Anekdote: Die Morgenlektüre im Zen-Kloster

Noch war die Welt grau vom Nebel, als die Glocke der Morgendämmerung durch das Tal rollte. Ein dumpfer, ehrwürdiger Klang, der gewöhnlich den Beginn der Morgenlektüre verkündete.

Im Meditationssaal saßen die Schüler in Reih und Glied. Sie warteten, die Hände gefaltet, auf die Worte ihres Meisters — jene wenigen Sätze, die wie Tropfen auf ruhiges Wasser fielen und die Gedanken klärten.

Doch an diesem Morgen war alles anders.

Der Meister saß still. Sein Blick war leer und weit, als lausche er etwas, das jenseits von Worten lag. Keine Lehre, kein Sutra, kein Klang des Holzeschlägers. Nur Schweigen.
Die Schüler sahen sich an, unsicher. Sollte die Andacht bereits begonnen haben? Oder hatte der Meister etwas vergessen? Ein leises Unbehagen kroch durch die Stille, als wollte sie sich selbst hinterfragen.

Da – plötzlich – hob der Meister die Hand.

Ein kaum merkliches Zeichen, doch von einer Schärfe, die alle Gedanken zerschnitt. Er deutete nach draußen.
„Hört hin,“ sagte er leise.

Aus dem Wald klang ein einzelner Vogelruf. Klar. Rein. Dann ein zweiter, als Antwort. Der Wind trug den Klang durch die offenen Türen, als wollte er ihn mitten in ihre Brust legen.

Die Schüler lauschten.
Zuerst, weil es die Anweisung ihres Meisters war. Dann, weil das Lauschen selbst zu einer Art Meditation wurde.
Sie wussten nicht, was sie suchten – eine Bedeutung, ein Zeichen, vielleicht eine verborgene Wahrheit. Doch je länger sie hinhörten, desto stiller wurden ihre Gedanken. Der Gesang der Vögel war plötzlich alles.

Niemand sprach. Niemand wagte sich zu bewegen.
Die Zeit schien zu verschwinden, als hätte sie nie existiert.

Dann, so unvermittelt wie er geschwiegen hatte, sagte der Meister:

„Die Morgenlektüre ist beendet.“

Ein Murmeln ging durch die Reihen – nicht laut, aber voller Erstaunen.
Beendet? Ohne Rezitation, ohne Belehrung?

Der Meister erhob sich langsam, blickte in die Gesichter seiner Schüler und lächelte kaum merklich.
„Wenn ihr wirklich gehört habt,“ sprach er, „dann braucht es keine Worte mehr.“

Und in diesem Moment verstanden sie — oder begannen zumindest zu ahnen — dass der Vogelgesang die wahre Sutra des Morgens gewesen war: die Lehre der Welt selbst, die jenseits aller Sprache spricht.



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