Anekdote: Die Atmung der Schildkröte

In der chinesischen Mystik steht die Schildkröte für Langlebigkeit. Legenden besagen, dass Schildkröten bis zu 1000 Jahre alt werden können. Diese sagenhaften Erzählungen inspirierten die Daoisten dazu, spezielle Übungen zu entwickeln, die von den Bewegungen und Eigenschaften der Schildkröte beeinflusst sind. Der daoistische Klassiker „Baopuzi“, verfasst von Meister Ge Hong (283-343), berichtet von ungewöhnlichen Atemtechniken, die sich an den Eigenschaften der Schildkröte orientieren.

Eine bemerkenswerte Geschichte erzählt von einem Bewohner der Region Jianghuai, der als Kind eine Schildkröte unter das Bein seines Bettes stellte, um es zu stabilisieren. Viele Jahre später, als er verstorben war und das Bett entfernt wurde, lebte die Schildkröte noch immer, obwohl sie bereits fünfzig oder sechzig Jahre alt war. Sie hatte all die Jahre weder getrunken noch gegessen. Dieses Wunder wurde schließlich dem Atem der Schildkröte zugeschrieben.

Eine weitere unglaubliche Geschichte stammt aus der Region Yingchuan und wurde vom Gelehrten Chen Zhonggong aufgezeichnet. Sie handelt von einem Mann namens Zhang Guangding, der während einer Unruhe fliehen musste und seine vierjährige Tochter zurückließ. Um ihre Leiche nicht dem Verfall auszusetzen, legte er sie in ein altes, großes Grab am Dorfeingang und hinterließ ihr einige Monate lang getrockneten Reis und Wasser.

Drei Jahre später, als die Situation sich beruhigt hatte, kehrte Zhang Guangding zurück, um die Überreste seiner Tochter ordnungsgemäß zu bestatten. Doch als er das Grab erreichte, fand er das Mädchen lebendig und wohlauf vor. Sie erkannte ihre Eltern und war überglücklich, sie wiederzusehen. Zunächst dachten die Eltern, sie sei ein Geist, aber als der Vater hinabstieg, stellte er fest, dass sie tatsächlich lebte.

Auf die Frage, wie sie überlebt hatte, erzählte das Mädchen, dass sie anfangs großen Hunger verspürt hatte, als die Vorräte aufgebraucht waren. Sie hatte ein Wesen in der Ecke des Grabes gesehen, das seinen Hals ausstreckte und einatmete. Sie ahmte das Wesen nach, und ihr Hunger verschwand. Tage und Monate vergingen, und sie blieb am Leben. Die Kleidung und Decken, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, waren noch intakt, sodass sie nicht fror. Anfangs hatte das Mädchen Bauchschmerzen und Übelkeit verspürt, doch mit der Zeit gewöhnte sie sich daran und überlebte. Schließlich fand Zhang Guangding heraus, dass das Wesen, das seine Tochter zu überleben verhalf, eine große Schildkröte war.

Die scheinbar wunderbaren Ereignisse dieser Geschichten sind weniger Ziel der Betrachtung als vielmehr zarte Hinweise auf die daoistische Wertschätzung der Natur als weise Lehrerin. Durch das stille Studium der Schildkröte und ihrer geheimnisvollen Art entfalteten sich für die Daoisten tiefgreifende Einsichten, die ihre Atemtechniken und philosophischen Lehren prägten.



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