„Wer, glaubst du, sind denn die Nachfahren?“ – Das Koan zum Tianhuang Daowu (748-807)

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Wir wenden uns nun den Wegbereitern der Yunmen- und Fayan-Schule zu. Diese beiden Schulen sind heute nicht mehr so bedeutend wie die Linji- (Rinzai-) und Caodong- (Soto-)Schule, hatten jedoch während der nördlichen Song-Dynastie (10. bis 12. Jahrhundert) einen weitreichenden Einfluss und trugen entscheidend zur landesweiten Etablierung der Zen- oder Chan-Lehre in allen sozialen Schichten des Kaiserreiches bei.

Die Geschichte der Entstehung dieser beiden Schulen beginnt mit Tianhuang Daowu, dem Dao-Erwachten vom Himmelskaiser (748–807), einem der bekanntesten Dharma-Nachfolger von Shitou Xiqian, dem „Seltenen Wandel vom Felsen“ (700–790). Wir kehren somit in das 8. Jahrhundert zurück, eine Zeit, in der die Zen- oder Chan-Lehre ihre erste Hochblüte erlebte. Die einflussreichsten Vertreter dieser Lehre waren die beiden Meister: Mazu Daoyi, der „Ahnlehrer Ma der Dao-Einheit“, und Shitou Xiqian, der „Seltene Wandel vom Felsen“. Der „Dao-Erwachte vom Himmelskaiser“ suchte beide auf und erlangte sein Erwachen beim Zweiten. Wer war also dieser „Dao-Erwachte“?

Der Dao-Erwachte stammte aus der Familie Zhang in der Präfektur Wuzhou, Bezirk Dongyang (heutige Stadt Dongyang, Provinz Zhejiang). Schon als Kind fiel er durch sein außergewöhnliches Wesen und tiefes Wissen auf. Mit vierzehn Jahren ersuchte er um Ordination zum Mönch, doch seine Eltern verweigerten ihm diesen Wunsch. Daraufhin begann er, weniger Nahrung zu sich zu nehmen und führte einen Hungerstreik durch. Schließlich ließen sich die Eltern umstimmen.

Nach seiner Ordination widmete er sich intensiv der asketischen Praxis, meditierte in Stille auf Grabhügeln, auch bei Wind und Regen sowie in der Dunkelheit der Nacht, und war frei von Furcht. Zunächst erhielt er die Herzenslehre vom Zen-Meister Jingshan Guoyi und blieb fünf Jahre bei ihm. Danach suchte er Mazu Daoyi, den „Ahnlehrer Ma der Dao-Einheit“, auf, um Bestätigung für das Erlernte zu finden und verweilte dort zwei Jahre. Anschließend kam er zu Shitou Xiqian, dem „Seltenen Wandel vom Felsen“. Bei ihrem ersten Treffen entwickelte sich das folgende Gespräch:

Der Dao-Erwachte fragte den Seltenen Wandel: „Was lehrt man die Menschen, losgelöst von Versenkung (Samadhi) und Weisheit (Prajna)?“
Der Seltene Wandel antwortete: „Ich habe keine Diener oder Sklaven hier bei mir. Was soll da losgelöst werden?“
Der Dao-Erwachte: „Wie kann man das begreifen?“
Der Seltene Wandel: „Kannst du das Leere erfassen?“
Der Dao-Erwachte: „Wenn das so ist, dann gehe ich heute noch fort.“
Der Seltene Wandel: „Womöglich wirst du früher oder später von dort herkommen.“
Der Dao-Erwachte: „Ich stamme nicht von dort.“
Der Seltene Wandel: „Ich wusste von Anfang an, woher du kommst.“
Der Dao-Erwachte: „Der Meister möge mich nicht verleumden.“
Der Seltene Wandel: „Dein Körper ist gegenwärtig.“
Der Dao-Erwachte: „Auch wenn es so ist, wie soll ich dies den Nachfahren zeigen.“
Der Seltene Wandel: „Wer, glaubst du, sind denn die Nachfahren?“
In diesem Moment erwachte der Dao-Erwachte augenblicklich. [1]

Später wurde der Dao-Erwachte Abt des Klosters Himmelskaiser in der Stadt Jingzhou (in der heutigen Provinz Hubei). Daher erhielt er den Namen Tianhuang Daowu – „Der Dao-Erwachte vom Himmelskaiser“. Unter seinen Schülern war vor allem Longtan Chongxin, der „Treugläubige vom Drachenteich“, am bekanntesten. Dieser Gläubige ist auch einer der Wegbereiter der Yunmen- und Fayan-Schule. Um diesen Gläubigen geht es im nächsten Beitrag.


Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen


<<<„Sonst heißt es nicht mehr ‚Urstille‘.“ – Das Koan zum Caoshan Benji (840-901)

Das Koan zum Longtan Chongxin (?-?) >>>


[1] 婺州東陽張氏子。神儀挺異。幼而生知。年十四。懇求出家。父母不許。遂減食飲。父母不得已許之。及出家。精修梵行。風雨昏夜宴坐丘塚。離諸怖畏。謁徑山國一受心法。服勤五載。復謁馬祖重印前解。依止二夏。後謁石頭而致問曰。離却定慧。以何法示人。頭曰。我這裏無奴婢。離個甚麼。曰如何明得。頭曰。汝還撮得虗空麼。曰恁麼則不從今日去也。頭曰。未審汝早晚從那邊來。曰道悟不是那邊人。頭曰。我早知汝來處也。曰師何以贜誣於人。頭曰。汝身現在。曰雖然如是。畢竟如何示於後人。頭曰。汝道誰是後人。師從此頓悟。[…] 後居天皇。客無貴賤。皆坐而揖。江陵尹右僕射裴公。稽首問法。師接之無加禮。裴愈歸向 元和丁亥四月示疾。命弟子先期告終。至晦日大眾問疾。師驀召典座。座近前。師曰會麼。曰不會。師拈枕子拋於地上。即便告寂。壽六十。臘三十五。——《指月錄 南嶽青原宗未定法嗣 荊州天皇道悟禪師》



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

Schlagwörter:, , , , , , , , , , , , ,

1 Antwort

Trackbacks

  1. „Sonst heißt es nicht mehr ‚Urstille‘.“ – Das Koan zum Caoshan Benji (840-901) – DER WEG DER EINHEIT
  2. „Wenn du darüber nachdenkst, verfehlst du es.“ – Das Koan zum Longtan Chongxin (?-?) – DER WEG DER EINHEIT

Hinterlasse einen Kommentar