Anekdote: Das Geschenk des Mondes

In einer jener Nächte, die schon den kühlen Hauch des Herbstes in sich tragen, kehrte der Zen-Meister zu seiner einfachen Hütte aus Lehm und Holz zurück, die sich an den Hang eines Berges schmiegte, fernab von den geschäftigen Pfaden der Menschen. Als er sich dem kleinen Bau näherte, dessen Papierfenster im fahlen Licht des Mondes wie die Augen eines schlafenden Tieres schimmerten, bemerkte er einen Schatten, der sich drinnen bewegte. Ein Dieb, so erkannte er sogleich, war in seine bescheidene Wohnstatt eingedrungen, auf der Suche nach weltlichem Gut, wo keines zu finden war.

Der Meister, von einer tiefen, heiteren Gelassenheit erfüllt, die ihm die Jahre der Einkehr geschenkt hatten, tat nichts, um den ungebetenen Gast zu stören. Er verharrte im Schatten einer alten Kiefer, deren Nadeln im Nachtwind leise flüsterten, und wartete mit der Geduld eines Berges. Er lauschte den Geräuschen aus dem Innern – dem leisen Scharren, dem enttäuschten Seufzen des Suchenden, der in der leeren Hütte nichts von Wert entdecken konnte.

Nach einer Weile, die dem Meister wie ein einziger, ruhiger Atemzug erschien, trat der Dieb aus der Tür. Sein Gesicht war von den Schatten der Nacht und der Enttäuschung gezeichnet. Er hatte nichts gefunden, und die lange, beschwerliche Reise durch die Dunkelheit schien vergebens gewesen zu sein. In diesem Augenblick trat der Meister aus dem Dunkel des Baumes hervor, nicht wie ein Ankläger, sondern wie ein Gastgeber, der einen verspäteten Besucher empfängt.

„Du bist einen weiten Weg durch die Berge gekommen, um mich zu besuchen“, sprach der Meister mit einer Stimme, die so sanft war wie das rieselnde Moos am nahen Bach. „Es kann nicht sein, dass du mit leeren Händen von dannen ziehst.“

Noch bevor der Dieb, erstarrt vor Schreck und Verwirrung, ein Wort erwidern konnte, löste der Meister das Tuch seines schlichten Mantels, der ihm über die Jahre zu einem treuen Gefährten geworden war. Mit einer ruhigen, fast zeremoniellen Gebärde legte er das wärmende Gewand um die Schultern des Fremden.

„Die Nacht ist kühl hier oben“, fuhr der Meister fort. „Nimm diesen Mantel als mein bescheidenes Geschenk. Er wird dich auf deinem Weg wärmen.“

Der Dieb stand da, unfähig, den Blick zu heben, das Haupt tief gesenkt unter der unerwarteten Last der Güte. Er stammelte keine Entschuldigung, keinen Dank. Schweigend, wie ein Geist, der sich in den Nebel zurückzieht, stahl er sich davon, gehüllt in den Mantel des Mannes, den er hatte bestehlen wollen.

Der Meister blickte ihm nach, bis seine Gestalt von der Finsternis verschluckt war. Ein tiefes Gefühl des Mitleids durchströmte ihn, eine zärtliche Traurigkeit für die Dunkelheit in der Seele dieses Menschen. Er blickte hinauf zum Himmel, wo der Mond, eine perfekte, leuchtende Scheibe, zwischen den Wipfeln der Bäume hing. „Oh, armer Mensch“, seufzte er in die Stille der Nacht. „Wie gerne hätte ich dir diesen leuchtenden Mond geschenkt.“

Als der neue Tag anbrach und die ersten goldenen Strahlen des Lichts die Tautropfen auf den Gräsern in Diamanten verwandelten, öffnete der Meister die Tür seiner Hütte. Und dort, auf der Schwelle, sorgfältig zusammengelegt, lag der Mantel, den er dem Dieb in der Nacht gegeben hatte. Ein Lächeln, so leise und wissend wie die Dämmerung selbst, erhellte das Gesicht des Zen-Meisters. Er neigte sein Haupt und flüsterte in den jungen Morgen hinaus: „So habe ich ihm also doch den Mond geschenkt.“



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