Über die Übersetzung und Verbreitung des Lankavatara Sutras in China

Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

Kap. 1: Die Anfänge der chinesischen Philosophien und Religionen

Kap. 2: Die Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)

Kap. 3: Die Ausgestaltung des chinesischen Buddhismus in den Nord-Süd-Dynastien (420-589 n. chr.)

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Teil 13: Über die Übersetzung und Verbreitung des Lankavatara Sutras in China

Das Lankavatara-Sutra 楞伽经 leng qie jing, zu Deutsch etwa „Sutra über den Aufenthalt in Lanka“, ist eines der wichtigsten Sutren des Mahayana-Buddhismus und gehört zu den Schriften der Buddhaessenz-Schule und der Nur-Bewusstsein-Schule. Es bildet außerdem einen Grundpfeiler des chinesischen Chan-Buddhismus. Dharmaksema 曇無讖 (ca. 385–433 n. Chr.) wird die erste Übersetzung des Sutras im Zeitraum zwischen 412 bis 433 zugeschrieben. Allerdings ist diese Übersetzung nicht erhalten geblieben. Gunabhadra 求那跋陀羅 (394-468 n. Chr.) übersetzte das Sutra nach seiner Ankunft in Südchina im Jahr 435. Später machte der indische Mönch Bodhiruci 菩提流支 (?-?535 n. Chr.) eine weitere Übersetzung des Werkes in Nordchina. In der Tang-Dynastie etwa im 8. Jahrhundert n. Chr. kam noch eine weitere Version vom Mönch Siksananda 实叉难陀 (652-710 n. Chr.), der vom Staat Yutian (im Gebiet vom heutigen Xinjiang) stammte, dazu. Auf Basis der chinesischen Übersetzungen entstanden später noch tibetische. Eine Sanskritversion wurde in der Neuzeit in Nepal entdeckt, welche von japanischen Gelehrten im Laufe des 20. Jh. überprüft, publiziert und später auch ins Englische übersetzt wurde. Diese Übersetzung orientierte sich sehr an die Version von Siksananda. Unser Beitrag befasst sich in erster Linie mit Gunabhadras Übersetzung, da wir chronologisch die historische Entwicklung behandeln. Unterstützend zur Verdeutlichung von unklaren Stellen ziehen wir als Vergleich die anderen Übersetzungen heran.

Das Sutra setzt sich kritisch mit anderen Schulen der indischen Philosophien auseinander und erläutert die Merkmale der Mahayana-Lehre. Es geht um Konzepte, welche in anderen Mahayana-Sutren wie Samdhi-Nirmocana-Sutra behandelt worden sind, wie z. B. die zweifache Ichlosigkeit, die drei Selbstnaturen, die fünf Arten der Phänomene. Es gilt allgemein als das erste Sutra, das das Bewusstsein in acht Arten kategorisiert: Das Manas-Bewusstsein wird hier als 7. und das Alayabewusstsein als das 8. Bewusstsein einbracht. Diese beide Bewusstseine haben wir im Zuge der Beiträge von Samdhi-Nirmocana-Sutra bereits kennengelernt, aber dort wurden sie nicht als das 7. und 8. Bewusstsein kategorisiert. Deshalb ist es zu vermuten, dass das Samdhi-Nirmocana-Sutra früher als das Lankavatara-Sutra entstanden ist. In China ist dieses aber später als das Lankavatara-Sutra übersetzt worden, und zwar von Bodhiruci etwa 508 n. Chr., also etwa ein halbes Jahrhundert nach Gunabhadras Übersetzung von Lankavatara-Sutra.

Eine weiteres Merkmal des Sutras ist, dass es die Buddhaessenz mit dem Alayabewusstsein in Verbindung bringt, was im Laufe der Entwicklung der Nur-Bewusstsein-Schule immer mehr zu einer Streitfrage wurde. Im 4. Kapitel des Sutras wird auch auf die Entstehung der Buddhaessenz-Lehre eingegangen:

[Buddha] beauftragte Königin Srimala und andere Bodhisattvas […] die Buddhaessenz und den Begriff Alayabewusstsein […] zu verkünden. Königin Srimala erläutert dank der Macht des Buddhas den Zustand des Tatagatha […] [1]

Dies entspricht die Darstellung im Srimala Sutra, einem der ersten Schriften, die sich einschlägig der  Erläuterung der Buddhaessenz widmete. Aufgrund diesem historischen Querverweis und seiner eingehenden Erklärung der Buddhaessenz wird das Lankavatara-Sutra daher der Buddhaessenz-Schule zugeordnet. Zur heutigen verbreiteten Version von Gunabhadras Übersetzung sind immer zwei Vorworte angehängt, welche Informationen über die Überlieferung des Sutras in China beinhalten. Darin spielt die Chan-Schule eine wesentliche Rolle. In dem Vorwort vom Gelehrten Su Shi 蘇軾 (1037-1101 n. Chr.) steht, dass Bodhidharma (382?-528 o. 536 n. Chr.), der Urvater der Chan-Schule, einst dieses Sutra an seinen Nachfolger Hui Ke übermittelt und zu ihm folgendes gesagt hat:

„Wenn ich alle Sutren und Lehren hier in Zhen Dan betrachte, so können nur diese vier Rollen Lankavatarasutra den Geist bestätigen.“ [2]

Zhen Dan 震旦 ist eine phonetische Übersetzung des Sanskrit-Begriffes cina-sthana und bezeichnet das damalige China. So heißt es im Vorwort weiter, dass dieses Sutra danach von Lehrer zu Lehrer in der Chan-Schule weitergereicht und gelehrt wurde, um den Geist des Praktiziereden zu bestätigen. Das Gleiche steht auch im anderen Vorwort vom Gelehrten und hohen Beamten Jiang Zhiqi 蔣之奇 (1031-1104 n. Chr.), nur etwas ausführlicher:

Als einst Bodhidharma vom Westen (Indien) kam, übermittelte er die Bestätigung des Geistes an den 2. Ahnlehrer, und sagte: „Ich habe 4 Rollen Lankavatara Sutra, welche ich dir auch gebe. Dies ist das Tor zum Geist des Tathagata, welches dem Lebewesen den Zugang zum Erwachen aufzeigt.“ [3]

Bodhidharma kam zu Beginn des 6. Jh. nach China, also etwa zur gleichen Zeit wie Bodhiruci, sprich etwa ein halbes Jahrhundert nach Gunabhadras Übersetzung vom Lankavatara Sutra. Es ist davon auszugehen, dass Bodhidharma die Übersetzung von Gunabhadra an seinen Nachfolger weitergegeben hat, da zu seiner Zeit nur diese Version in China vorhanden war. Diese sind eben, im Unterschied zu den späteren Übersetzungen, in vier Schriftrollen gegliedert. Dazu kommt noch, dass Bodhidharma ebenso wie Gunabhadra über den Seeweg zuerst in Südchina ankam, wo Gunabhadra seine Übersetzungstätigkeit ausführte. Zur Geschichte der Entwicklung der Chan Schule, die im Westen durch den japanischen Begriff Zen bekannt ist, kommen wir noch später dazu.

Inhaltlich geht es in diesem Sutra um Gespräche zwischen Buddha Gautama und Bodhisattva Mahamati, die während ihres Aufenthalts im mythologischen Reich Lanka stattfinden (es wird vermutet, dass dieses etwa dem heutigen Sri Lanka entspricht). In einer kurzen Einleitung wird gesagt, dass Bodhisattva Mahamati den obersten Sitz der anwesenden großen Bhikkhus und Bodhisattvas einnahm und von allen Buddhas durch das Handlegen auf seinem Kopf ermächtigt wurde. Danach folgen bei den Versionen von Bodhiruci und Siksananda eine Beschreibung der wundervollen Zustände im Lanka-Reich, eine Aufzählung der anwesenden Götter und mystischen Wesen wie z. B. die Drachenkönige. Anschließend kam es zu einem Gespräch zwischen Buddha Gautama und dem König des Lanka-Reichs. Schließlich bat der König den Bodhisattva Mahamati, Buddha Gautama Fragen zur höchsten und tiefen Lehre des großen Fahrzeuges (Mahayana) zu stellen. Dieser Teil ist aber bei der Übersetzung von Gunabhadra nicht zu finden. Diese geht nach der Einleitung direkt zur Rede von Mahamati über. Vermutlich war es für Gunabhadra wichtig, den Hauptaugenmerk auf die Lehre des Sutras zu legen. Anhand auserwählter Zitate soll ein erster Eindruck über das Sutra entstehen. Man erkennt schon bei den ersten Fragen den Bezug zur Lehre der Nur-Bewusstsein-Schule, da diese sich auf den Zustand der Bewusstseine beziehen:

Zu jenem Moment fragte Mahamati den Buddha: „Weltverehrter! Wie viele Arten des Entstehens, des Verweilens und des Vergehens aller Bewusstseine gibt es?„[4]

–> Fortsetzung: Teil 14: Das Lankavatara Sutra über das Entstehen, Verweilen und Vergehen der Bewusstseine


[1] 令勝鬘夫人及利智滿足諸菩薩等,宣揚演說如來藏及識藏名,與七識俱生。[…] 故勝鬘夫人承佛威神,說如來境界,非聲聞、緣覺及外道境界。——《楞伽阿跋多羅寶經卷第四 一切佛語心品之四》

[2] 祖師達磨以付二祖曰:「吾觀震旦所有經教,惟《楞伽》四卷可以印心。」祖祖相授,以為心法。——《楞伽阿跋多羅寶經序》朝奉郎新差知登州軍州兼管內勸農事騎都尉借緋蘇軾書

[3] 昔達磨西來,既已傳心印於二祖,且云:「吾有《楞伽經》四卷,亦用付汝。即是如來心地要門,令諸眾生開示悟入。」——《楞伽阿跋多羅寶經序》朝議大夫直龍圖閣權江淮荊淛等路制置鹽礬兼發運副使上護軍賜紫金魚袋蔣之奇撰

[4] 爾時大慧菩薩摩訶薩復白佛言:「世尊!諸識有幾種生住滅?」——《楞伽阿跋多羅寶經卷第一》求那跋陀羅譯



(Beiträge mit Korrekturen von Ursula Presslauer, Birgit Seissl, Florian Feld, Pascal Hauser, Jörg Hollenstein, Alexander Maurer und Rolland Parth)




Kategorien:Buddhismus China, Lankavatarasutra

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