Besprechung buddhistischer Themen anhand auserwählter Pali-Sutten
1. Einleitung
Es geht vielen Zeitgenossen so, dass sie dem Buddhismus gegenüber aufgeschlossen sind und mehr darüber erfahren wollen, aber bald von der Vielzahl an unterschiedlichen Schulen und Methoden, ganz besonders aber von der Riesenmasse an Texten entmutigt werden. Das ist verständlich. Selbst wenn wir nur die Sutras, also die Aufzeichnungen der Lehrreden Buddhas, betrachten und andere Textgattungen weglassen, wird es nicht wirklich einfacher. Versuchen wir, einen Überblick zu gewinnen!
- Der Ursprung der Lehrreden, wie sie heute vorliegen
Das indische Wort Sutra scheint auf die Bedeutung „Faden“ zurückzugehen, obwohl es da auch Zweifel gibt. Gemeint ist jedenfalls eine Aufzeichnung einer vom Meister zu bestimmter Gelegenheit gesprochenen Rede oder eines Gesprächs, in dem eine Lehre vermittelt wird. Auch andere indische Religionsgemeinschaften kannten diese Textgattung und nannten sie ebenfalls „Sutra“. Die deutsche Übersetzung „Lehrrede“ ist also ziemlich perfekt. Nun liegt die Frage auf der Hand: Sind das originalgetreue Aufzeichnungen von tatsächlich stattgefundenen Gesprächen? Und wenn ja, kann das bewiesen werden? Was kann man dazu begründet sagen?
Alle buddhistischen Traditionen bejahen diese Frage rundweg. Aber so einfach ist es nicht. Die Theravada-Tradition führt zum Beispiel als Hauptargument die Versammlung der Arhats unmittelbar nach dem Tod Gautamas an, auf der Ananda laut dem Vinaya die Sammlungen der Lehrreden der Palitexte in genau der heutigen Ordnung aus dem Gedächtnis aufgesagt haben soll. Aber eben diese Textstelle beschreibt Anandas Memorieren so: „Verse, Aussprüche, Lehrreden, Erläuterungen, Debatten“. Die Überlieferung kann sehr gut authentisch sein, und hier liegt auch offensichtlich der Grundstock aller später aufgezeichneten Lehrreden, aber es handelt sich um eine ganz andere Einteilung. Die heutigen vier Lehrredensammlungen der Palitradition sind späteren Datums und ganz klar kunstvoll komponiert.
- Die Struktur und der Aufbau der Lehrreden
Mit „komponiert“ ist gemeint, dass das Überlieferungsgut so geordnet wurde, dass der Kern der Lehre die Zeiten möglichst lange überdauert, auch wenn ganze Lehrredensammlungen verloren gehen sollten. Daher finden wir exzessive Wiederholungen. Diese treten nicht nur innerhalb einer Lehrrede auf, wo sie einen einprägenden und rhythmisch gliedernden Zweck haben, sondern auch an verschiedenen Stellen in den vier Sammlungen. Vor allem sind die Lehrreden sozusagen „modular“ aufgebaut: Ein Text kann sowohl als eigenständige kurze Lehrrede auftauchen als auch mehrfach als Bestandteil einer anderen, längeren Lehrrede. Dieses Kompositionsprinzip begegnet dem Leser immer wieder. Es ist sogar zu beobachten, dass die Lehrreden der Längeren und der Mittleren Sammlungen häufig aus selbstständigen kurzen Lehrreden der nummerierten und gruppierten Sammlungen zusammengefügt und literarisch mit einer narrativen Handlung versehen wurden. Die letztgenannten Sammlungen scheinen daher nach heutigem Forschungsstand ursprünglicher zu sein. Bei den Mahayana-Sutren setzt sich dieser Trend der literarischen Ausgestaltung noch fort. In der Regel wurden sie in Sanskrit verfasst, und ihre Ausdrucksweise und die vielfältigen behandelten Themen lassen darauf schließen, dass sie in eine Zeit gehören, in der der Buddhismus in Indien etabliert war und bereits eine geschichtliche Entwicklung hinter sich hatte. Bedeutet das, dass sie weniger glaubwürdig sind? Das führt zur Frage:
- Was sind eigentlich Buddhas Worte?
Von der Vorstellung, die „authentischen Worte Gautamas“ herausfinden zu können, sollte man sich verabschieden. Daher ist es unseriös, die vermeintlich authentische Palitradition gegen die vermeintlich verfälschten Mahayana-Sutren ausspielen zu wollen. Die ersten Textfunde von Prajnaparamita-Sutren sind genauso alt wie die ältesten Palimanuskripte! Aber die Authentizität der Buddhalehre wird durch folgende Überlegung gewährleistet: Vom Tag von Gautamas feierlicher Einäscherung bis heute folgte eine Generation erwachter Nachfolger der anderen. Und jede Generation unternahm ungeheure Anstrengungen, um die Buddhalehre unversehrt weiterzugeben. Das geschieht durch lebendiges Neuformulieren und eben nicht durch zwanghaftes Festhalten an einmal fix und fertig niedergelegten Texten. Buddhavacana ist Pali für das Buddhawort, und schon in den Pali-Lehrreden selbst wird der Ausdruck auch dann verwendet, wenn einer seiner Nachfolger in seinem Sinne spricht. Wenn schon zu Gautamas Lebzeiten ein Ananda oder ein Mahakassapa das Buddhawort lehren konnten, dann gilt das gewiss ebenso für einen Asanga oder Nagarjuna, die viel später lebten. So kann auch zum Beispiel ein fast 1000 Jahre nach Gautamas Lebzeiten entstandenes Lankavatara-Sutra authentisches Buddhawort sein. Was ist das Kriterium dafür? Nun, die offensichtlich vorhandene Vielzahl an erwachten Meistern in den Mönchsgemeinschaften jener Zeit, die übereinstimmten, dem Text ebendiese Auszeichnung als Sutra zu verleihen. Es ist eben „nur“ das Vertrauen nötig, dass diese Meister jener Zeit schon wussten, was sie taten. Anders gesagt, das Vertrauen in die Echtheit der Lehrreden ist eigentlich ein Vertrauen darin, dass die Sangha, die Mönchsgemeinschaft, seit Gautamas Lebzeiten nicht wesentlich korrumpiert wurde.
- Und was sind jetzt also die Lehrreden eigentlich?
So wie sie heute vorliegen, sind sie also keine „Zeugenaussagen“, die 2500 Jahre überdauert haben. Das sieht man ihnen nämlich an, da sie mit literarischen Mitteln gestaltet und zu didaktischen Zwecken arrangiert sind. Soweit die Form. Der Inhalt hingegen kann gar nicht „ausgedacht“ oder „gefälscht“ sein. Warum? Wer sich länger mit ihnen beschäftigt, spürt irgendwann eine ungeheure Authentizität im Sinne davon, dass sie echte Erfahrungen mitteilen, die Menschen konkret gemacht haben müssen. Die psychologischen und existentiellen Wahrheiten darin sind so stark, dass es, um sie zu „fälschen“, wiederum ganz ungewöhnliche Persönlichkeiten gebraucht hätte. Und nach „Ockhams Rasiermesser“ kommt man zu der Überzeugung, dass man in diesen ungewöhnlichen Menschen tatsächlich den Buddha und seine erwachten Schüler sieht. Falls jemand diese praktische Regel der Erkenntnistheorie nicht kennt, es ist ein wunderbares Werkzeug für Problemstellungen wie die unsere hier und besagt einfach ausgedrückt, dass diejenige Annahme, die mit den wenigsten Voraussetzungen und Erklärungen auskommt, in der Regel die zutreffende ist.
In den Lehrredensammlungen der Palitradition tritt uns unter der literarischen Ausgestaltung ein vollkommen kohärentes Weltbild entgegen, hinter dem ein echtes Erlebnis, eben das der Erfahrungen Gautamas, stehen muss. Alles ist klar, nüchtern und so realistisch, dass es vielen Menschen schon zu viel wird. Und dies alles schmeckt nach dem Geschmack der Befreiung. Allerdings werden die wenigsten mit dem Format der andauernden Wiederholung etwas anfangen können.
Die großen Mahayana-Sutren sind jede für sich große literarische Kunstwerke und bereichern die Aussagen der Pali-Lehrredensammlungen geradezu auf ideale Weise. Allein schon durch ihre Sprache waren sie in den Mahayana-Ländern viel verbreiteter als die spröden und trockenen Lehrredensammlungen. Allerdings sind sie oft sehr elaboriert und setzen schon Kenntnisse der Buddhalehre voraus.
In den folgenden Beiträgen werde ich mir jeweils eine der kurzen Lehrreden der nummerierten oder gruppierten Sammlung heraussuchen und vorstellen. Meine Auswahlkriterien dabei: Es soll für Interessierte ohne Vorkenntnisse geeignet sein, die ein erstes Bild der Buddhalehre gewinnen wollen. Die riesigen Textblöcke, in denen der Buddha ausführlich über das Dasein, seine Gesetze sowie den Übungsweg der Bhikkhus spricht, lasse ich beiseite. Im Einklang mit dem Weg der Einheit möchte ich eine Seite Buddhas herausstreichen, die wenig bekannt ist: sein Umgang mit Anhängern, die im normalen Alltagsleben stehen. Mit ihnen spricht er teilweise anders. Ihnen gibt er andere Denkanstöße, andere Methoden. Und im Idealfall regen die Beiträge dazu an, die jeweiligen Lehrreden auf der Website Sutta Central in verschiedenen Übersetzungen nachzulesen und so selbst in die Welt der Lehrreden einzutauchen.
–> Fortsetzung: 2. Die Flut queren (SN 1.1)
Kategorien:Palikanon - Nikayas (Agamas)

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