Anekdote: Berge als Berge, Wasser als Wasser

Im Nebel der südlichen Berge, wo der Morgen wie ein Atem über den Kiefern liegt, lebte einst der Chan-Meister Qingyuan Weixin. Sein Kloster stand auf einem Hügel, halb im Wald verborgen, halb im Wind. Er war alt geworden. Die Schüler liebten seine Stille – und fürchteten sie zugleich, denn sie war wie der tiefe See, in dem jedes Wort versinkt.

Eines Abends, als der Nebel schwerer wurde und die Zikaden schon schwiegen, versammelten sich die Mönche in der Halle. Qingyuan saß auf seinem Sitz, die Hände ruhig gefaltet. Er schwieg lange. Nur das ferne Rufen einer Nachtamsel zerschnitt die Luft.

Dann sagte er leise:

„Als ich vor dreißig Jahren noch nicht Chan praktizierte,“
– er hob den Blick, als sähe er etwas jenseits der Wände –
„da sah ich die Berge einfach als Berge, und das Wasser als Wasser.“

Ein leises Raunen ging durch die Halle. Die Jüngeren nickten – sie verstanden. So sieht die Welt jeder, der noch nichts gesucht hat.

„Später,“ fuhr der Alte fort, „als ich einen wahren Lehrer traf und ein wenig Einsicht gewann,
da sah ich Berge nicht mehr als Berge,
und Wasser nicht mehr als Wasser.“

Er schwieg wieder. Der Wind fuhr in die Halle und spielte mit den Flammen der Lampen. Die Mönche wagten kaum zu atmen.

„Und heute,“ sagte Qingyuan schließlich,
„da mein Herz zur Ruhe gekommen ist,
da sehe ich die Berge wieder als Berge,
und das Wasser wieder als Wasser.“

Er blickte in die Gesichter seiner Schüler – junge Männer, von Eifer durchglüht, noch unruhig in ihrer Suche –
und fragte:

„Sagt mir, ihr Lieben,
sind diese drei Arten zu sehen dieselben – oder sind sie verschieden?“

Niemand antwortete.
Nur draußen tropfte Regen von den Dachrinnen.



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