Anekdote: Steinlast und Erleuchtung – Milarepas Reise

Im weiten, winddurchzogenen Hochland Tibets, wo der Himmel größer wirkt als irgendwo sonst auf der Welt und die Berge wie uralte Wächter in der Stille stehen, ereignete sich eine Geschichte von Härte, Schuld und Erlösung – eine Geschichte, die bis heute das Herz vieler Menschen bewegt.

Ihr Mittelpunkt sind zwei Gestalten, die im tibetischen Buddhismus zu Legenden wurden: Marpa Lotsawa (1012-1097 n. Chr.) und sein Schüler Jetsün Milarepa (1040-1123 n. Chr.).

Marpa war kein gewöhnlicher Lehrer. Dreimal reiste er unter Lebensgefahr nach Indien, um die höchsten Lehren des tantrischen Buddhismus zu empfangen. Dort war er Schüler des großen Meisters Naropa (956-1040 n. Chr.). Was er lernte, brachte er zurück nach Tibet und begründete damit eine Linie, die später als Kagyü-Schule bekannt wurde – eine Linie, in der Lehre nicht nur gelehrt, sondern im Geist des Schülers lebendig wurde.

Milarepa dagegen kam nicht als reiner Suchender. In seiner Jugend hatte er, von Hass getrieben, schwarze Magie gewirkt und dadurch großes Leid verursacht. Die Reue brannte in ihm wie glühendes Eisen, bis er nach einem Lehrer suchte, der ihm den Weg zur Befreiung zeigen konnte. Als er den Namen Marpas hörte, erfüllte ihn unerklärliche Freude – wie ein Schiffbrüchiger, der am Horizont ein Licht erblickt. In der Nacht vor seiner Ankunft träumte Marpa von glückverheißenden Zeichen. Ein schwer belastetes, aber außergewöhnliches Schicksal war auf dem Weg zu ihm.

Am nächsten Morgen sprach Marpa ruhig zu Milarepa:
„Gehe auf den östlichen Hügel und baue ein rundes Haus aus Stein, um meine Schriften aufzunehmen. Ich werde dich versorgen. Ist es vollendet, wirst du die Lehre erhalten.“

Milarepa verneigte sich und begann, Stein um Stein zu tragen. Sonne und Wind verbrannten seine Haut, seine Muskeln schrien vor Anstrengung. Doch als das Haus halb fertig war, erschien Marpa und sagte kühl:
„Ich habe es mir anders überlegt. Dieser Ort ist nicht geeignet. Reiß alles nieder und baue im Westen neu.“

Milarepa gehorchte. Er trug jeden Stein zurück, ohne ein Wort zu verlieren.

Beim zweiten Bau befahl Marpa:
„Nein, ein Mantra-Übender sollte im Norden bauen, und das Haus soll dreieckig sein.“

Milarepa wagte eine leise Frage:
„Meister, war mein Bau ungenügend?“
„Willst du mich belehren? Handle, zweifle nicht“, entgegnete Marpa scharf.

Beim dritten Versuch befand Marpa, dass das Haus einem Ritualplatz für zerstörerische Praktiken ähnelte. Wieder Abriss. Milarepas Rücken war aufgerissen, sein Fleisch wund. Und doch sprach er in seinem Herzen: Dies ist gering im Vergleich zu meinem eigenen begangenen Unrecht.

Endlich befahl Marpa ein viereckiges Haus mit neun Stockwerken. „Dieses werde ich nicht mehr zerstören. Wenn es vollendet ist, erhältst du die Initiation.“

Milarepa arbeitete Tag und Nacht. Selbst die älteren Schüler halfen heimlich. Marpa jedoch verlangte:
„Entferne jeden Stein, den nicht du selbst getragen hast. Dein Karma darf niemand anders für dich tragen.“

Als das Haus vollendet war, setzte sich Milarepa erwartungsvoll vor seinen Lehrer. Doch Marpa wies ihn wütend zurück:
„Wo sind deine Opfergaben? Glaubst du, ein Hausbau allein genügt?“

Die Meisterfrau konnte es nicht ertragen. Sie brachte ihm Butter, Stoff und eine kleine Kupferschale als Gabe. Marpa jedoch rief:
„Das sind Dinge, die mir geschenkt wurden! Willst du mich mit meinem eigenen Besitz ehren?“
Und er jagte Milarepa erneut fort.

Milarepa war verzweifelt. Er dachte an Selbstmord. Die Meisterfrau tröstete ihn und half ihm, vorzutäuschen, er wolle fortgehen. Als Marpa dies hörte, griff er zur Peitsche:
„Undankbarer! Hast du nicht gesagt, du opferst mir Körper, Rede und Geist? Wohin willst du jetzt gehen?“

Am Ende gelang es der Meisterfrau, Milarepa durch List und Unterstützung eines Hauptschülers doch in eine vorzeitige Initiation einzuführen. Er erhielt Mantra, Mudra und geheime Unterweisungen – doch ohne Marpas endgültige Bestätigung blieb die Praxis unvollkommen.

Schließlich ließ Marpa Milarepa zu sich rufen. Zornig auf die vorzeitige Initiation, sah er den jungen Yogi, der vor Schuld schier zusammenbrach. Als Milarepa hinausstürzte, um sein Leben zu nehmen, entriss ein Gefährte ihm das Messer.

Da sprach Marpa vor allen:
„Ich ließ ihn leiden, um sein schweres Karma zu reinigen. Acht von neun Prüfungen hat er getragen – seine Schuld ist weitgehend geläutert. Nun werde ich ihn vollständig einweihen.“

Diesmal war keine Härte mehr in seiner Stimme. Er gewährte die vollständige Initiation – mit Mandala, Mantra, Mudra und den geheimen Unterweisungen. Milarepas Geist öffnete sich wie ein Bergsee nach dem Regen, und die Anwesenden weinten vor Rührung.

Von da an zog sich Milarepa in die Berge zurück. Er lebte in Höhlen, meditierte in Schnee und Sturm, fastete, litt – und sang. Seine Lieder wurden Zeugnis eines Geistes, der aus tiefster Schuld in unerschütterliche Klarheit gelangt war.

Milarepa wurde zur leuchtenden Gestalt der Kagyü-Tradition, zum Symbol dafür, dass selbst tiefste Verfehlung durch Reue, Hingabe und Praxis in vollständige Befreiung verwandelt werden kann. Seine Lieder, seine Höhlen, seine Legende leben bis heute fort. Sie erzählen von Schmerz, Geduld, Mut – und vom leuchtenden Triumph des Geistes über jede Dunkelheit.



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