
Hao Datong wurde im Jahr 1140 geboren, zur Zeit der Jin-Dynastie. Er entstammte einer angesehenen Beamtenfamilie und wuchs in gesicherten, wohlhabenden Verhältnissen auf. Schon früh jedoch wurde sein Leben von Verlust geprägt: In seiner Kindheit verlor er den Vater. Der Mutter blieb er Zeit seines Lebens in tiefer Ehrfurcht und aufrichtiger Fürsorge verbunden.
Eines Nachts hatte Hao Datong einen ungewöhnlichen Traum. Ein geheimnisvoller, übermenschlicher Lehrer erschien ihm und unterwies ihn in den Deutungs- und Berechnungsmethoden des Yijing, des Buches der Wandlungen. Als Hao Datong erwachte, stellte er fest, dass ihm die Prinzipien von Yin und Yang, die Lehre der fünf Wandlungsphasen sowie die Kunst der Stern- und Schicksalsdeutung plötzlich vollkommen vertraut waren.
Doch obwohl ihm diese Fähigkeiten Ansehen und Wohlstand hätten sichern können, hegte Hao Datong keinerlei Sehnsucht nach Ruhm oder offizieller Laufbahn. Die Welt der Ämter und Ehren ließ ihn kalt. Stattdessen zog es ihn zu einem schlichten, stillen Leben fernab öffentlicher Erwartungen. Er begann, seinen Lebensunterhalt mit Orakel- und Wahrsagekunst zu bestreiten und lebte zunehmend wie ein Einsiedler mitten unter den Menschen.
In jener Zeit begegnete ihm Wang Chongyang, der Begründer der Quanzhen-Schule, auf seinem Weg vom Zhongnan-Gebirge nach Ninghai, wo er seine Lehre verbreitete. Die Quanzhen-Schule, wörtlich „die Schule der vollkommenen Wirklichkeit“, verband daoistische Innere Alchemie mit strenger persönlicher Disziplin und nahm zugleich ethische Elemente aus Buddhismus und Konfuzianismus auf. Ihr Ziel war nicht äußere Magie oder weltliche Macht, sondern die Läuterung des Herzens und die Verwirklichung des Dao im alltäglichen Leben.
Wang Chongyang erkannte sofort Hao Datongs außergewöhnliche Begabung und geistige Klarheit. Er sah in ihm mehr als einen Gelehrten oder Wahrsager – er sah einen Menschen mit echter Anlage zum Weg. Hao Datong selbst trug diesen Wunsch längst in sich. Er schloss seine kleine Wahrsagestube, löste sich von seinem bisherigen Leben und trat in die Nachfolge Wang Chongyangs ein, um als Schüler den Weg der inneren Kultivierung zu gehen.
An jenem Tag erreichte Hao Datong den Westgipfel, den ehrwürdigen Hua-Shan. Der Berg erhob sich wie eine steinerne Wand zum Himmel, zehntausend Klafter hoch, schroff und von überwältigender Würde. Über seine Flanken verteilt lagen mehr als ein Dutzend daoistischer Klöster. Der Duft von Weihrauch zog durch die klare Bergluft, Pilger und Reisende kamen und gingen ohne Unterlass. Trotz seiner Höhe und Abgeschiedenheit war der Berg belebt und voller Stimmen.
Hao Datong jedoch suchte nicht die Nähe der Menschen, sondern die Stille. Er wollte einen Ort finden, an dem er sich ungestört der inneren Übung widmen konnte. Ohne Zögern machte er sich ans Werk. Mit der Kraft seiner Schulung hieb er in kurzer Zeit eine kleine Höhle in die Felswand – kaum groß genug, um einen Menschen aufzunehmen.
Gerade als er eintreten wollte, erschien ein Daoist mit einem Meditationskissen auf dem Rücken. Der Mann verneigte sich respektvoll und bat darum, diese Höhle für seine Sitzmeditation nutzen zu dürfen. Noch ehe Hao Datong antworten konnte, trat der Fremde ein, breitete sein Kissen aus und setzte sich zur Meditation nieder.
Hao Datong, von sanftem und mitfühlendem Wesen, widersprach nicht. Er ließ die Höhle dem anderen und zog weiter, um sich einen neuen Ort zu schaffen.
Ein Stück weiter oben entdeckte er einen mächtigen Felsblock, mehrere Klafter hoch – wie geschaffen für sein Vorhaben. Mit großer Anstrengung meißelte er erneut eine Höhle, diesmal etwas geräumiger als die erste. Als er sich gerade darüber freuen wollte, kam ein weiterer Ordensbruder des Weges. Dieser klagte über seine Rastlosigkeit und bat, die Höhle nutzen zu dürfen.
Hao Datong folgte dem Grundsatz, dass für einen Ordinierten das Entgegenkommen an erster Stelle stehe, und erfüllte auch diesen Wunsch ohne Zögern.
So vergingen die Jahre. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg hieb Hao Datong zweiundsiebzig Höhlen in Fels und Stein. Und jedes Mal, wenn eine vollendet war, erschien ein daoistischer Mönch – genau zweiundsiebzig an der Zahl –, dem er die Höhle überließ. Am Ende besaß er selbst keinen Ort mehr für die äußere Übung. Doch in seinem Inneren hatte sich etwas anderes gefestigt: eine Freiheit, eine Ruhe und eine Gelassenheit, wie er sie nie zuvor gekannt hatte.
Gerade in dieser beständigen Selbstlosigkeit reifte seine eigentliche Praxis. Ohne festen Ort, ohne Besitz, verwirklichte Hao Datong Schritt für Schritt den Weg des Dao. Sein Leben auf dem Hua-Shan wurde zum stillen Vorbild, und aus seiner Wirkung heraus entstand später die Hua-Shan-Schule, deren Begründer man ihn nennt.
Am letzten Tag des zwölften Mondmonats im Jahr 1212, im Alter von dreiundsiebzig Jahren, vollendete Hao Datong im Kloster der Ursprünglichen Leere seinen Weg. In der Sprache des Daoismus heißt es, dass er das Dao verwirklichte und in die Leere zurückkehrte – nicht als Tod im gewöhnlichen Sinn, sondern als Heimkehr in den Ursprung allen Seins; so, wie es in der daoistischen Tradition heißt: Er stieg zu den „Unsterblichen Heiligen“ auf.
Spätere Herrscher verliehen ihm ehrende Titel, um seine geistige Größe zu würdigen. In der Geschichte blieb er unter dem Namen „Meister von Guangning“ bekannt – als ein Mensch, der nichts für sich behielt und gerade dadurch alles gewann; der nicht festhielt und eben darin zur Vollendung fand.
Kategorien:Anekdoten
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