
Es war eine Zeit, in der der Himmel über China von den Schatten großer Umbrüche verdunkelt war. Im 12. Jahrhundert ritten die mongolischen Heere wie ein unaufhaltsamer Sturm über das Land. Dynastien wandelten sich, und das Leben eines einzelnen Menschen schien oft so flüchtig wie ein Blatt im Herbstwind.
Inmitten dieser Unruhe lebte ein Mann namens Qiu Chuji 丘處機 (1148–1227), den die Welt später als Changchun 長春 – den „Ewigen Frühling“ – verehren sollte. Er war ein Schüler der Quanzhen-Schule 全真教, wörtlich „die Schule der vollkommenen Wirklichkeit“, welche die daoistische Innere Alchemie mit strenger persönlicher Disziplin verbindet. In einer Welt, die im Äußeren nach Halt suchte, lehrten diese Meister, dass die „Vollkommene Wahrheit“ nur in der Stille des eigenen Inneren zu finden sei.
Doch auch ein großer Geist beginnt mit dem ersten, oft mühsamen Schritt. In seinen jungen Jahren zog sich Qiu in die Abgeschiedenheit der Panxi-Schlucht und später in die Longmen-Höhlen zurück. Er besaß nichts außer seinem schlichten Gewand und einem Geist, der – wie bei uns allen – anfangs noch von den Wellen der Sorgen und Gedanken bewegt wurde.
Um sein Bewusstsein zu schulen, ersann er eine Übung von unvergleichlicher Beständigkeit. Er wählte einen gewaltigen, runden Felsblock. Tag für Tag, während der Frost die Erde hart machte oder die Sommerhitze die Luft flimmern ließ, stemmte er sich gegen diesen Stein.
Schritt für Schritt schob er ihn die steilen Pfade hinauf. Jeder Zoll war ein Akt der Präsenz, jeder Tropfen Schweiß ein Zeugnis seiner Hingabe. Oben angekommen, geschah das Wesentliche: Er hielt nicht fest. Er ließ den Stein los und sah zu, wie er mit einem tiefen, erdigen Grollen zurück in das Tal rollte, genau dorthin, wo die Arbeit am Morgen begonnen hatte.
Dreizehn Jahre lang wiederholte er diesen Zyklus.
Beobachter mochten sich fragen: „Warum diese Mühe? Der Stein bleibt niemals oben.“
Doch Qiu Changchun lächelte in der Stille. Er wusste: Nicht der Stein war das Ziel, sondern die Stetigkeit des Schiebens.
Jedes Mal, wenn sein Geist abschweifte, fokussierte er sich neu auf den Fels. Jedes Mal, wenn Erschöpfung ihn zur Aufgabe überreden wollte, fand er in sich eine tiefere Kraft. Er verstand, dass wir im Leben oft versuchen, unsere „Steine“ – unsere Probleme oder Ziele – ein für alle Mal zu lösen, damit sie „oben“ bleiben. Doch das Leben ist ein ständiger Fluss. Der wahre Friede lag nicht im Ruhen des Steins, sondern in der Unerschütterlichkeit, mit der Qiu ihm immer wieder begegnete.
Diese innere Festigkeit, die weder durch Schmerz noch durch Monotonie zu brechen war, sollte später Weltgeschichte schreiben. Als alter Mann reiste er über das Dach der Welt bis zum Hindukusch, um Dschingis Khan, den großen Führer der Mongolen, zu treffen. Der mächtige Eroberer suchte nach Unsterblichkeit bei der daoistischen Alchemie.
Qiu Changchun, der Mann, der sein Ego an den Hängen von Panxi zermahlen hatte, trat dem Khan mit einer Ruhe entgegen, die tiefer war als jeder Ozean. Er sagte ihm schlicht: „Es gibt keinen Trank, der den Körper ewig bewahrt. Aber es gibt einen Weg, das Leben durch Mitgefühl und die Pflege der Lebensenergie zu veredeln.“
Seine Präsenz war so klar und furchtlos, dass der Khan auf ihn hörte und fortan Milde walten ließ. Es heißt, dass der Eroberer bei seinen weiteren Feldzügen auf die grausamen Massaker verzichtete, die bis dahin die Spur seines Heeres gezeichnet hatten. Millionen Menschenleben wurden verschont, weil ein einziger Mann gelernt hatte, seinen eigenen inneren Sturm zu bändigen.
Wenn ihr nun in die Stille geht und bemerkt, dass eure Gedanken wie jener Stein immer wieder ins Tal der Alltagsdinge rollen – seid geduldig mit euch selbst. Die Meisterschaft liegt nicht darin, dass der Geist niemals wandert. Sie liegt in dem Moment, in dem ihr es bemerkt und den Geist sanft und bestimmt wieder auf die Sammlung ausrichtet. Mit jedem Mal, wenn ihr zurückkehrt, stärkt ihr eure innere Mitte – genau wie Qiu Changchun an den Hängen von Longmen.
Kategorien:Anekdoten
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