Was ist das Dao?

Was ist das Dao?

 

Dies ist eines der Schlüsselworte der chinesischen Philoso­phie. Die gewöhnliche, alltägliche Bedeutung des Zeichens 道 (Dao) ist „Weg“. Im frühesten Altertum bezeichnete es auch die Bahn der Gestirne, und von daher wurden dann die Bedeutungen „Gesetzmäßigkeit des Alls, die kosmische Ordnung“ abgeleitet. Im Wie­teren gelangt man so zur Bedeutung „Urgrund, Quelle des Seins“, und so wird das Wort vorzüglich in unserem Zusammenhang verstanden. Einer der bekann­testen chinesischen Klassiker und das nach der Bibel meistübersetzte Werk ist das Daodejing 道德经 des Laozi 老子. Es handelt 5000 Schriftzeichen lang, in 81 Kapitel oder Versfolgen unterteilt, von den mannigfaltigen Aspekten des Dao, immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

 

Aus dem Kap. 25 sei hier etwa kurz zitiert:

 

„Da ist Etwas, im Chaos, vollendet, bevor Himmel und Erde entstanden. Lautlos, leer, eigenständig, unwandelbar, überall wirkend, doch unerschöpflich. Als aller Welten Mutter kann es gelten. Seinen Namen weiß man nicht, als Bezeichnung dafür dient DAO.“ [i] 

 

Oder der Anfang des 42. Kapitels etwa lautet:

 

„Dao schuf Einheit, Einheit schuf Zweiheit, Zwei­heit schuf Dreiheit,  Dreiheit schuf die aber­tausend Di­nge. Alle Wesen tragen das Yin, doch ­­um­armen das Yang. Ihre vereinte Lebenskraft Qi bewirkt Harmonie.“ [ii]

 

 

Weiteres Licht auf diesen Begriff werfen traditionelle Aus­drücke wie: „Das Dao ist gleich dem Xin心.“ Das ist der Geist, genauer der eigene Geist, und: „Buddha ist ebenso nichts anderes (als eben dies).“ Diese drei Ausdrücke, Dao, Xin und Buddha, können also beinahe als Synonyme gelten.

 

 

Diese Tendenz zur Gleichstellung des Dao mit dem Geist findet sich in allen drei Schulen des alten China, sowohl im Daoismus, Konfuzianismus als auch im Buddhismus. Als Beispiel nehmen wir den daoistischen Meister  Zhuan­gzi 庄子, der zur Zeit der „Streitenden Reiche“ im 4. Jh. v. Chr. gelebt hat, und hören aus seinem wichtigen und poetisch schönen Klassiker „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (南华真经 nanhua zhenjing), der auch oft einfach nach seinem Urheber „Zhuangzi“ genannt wird, folgende Aussage zum Dao:

 

„Das Ziel sei Einheit! Du hörst nicht mit den Ohren, sondern hörst mit dem Verstand; du hörst nicht mit dem Verstand, sondern hörst mit dem Qi (mit dem Atem; mit der Lebensenergie). Das äußere Hören endet beim Ohr, der Geist endet (dem Qi) entsprechend; nur das Qi sammelt die Leere und vermag alle Dinge in sich aufzunehmen. Und das Dao ist es, das diese Leere füllt. Dieses Leersein nennt man Fasten des Herzens.“ [iii]

 

Diese Schilderung der daoistischen Meditationspraxis steht im Einklang mit der Lehre des Mengzi 孟子, im Westen bekannter unter der von den ersten Chinafahrern latinisierten Namensform Mencius. Er war der bedeutendste Vertreter des Konfuzianismus in der Zeit nach Konfuzius selbst und ein Zeitgenosse des Zhuangzi. In seinem wiederum nach dem Verfasser be­nannten Hauptwerk lesen wir:

 

Wer seinen Geist vollendet, kennt sein (ursprüng­liches) Wesen. Kennt man sein Wesen, dann kennt man den Himmel. [1]  [iv]

 

Diese Annäherungen in der Praxis der Geistesschulung, wie sie die beiden Meister lehren, legen bereits den Grundstein für die Verschmelzung der philosophischen Anschauungen und des harmonischen Abgleichens der Lehraussagen der verschiedenen Schulen miteinander. Diese Assimilation ist letztendlich auch beim chine­si­schen Buddhismus festzustellen. Das bekannte „Podium­­sutra des 6. Ahnlehrers“ ist ein Werk, das einen Beitrag dazu leistete, die buddhistische Schule der „Versenkung“,  chinesisch Chan 禅 und japanisch Zen, ab dem 7. Jh. n. Chr. endgültig in China zu etablieren. Darin ist das Dao mit ähnlichen Worten beschrieben:

 

„Erleuchtung und Verblendung – der gemeine Men­­­­­sch betrachtet sie als zwei Dinge. Ein Weiser jedoch betrachtet diese ohne Differenzierung. Der undifferenzierte Sinn ist der wahre Sinn. Dieser ist nicht vermindert bei den Verblendeten, aber auch nicht vermehrt bei den Weisen. Er ist nicht verwirrt bei belastenden Umständen, aber kommt nicht zur Stille bei meditativer Ruhe. Es bricht nicht ab, ist aber auch nicht stetig. Es gibt kein Kommen, aber auch kein Gehen. Es ist nicht in der Mitte, aber auch nicht im Außen oder Innen. Es ist nicht ge­boren und stirbt nicht. Es ist immerwährend und wan­delt ni­cht. Genannt wird es – das Dao.“ [2] [v]

 

Hier sehen wir, wie die chan-buddhistische Praxis der Geistesschulung durch die Einbindung des Begriffs Dao in Einklang mit den Übungen der daoistischen und konfu­zianischen Schulen gebracht worden ist. Die gemeinsame philosophische Grundlage der drei Schulen, mit dem Dao als Kern, nimmt dann im weiteren Verlauf der chine­sischen Geschichte Einfluss auf die Entwicklung des Neokonfuzianismus. Dies geschieht seit der Song Dynastie im 11. Jh. Der neokonfuzianische Klassiker 传习录 Chuanxilu, die „Aufzeichnungen zur Übung des Gelehrten“ beschreibt das Dao wie folgt:

 

„Der Geist ist das Dao, das Dao ist der Himmel. Kennt man den Geist, dann kennt man das Dao und den Himmel.“ [vi]

  

„Weiter heißt es: „Möchten die Edlen dieses Dao wahrlich erblicken, muss man es am eigenen Geist erfahren und erkennen, nicht im Außen ist es zu finden und zu erhalten.“ [vii]

 

„Alle vier (konfuzianischen) Bücher und fünf (konfuzianischen) Klassiker sprechen einfach nur von diesem Geistkörper, dieser ist der sogenannte „Geist des Dao“. Ist dieser Körper klar, dann ist das Dao klar, dann (ist) keine (weitere) Arbeit (mehr notwendig). Das ist die Hauptsache der Lehre.

 

Der leere Geist nicht verblendet. Alle Prinzipien sind drin enthalten und alle Sachen dem entsprungen. Außerhalb des Geistes gibt es kein Prinzip, auße­rhalb des Geistes gibt es keine Sache.“ [3] [viii]

 

Wir sehen, hier ist das Dao ausdrücklich mit dem Geist gleichgesetzt, ja sogar mit dem Himmel. Der Himmel, tian 天, ist im chinesischen Denken nicht eine para­diesische Welt, wie es bei den drei monotheistischen Religionen der Fall ist. Sondern hier ist er als die Quelle, oder die ursprüngliche Sphäre des Geistes zu verstehen.

 

Auf diesem Verständnis vom Dao beruht auch der Praxisweg der Gemeinschaft des Weges der Einheit. Einer der wichtigsten Wegbereiter der Gemeinschaft des Weges der Einheit, der 15. Ahnlehrer Wang Jueyi 王觉一, er lebte gegen Ende des 19. Jh., hat in seiner „Erläuterung zur Großen Leh­re“ unter anderem folgendes zum Dao angeführt[4]:

 

Der Unkluge hält die Materie der Fünf Wand­lun­gen[5] für das Dao; dies ist als würde man Sand als Nahrung nehmen, also ein Weg, der leidend bis zum Tode ohne Errungenschaft bleibt; Der Tugendübende betrachtet die Energie der Fünf Wand­lungen als das Dao; das ist als schieße man den Pfeil gegen den Himmel, also ein Weg, der verfällt, wenn die Kraft zu Ende geht.

 

Der Weise sieht das Prinzip der Fünf Kardinalen[6] als das Dao, nur damit ist es möglich, das Absolute zu begreifen, das (natürliche) Wesen zu vollenden und sein Leben in Einklang (mit der Natur) zu bringen. Das Wesen der Fünf Kardinalen ist die erha­bene Tugend, das höchste Gut. Wer die er­habene Tu­gend erleuchtet hat, verweilt im höchsten Gut; wer im höchsten Gut verweilt, erleuchtet die erhabene Tugend. [ix]

 

 

In diesen Aussagen wird das Dao mit der Tugend und der Güte in Zusammenhang gebracht. Die Meister des Weges der Einheit sehen sich dazu verpflichtet, die Praxis des Dao an Menschen aus allen sozialen Schichten zu ver­mit­teln. Um das Abstrakte und Tiefgründige der Philo­sophie in prägnanten Merksätzen verständlich auf den Pun­kt zu bringen, sagen sie auch einfach:

 

Das Dao zeigt sich im Wirken des menschlichen Gewissens, des guten Herzens, im Alltag.

 

Diese Aussage findet seine Stütze in folgendem Abschnitt aus dem ältesten philosophischen Werk Chinas, des Yijing 易经, des Buches der Wandlung:

 

Was einmal das Yin und einmal das Yang hervortreten lässt, das ist das Dao. Wer es fortsetzt ist gütig, was es vollendet ist das (natürliche) We­sen. Der Gütige entdeckt es und nennt es „gütig“, der Weise entdeckt es und nennt es „weise“. Das Volk gebraucht es täglich, ohne es zu wis­sen; das Dao des Edlen gibt es daher leider selten.[7]  [x]

 

 

 

Beachten wir  hier die Aussage „Das Volk gebraucht es täg­­lich, ohne es zu wissen.“ Die Praxis des Dao ist also nicht nur für die Vermögenden oder Gebildeten be­stimmt, sondern jeder gewöhnliche  Mensch kann es im Alltag praktizieren. Das Dao ist das Gemeinsame nicht nur aller Menschen, sondern überhaupt aller Lebewesen. Wir sehen hier die verbindende Einheit alles Seins.

 

Konfuzius, der Meister Kong (孔子Kongzi), der große Lehrer der chinesischen Kultur aus dem 6. Jh. v. Chr., verkündete einst treffend in seinen  „Gesprächen“ (论语lunyu), welche Dialoge von ihm und seinen Schülern überliefern:

 

Mein Dao verbindet alles mit der Einheit. [8]  [xi]

 

Diese verbindende Wirkung zeigt sich übrigens auch in den chinesischen Über­setzungen von Bibel und Koran, wo das Wort „Dao“ jeweils zur Übersetzung von „Logos“ (Wort Gottes) und „Wirken Allahs“ verwendet wird. Diese Mehrdeutigkeit des Begriffes Dao (Weg, Prinzip, Wesen, Sinn, Geist, Himmel, Tugend, Göttlichkeit usw.) zeigt uns die typisch synkretistische Haltung der alten Chinesen. Ihr Bestreben war, zu vereinen und nicht zu polarisieren.

 

 

 

 

[1] Aus dem konfuzianischen Klassiker Mencius, Buch VII, Dsin Sin, Vollendung des Geistes

[2] Aus dem Podium-Sutra des 6. Ahnlehrers, Kap. 9, 六祖坛经,护法品第九

[3] Aus dem Chuanxilu 传习录, den „Aufzeichnungen zur Übung des Gelehrten“, Kap. Luchenglu 陆程录

[4] Chin.大学解 daxuejie; sie erschien im Rahmen seiner gesammelten Werke „Vereinte Erklärung von Prinzip und Zahlen“ 理数合解 lishu hejie

[5] Chinesisch: wuxing 五行; diese stellen die fünf Wandlungsphasen des Kreislaufes der Yin- and Yang-Energie dar. Im Westen auch als die fünf Elemente bekannt; diese sind: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser

[6] Die fünf konfuzianischen Kardinaltugenden (五常 wŭcháng) sind: Menschlichkeit (仁 rén), Gerechtigkeit oder Rechtes Handeln (义 yì), Sitte (礼 lĭ), Weisheit (智 zhì), Verlässlichkeit (信 xìn)

[7] Aus dem Buch Xici 系辞 (dem Kommentar zu den beigefügten Urteilen) des Yijing, 1. Abteilung, Kapitel 5

[8]Konfuzius Gespräche 论语, Buch IV, Kapitel 15

 

[i] 有物混成 先天地生。寂兮寥兮,独立不改,周行而不殆,可以为天下母。吾不知其名,字之曰道。(道德经第25章)

[ii] 道生一,一生二,二生三,三生万物。万物负阴而抱阳,冲气以为和。(道德经第42章)

[iii] 若一志,无听之以耳而听之以心;无听之以心而听之以气。听止于耳,心止于符。气也者,虚而待物者也。唯道集虚。虚者,心斋也。 (庄子 人间世)

[iv] 盡其心者,知其性也。知其性,則知天矣。(孟子 尽心上)

[v] 明与无明,凡夫见二;智者了达,共性无二,无二之性,即是实性。实性者:处凡愚而不减,在贤圣而不增,住烦恼而不乱,居禅定而不寂。不断、不常、不来、不去,不在中间及其内外;不生、不灭,性相如如,常住不迁,名之曰道。 (六祖坛经 护法品)

[vi] 心即道,道即天。知心则知道、知天。(传习录 陆程录)

[vii] 又曰:“诸君要实见此道,须从自己心上体认,不假外求,始得。(传习录 陆程录)

[viii] 盖四书、五经不过说这心体,这心体即所谓‘道心’,体明即是道明,更无工。此是为学头脑处。虚灵不昧,众理具而万事出。心外无理,心外无事。(传习录 陆程录)

[ix] 愚人执象,以五行之质为道,此团砂为饭,苦死无成之道也。贤者以五行之气为道,此仰箭射空,力尽终堕之道也。圣人以五常之理为道,方可穷理尽性以至于命。五常之性明德也,至善也。明明德者,止于至善也;止于至善者,明明德也。- (理数合解 大学解——在止于至善)

[x] 一阴一阳之谓道,继之者善也,成之者性也。仁者见之谓之仁,知者见之谓之知,百姓日用而不知,故君子之道鲜矣!(易经 系辞上 第5章)

[xi] 吾道一以贯之。(论语 里仁第四 第15章)



Kategorien:Buddhismus, Daoismus / Taoismus, Der Weg der Einheit, Die Drei Schätze Herzenslehre, Konfuzianismus, Philosophie, Zen, Chan

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