Anekdote: Ein Herz in Kinderhöhe

Die Mutter liebte es, mit ihrem fünfjährigen Kind durch das Einkaufszentrum zu gehen. Für sie war dieser Ort ein kleines Fest: bunte Auslagen, das murmelnde Stimmengewirr, der Duft von warmem Gebäck und Parfüm. Ein lebendiger Strom, der sie anregte und manchmal sogar fröhlich stimmte.

Doch ihr Kind reagierte anders. Es wurde jedes Mal still, fast verschlossen, sobald sie die Schiebetür passierten. Seine kleine Hand umklammerte ihre Finger fest, als fürchte es, in der Menge verloren zu gehen. Die Mutter jedoch deutete diese Zurückhaltung als Trotz, als Laune, wie Kinder sie eben haben.

Bis an jenem Tag die Schuhbänder des Kindes aufgingen.

Sie kniete sich hin, mitten im Gewimmel der vorbeihastenden Menschen, und plötzlich sah sie – beinahe zufällig – das, was ihr Kind jedes Mal sehen musste. Auf dieser niedrigen Höhe war der Ort ein völlig anderer. Kein Gesicht war zu erkennen, keine freundlichen Augen, keine Orientierung. Nur ein unruhiges Meer aus Beinen, die an ihr vorbeistampften, und Arme, die ausschwenkten und Schatten warfen. Ein chaotischer Rhythmus aus Bewegungen, die drohten, jeden Moment über das kleine Wesen hereinzubrechen.

Ein kurzer Schreck durchfuhr sie. Dass derselbe Ort in ihrer Welt ein Markt voller Möglichkeiten war, in der Welt des Kindes aber ein wogendes, beängstigendes Durcheinander – diesen Gedanken hatte sie nie in Betracht gezogen.

Sie nahm ihr Kind für den Moment auf den Arm, weniger um es zu tragen als um ihm Luft zu verschaffen, ein wenig Abstand zu all den wirbelnden Gliedmaßen. Draußen, im ruhigeren Licht des Parkplatzes, atmete das Kind spürbar auf.

Von da an ließ sie es weiterhin meist selbst laufen – aber mit einem anderen Blick. Sie ging langsamer. Sie hielt Pausen ein. Suchte Wege, die weniger eng, weniger überladen waren. Sie sprach mit ihrem Kind darüber, was es sah, und erklärte ihm, wie man sich in der Menge bewegen kann. Sie reichte ihm nicht nur die Hand, sondern auch Verständnis.

So wurde aus einem gewöhnlichen Ausflug eine stille Lehre:
Die Welt verändert sich nicht, wenn wir größer werden, aber wir verändern uns, wenn wir lernen, sie manchmal aus der kleineren Perspektive zu betrachten. Nur wer bereit ist, sich hinunterzubeugen – nicht körperlich, sondern im Herzen – kann wirklich begreifen, was ein anderer erlebt.

Und in diesem Begreifen lag für die Mutter mehr Reife als in all den gutgemeinten Plänen zuvor.



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