
Das Morgenrot lag wie eine offene Wunde über dem Tal, als der Startschuss die Stille zerriss. Es war kein bloßer Wettkampf. Es war das Aufeinandertreffen zweier Welten.
Auf der einen Seite der junge Mann: Muskeln gespannt, der Blick hart, der Zorn noch frisch genug, um ihn zu tragen. Seine Axt fuhr nieder, als wolle sie dem Wald selbst den Willen brechen. Jeder Schlag war ein Bekenntnis zur Kraft, ein Angriff auf das Widerständige.
Auf der anderen Seite der Alte: ein Gesicht, zerfurchter als die Rinde der Bäume, die er zu fällen hatte. Er stand still, als wäre er ein Baum des Waldes.
Der Wald wurde rasch von Lärm erfüllt. Ein brutaler Rhythmus aus Eisen und Holz: Schlag, Splitter, Sturz. Der Atem des Jungen ging stoßweise, das Hemd klebte früh an seinem Rücken. Schon nach kurzer Zeit lag ein breiter Streifen gefällter Stämme hinter ihm. Ein flüchtiger Blick über die Schulter, ein schiefes Lächeln.
Als er den Blick auf den Alten warf, sah er ihn, den Rücken ihm zugewandt, im Schatten einer Tanne sitzen.
Gegen Mittag sah er den Alten erneut. Er saß still im Schatten der Tanne.
„Der macht ja nur Pausen“, spottete der Junge, „während ich den Wald bezwinge, vergeudet er seine Zeit im Nichtstun.“
Er trieb sich weiter an. Ignorierte das Brennen in der Lunge, das dumpfe Taubwerden der Unterarme. Die Schläge wurden häufiger — und leerer. Wo am Morgen zwei Hiebe genügten, brauchte er nun fünf, sechs. Das Holz wehrte sich. Die Axt biss nicht mehr.
Aber er hielt durch.
Er war Bewegung.
Er war Anstrengung.
Er war sicher, dass all dies Sieg bedeutete.
Als die Sonne hinter den Gipfeln versank und das Horn das Ende verkündete, blieb er stehen. Schwer atmend, den Stiel wie einen Halt im Leben umklammernd. Vor ihm lag ein weites Feld gefällter Stämme. Er war sich sicher: Mehr war nicht möglich.
Dann wurden die Zahlen genannt: 42
Und auf der anderen Seite: 58
Die Stille, die folgte, war dichter als jeder Stamm. Ungläubig hob der Junge den Kopf.
„Unmöglich“, schrie er. „Das ist Betrug!“
Er stürmte auf den Alten zu, der gerade ruhig seine Werkzeuge in ein Tuch einschlug.
„Ich habe dich gesehen! Du hast gesessen. Du hast geruht, während ich gearbeitet habe, bis mein Körper leer war! Woher kommen all diese Bäume?“
Der Alte wandte sich langsam um. Sein Atem war ruhig. Kein Zittern, kein Zeichen von Erschöpfung. Er reichte dem Jungen die Axt.
Zögernd nahm dieser sie — und erstarrte.
Die Klinge glänzte im fahlen Abendlicht wie ein chirurgisches Instrument. Kein Grat, keine Scharte. Sie schien nicht zu schneiden, sondern zu verstehen.
„Du hast nur auf die Bäume geschaut“, sagte der Alte leise. „Darum hast du nicht gesehen, was ich in meinen Pausen tat. Ich habe nicht geruht, um Zeit zu verlieren. Ich habe geruht, um das Eisen zu schärfen. Während deine Kraft gegen den wachsenden Widerstand des Holzes anrannte, wurde mein Stahl stiller — und schärfer. Ich habe nicht härter gearbeitet. Ich habe gewartet, bis jeder Schlag wahr war.“
Der Junge blickte auf seine eigene Axt. Stumpf. Schartig. Verklebtes Harz, vermischt mit Erschöpfung. Er hatte gegen den Wald gekämpft — während der Alte mit dem Stahl getanzt hatte.
Da verstand er.
Nicht die rohe Kraft des Arms entscheidet.
Sondern die unnachgiebige Schärfe des Geistes.
Kategorien:Anekdoten
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