„Wie auf einem Stein eine Blume zu pflanzen“ – Die Koans zum Yaoshan Weiyan (751-834)

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Weltweit gewinnen die beiden zen- oder chan-buddhistischen Schulen Lingji (japanisch: Rinzai) und Caodong (japanisch: Soto) immer mehr an Popularität. Zu ihren Anfängen im 8. Jahrhundert waren sie jedoch vor allem in den zwei südlichen Provinzen der chinesischen Tang-Dynastie, Jiangxi und Hunan, präsent. In Jiangxi residierte der Ahnlehrer Ma der Dao-Einheit (Mazu Daoyi; 709-788), aus dessen Linie die Rinzai-Schule entstand. In Hunan lehrte der Seltene Wandel vom Felsen (Shitou Xiqian; 700-790), der den Weg für die Gründung der Soto-Schule bereitete.

Zwischen diesen beiden Standorten wanderten buddhistische Lernende und Praktizierende hin und her, um den wahren Sinn der Buddha-Lehre zu erkunden, trotz der weiten Entfernung von etwa 500 km. Einer von ihnen war Yaoshan Weiyan (751-834), wörtlich „der Seriöse vom Medizinberg“, der den Beginn der Soto-Schule markierte. Nennen wir ihn einfach „Der Seriöse“.

Der Seriöse wurde 751 als Sohn der Familie Han in der Stadt Jiangzhou in der heutigen Provinz Shanxi im Nordwesten Chinas geboren. Mit 17 Jahren ließ er sich zum Mönch ordinieren und mit 23 Jahren legte er das Gelübde zur vollkommenen Einhaltung der Mönchsregeln ab. Er beherrschte die buddhistischen Sutren und Abhandlungen und hielt sich streng an die Regeln. Doch er kam zu der Erkenntnis, dass das nicht alles sein konnte und suchte Shitou Xiqian, den Seltenen Wandel vom Felsen, auf. Es entwickelte sich folgendes Gespräch:

Der Seriöse fragte: „Ich kann behaupten, alle Schriften der drei Fahrzeuge im Wesentlichen zu kennen. Die Lehre des direkten Aufzeigens des Buddhawesens hier im Süden begreife ich in der Tat nicht. Ich ersuche den Meister um gnädige Belehrung.“

Der Seltene Wandel antwortete: „Es kann weder mit etwas noch ohne etwas erlangt werden. Es kann sowohl mit als auch ohne etwas nicht erlangt werden. Was würdest du tun?“

Der Seriöse war verwirrt und wusste nicht zu antworten.

Der Seltene Wandel sagte dann: „Deine Bestimmung liegt nicht hier bei mir. Geh zum Meister Ma!“[1]

Der Seriöse folgte dieser Anweisung und besuchte den Ahnlehrer Ma in der Provinz Jiangxi. Er stellte ihm die gleiche Frage, die er dem Seltenen Wandel gestellt hatte.

Ahnlehrer Ma antwortete: „Manchmal lehre ich, die Augenbrauen zu heben und die Augen zu zwinkern. Manchmal lehre ich, die Augenbrauen nicht zu heben und die Augen nicht zu zwinkern. Manchmal ist das Heben der Augenbrauen und das Zwinkern richtig. Manchmal ist das Heben der Augenbrauen und das Zwinkern nicht richtig. Was würdest du tun?“

Der Seriöse begriff es und verbeugte sich.

Ahnlehrer Ma fragte: „Wofür verbeugst du dich, was hast du begriffen?“

Der Seriöse sagte daraufhin: „Beim Meister vom Felsen war es so, als würde eine Mücke eine eiserne Kuh stechen!“

Mazu sagte: „Wenn es so ist, dann hüte es gut!“

Der Seriöse blieb und diente dem Ahnlehrer Ma drei Jahre lang.

Eines Tages fragte ihn Ahnlehrer Ma: „Was tut sich momentan mit deinen Erkenntnissen?“

Der Seriöse antwortete: „Die Haut ist zur Gänze abgefallen. Es gibt nur noch das eine Wahre.“

Ahnlehrer Ma wies ihn daraufhin an: „Deine Errungenschaft erreicht das Wesen des Geistes und durchdringt alle Glieder. Du kannst deinen Bauch mit drei Bambusstreifen festbinden und den Sitz auf einem Berg einnehmen.“

Der Seriöse sagte: „Wer bin ich denn, dass ich es wage zu sagen, den Sitz auf einem Berg einzunehmen?“

Ahnlehrer Ma sagte: „So ist es nicht. Man kann nicht ständig gehen, ohne zu halten, und auch nicht ständig halten, ohne zu gehen. Nütze ohne zu nützen, tue ohne zu tun. Dies soll als Fähre dienen. Und bleibe nicht lange hier.“[2]

Der Seriöse kehrte daraufhin zum Seltenen Wandel am Südberg in der Provinz Hunan zurück.

Eines Tages saß der Seriöse still auf einem Stein.

Der Seltene Wandel fragte ihn: „Was tust du hier?“

Der Seriöse antwortete: „Ich tue nichts.“

Der Seltene Wandel sagte: „Dann sitzt du untätig herum.“

Der Seriöse sagte: „Wenn ich untätig herumsitze, würde ich ja etwas tun.“

Der Seltene Wandel fragte: „Was heißt es dann, wenn du sagst, dass du nichts tust?“

Der Seriöse antwortete: „Selbst die Tausenden von Heiligen kenne ich nicht.“

Der Seltene Wandel lobte ihn zustimmend.

Ein anderes Mal fragte der Seltene Wandel ihn wieder: „Es hat nichts zu tun mit Sprache und Handlungen.“

Der Seriöse antwortete: „Aber es ist auch nicht ohne Bezug auf Sprache und Handlungen.“

Der Seltene Wandel sagte: „Bei mir kann keine Nadel einstechen.“

Der Seriöse sagte: „Bei mir ist es, wie auf einem Stein eine Blume zu pflanzen.“

Der Seltene Wandel stimmte zu.[3]

Später nahm der Seriöse seinen Sitz auf dem Berg Yaoshan, wörtlich der Medizinberg. Von dort erhielt er seinen Namen Yaoshan Weiyan, wörtlich „Der Seriöse vom Medizinberg“. Massenweise Lernende strömten zu ihm. Sein Nachfolger, der für die Entwicklung der Caodong-Schule maßgeblich war, war Yunyan Tansheng, wörtlich „Der Blühende vom Wolkenfelsen“. Um diesen Blühenden geht es im nächsten Beitrag.


Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen


<<<„Selbst im Himmelparadies gibt es so was nicht.“ – Die Koans zum Shitou Xiqian

Die Koans zum Yunyan Tansheng>>>


[1] 絳州韓氏子。年十七出家。納戒衡嶽。博通經論。嚴持戒律。一日歎曰。大丈夫當離法自淨。誰能屑屑事細行於布巾耶。首造石頭之室。便問。三乘十二分教某甲粗知。甞聞南方直指人心見性成佛。實未明了。伏望和尚慈悲指示。頭曰。恁麼也不得。不恁麼也不得。恁麼不恁麼總不得。子作麼生。師罔措。頭曰。子因緣不在此。且往馬大師處去。——《指月錄卷之九 六祖下第三世 澧州藥山惟儼禪師》

[2] 師稟命恭禮馬祖。仍伸前問。祖曰。我有時教伊揚眉瞬目。有時不教伊[A34]揚眉瞬目。有時[A35]揚眉瞬目者是。有時揚眉瞬目者不是。子作麼生。師於言下契悟。便禮拜。頭曰。你見甚麼道理便禮拜。師曰。某甲在石祖處。如蚊子上鐵牛。祖曰。汝既如是。善自護持。侍奉三年。一日祖問。子近日見處作麼生。師曰。皮膚脫落盡。惟有一真實。祖曰。子之所得。可謂協於心體。布於四肢。既然如是。將三條篾。束取肚皮。隨處住山去。師曰。某甲又是何人。敢言住山。祖曰不然。未有常行而不住。未有常住而不行。欲益無所益。欲為無所為。宜作舟航。無久住此。——《指月錄卷之九 六祖下第三世 澧州藥山惟儼禪師》

[3] 師乃辭祖返石頭。一日在石上坐次。石頭問曰。汝在這裏作麼。曰一物不為。頭曰。恁麼即閒坐也。曰若閒坐即為也。頭曰。汝道不為。不為個甚麼。曰千聖亦不識。頭以偈讚曰。從來共住不知名。任運相將祇麼行。自古上賢猶不識。造次凡流豈可明。——《指月錄卷之九 六祖下第三世 澧州藥山惟儼禪師》



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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