Anekdote: Der Tod des Undifferenzierten

Der Herrscher des Südmeeres war der Flüchtige, der Herrscher des Nordmeeres war der Vergängliche, und der Herrscher der Mitte war der Undifferenzierte. Der Flüchtige und der Vergängliche trafen sich oft im Reich des Undifferenzierten, und der Undifferenzierte behandelte sie stets sehr gut.

Der Flüchtige und der Vergängliche überlegten, wie sie die Güte des Undifferenzierten vergelten könnten, und sagten:
„Alle Menschen haben sieben Öffnungen, um zu sehen, zu hören, zu essen und zu atmen – nur dieser hat keine. Lasst uns versuchen, sie ihm zu bohren!“

So bohrten sie ihm jeden Tag eine Öffnung. Am siebten Tag starb der Undifferenzierte.

Wahrlich, in wilder Unschuld ruht das Undifferentierte, ein ungeformter Schoß des Werdens, in dem kein Auge sieht, kein Ohr lauscht, kein Mund begehrt. Doch siehe, die hastige Hand des Menschen greift nach Maß und Form, will ordnen, wo kein Ordnungsruf ertönt, will schaffen, wo das Vollkommene ruht. So bohren sie Löcher in das Antlitz des Ursprungs, meinen zu vollenden, was keiner Vollendung bedarf – und töten, was sie nicht begreifen. O Torheit des Geistes, der das Wesen fassen will und doch nur seine Auflösung bewirkt!

(Zhuangzi, Inneres Kapitel: Das wahre Königsein 《庄子·内篇·应帝王》)



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