Das 7-tägige Retreat aus Sicht eines Österreichers

——Erfahrungsbericht Meditationsretreat 2019 von Alex Maurer

7 Tage in einem Meditations-Retreat – was kann man sich darunter vorstellen? Meine Eindrücke und Erfahrungen möchte ich euch hier mitteilen.

Ich schlage vor, dazu betrachten wir zuerst den Begriff „Meditation“: Denn das Wort hat heute eine so weitläufige und ungenaue Bedeutung, sodass damit fast nichts mehr gesagt ist. Abgesehen davon gibt es auch dann, wenn es speziell Methoden der Geistesschulung bezeichnet, eine riesige Vielfalt von Übungen und Zielen, die man erreichen will. Hier sollte keine Konfusion entstehen, denn wenn die Anweisungen der eigenen Tradition nicht klar verstanden werden und/oder mit anderen Methoden vermischt werden, darf man auch keine besonderen Resultate erwarten. Wie gesagt, Meditation – das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutete in der europäischen Vergangenheit eigentlich konzentriertes Nachdenken über ein Thema. Was wir im Tempel „Honghang“ (DE: „zur großen Fähre“), hingegen üben, ist das sog. „Stille Sitzen“. Der chinesische Begriff ist also viel konkreter und fast schon selbsterklärend. Der Sinn der Sache ist also, zur Ruhe und Klarheit zu kommen, im Zuge eines Nichts-Tuns (Chin.: 无为wu wei) im Wortsinn „zu sich zu kommen“, mit der natürlichen Weisheit oder dem natürlichen Sein in Berührung zu kommen.

So weit so gut, wie aber fühlt sich das im Konkreten an? Was darf man erwarten, wenn man sich auf ein solches sog. „Dao Praxis Seminar“ einlässt? Man wird – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Die äußere Struktur in so einem Retreat sorgt dafür, dass Ablenkungen so weit wie möglich ausgeschlossen werden, es ist alles genau geregelt. So ist man mit seinem Innenleben, seinen Gedanken alleine – und genau die sind das Übungsobjekt. Es geht hier 7 Tage lang nicht um Religion, um Buddhismus, um Daoismus – solche „Ismen“ sind in diesem Zusammenhang nur gedankliche Konzepte und gehören genauso zur Außenwelt. Hier aber tritt man eine Reise nach innen an, die übrigens – das kann ich jedem ans Herz legen – umso glatter, schmerzfreier und mit weniger Widerständen und Schwierigkeiten verläuft, je sorgfältiger man sich an die Übungsregeln und Anweisungen des Retreatleiters hält.

Stichwort Schmerzen: die sind ein riesiges Thema, wenn man eine Woche lang vorwiegend im Sitzen meditiert. Bei wie vielen von uns ist der Körper schließlich an so etwas gewohnt? Natürlich rebelliert er da. Genau aus diesem Grund stellen das Gehen und Laufen nach jeder Sitzung sowie die Yoga Übungen morgens und nachmittags einen notwendigen Ausgleich dazu dar. Ich habe auch bemerkt, dass sich Stellen, die ich im Alltagsleben (Arbeit) notorisch überlaste, jetzt beim ständigen Sitzen recht unangenehm bemerkbar gemacht haben. Aber das ist von der Gesundheit her ja eher ein gutes Zeichen. Man tut also gut daran, einen gewissen Biss mitzubringen, aber ich möchte das gleich auch wieder relativieren. Was nehmen Leute schließlich im Sport an Leiden auf sich, oder für die Eitelkeit, oder für das liebe Ego.

Soweit der körperliche Aspekt. Und was spielt sich im Geist, was im Seelischen ab, wenn man sich so von der Außenwelt abwendet? Man wird mit seinem eigenen Inneren konfrontiert, und das ist natürlich höchst individuell verschieden. Es kann emotional aufwühlend werden, angenehm oder unangenehm, es kann im Gegenteil gar nichts empfunden werden, der Gedanke „was mach ich hier eigentlich“ kann auftauchen, und wahrscheinlich wird sich das alles abwechseln. Eigentlich sind das genau wie im Körperlichen nur Reaktionen auf vergangene Fehlhaltungen, die sich jetzt im stillen Sitzen abreagieren und lösen. Und man macht, wenn man nicht allzu sehr von körperlichen Schwierigkeiten beansprucht wird und auf dem Kissen nicht bloß döst und träumt (was so leicht passiert!), recht bald Beobachtungen und Erfahrungen: die Ich-Fixierung löst sich ein wenig, man sieht Themen seines Lebens erstmals anders, Perspektiven verschieben sich. Wichtiger: man erwischt erste kleine Einblicke in die Natur des Erlebens: die Flüchtigkeit und Unbeständigkeit von Phänomenen, inneren wie äußeren. Gerade körperliche Schmerzen, habe ich festgestellt, können sehr lohnende „Studienobjekte“ sein, an deren Beispiel einem Wesensmerkmale der Realität aufgehen können und unmittelbar erlebt werden.

Eine Schwierigkeit für uns Europäer gibt es noch, die aber kein Problem darstellt, wenn man sich dessen bewusst ist: der ungewohnte chinesische Background, angefangen beim Essen bis hin zur kulturellen Prägung der Vermittlung der Daolehre, kann uns vom Hauptzweck, der „Reise nach innen“, wiederum ablenken und uns Wesentliches und Unwesentliches verwechseln lassen. Unterschwellig kann man das Gefühl haben, etwas Exotisches, Ungewöhnliches zu tun, etwas wie einen coolen Abenteuerurlaub – Ruhe und Klarheit könnten sich dann um so schwerer einstellen. Im Idealfall wären alle äußeren Bedingungen so nüchtern-langweilig wie möglich, um das Üben zu erleichtern! Eigentlich ist auch der ganze Aufbau und Ablauf des Retreats wie gesagt genau darauf angelegt. Wenn man die „Ablenkung des Exotischen“ am Anfang bei sich im Auge behält, ist es auch schnell kein Problem mehr, und nach mehreren Retreats sowieso.

Und wie kehrt man danach nach Hause zurück? Sehr wahrscheinlich hat man auf einer sehr persönlichen Ebene Einsichten gemacht, die einen Dinge anders sehen lassen. Vielleicht hat man bei sich fixe psychische Muster und verengte Sichtweisen, Ticks eben, bemerkt? Das wäre hervorragend, denn das ist schon der erste Schritt sie loszuwerden. Dazu sollte man aber gerade jetzt im Alltag weiter „dran bleiben“ und kontinuierlich üben. Nur ist es oft so, dass man sich schnell vom Alltag wieder überwältigen lässt und die Eindrücke der Praxiswoche im Tempel verblassen und eine ferne Erinnerung werden. Es ist ja nur allzu menschlich: von großem Enthusiasmus über die eigenen Meditationserfahrungen geht es so leicht über in die alten Verhaltensmuster, in die ausgetretenen Pfade der Gewohnheit. Schade, wenn man dann beim nächsten Retreat wieder beim Start beginnt, wie bei Monopoly! Hier gilt aber auch, dass man nicht zu streng mit sich sein soll, denn auch im Umgang mit sich selbst, bei der Selbsterziehung sozusagen, erzeugt zu große Härte nur Gegenreaktionen! Besser sich über kleine positive Veränderungen freuen, als sich über Negatives noch zusätzlich zu grämen. Damit komme ich langsam zu einem Ende, und hoffe, dass ich euch einen nützlichen ersten Eindruck über die „Dao-Praxis-Woche“ geben konnte.

Meditationsretreat 2019

Meditationsretreat 2019 im Tempel Honghang Wien

Yoga Meditationsretreat

Yoga Meditationsretreat 2019

 

Essen - Meditationsretreat 2019

Essen – Meditationsretreat 2019



Kategorien:Erfahrungsberichte

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