitzern.

„Wie schwer ist dieses Glas?“ fragte er in die Stille hinein.

Die Antworten kamen zögerlich, verstreut wie Regentropfen: „Zwanzig Gramm… vielleicht fünfhundert?“
Ein leises Lachen ging durch die Reihen.

Der Alte nickte, als wolle er jede Antwort behutsam in seine Hand nehmen. Dann sprach er:
„Sein Gewicht ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie lange ich es halte.“

Er ließ die Worte im Raum hängen, als bräuchten sie Zeit, um Wurzeln zu schlagen.
„Eine Minute – kein Problem.
Eine Stunde – der Arm wird schwer.
Einen ganzen Tag – ich müsste wohl den Arzt rufen.“

Das Glas funkelte im Licht, doch seine Stimme wurde leiser, fast wie ein Flüstern:
„Das Wasser wiegt immer gleich. Doch je länger ich es halte, desto schwerer wird es. So ist es auch mit dem Druck, den wir uns selbst auferlegen. Tragen wir ihn zu lange, wird er unerträglich – nicht, weil er wächst, sondern weil wir ihn nicht loslassen.“

Er stellte das Glas langsam auf den Tisch.
„Lernt, abzusetzen. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft – sondern jetzt. In diesem Augenblick.“

Die Menge schwieg. Und in dieser Stille schien selbst die Luft leichter zu werden.



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