„Warum aber trägt der Pilger einen großen Stein im Herzen? ——Das Koan zum Fayan Wenyi (885-958)„

——Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Die Entstehung der fünf Schulen des Zen- oder Chan-Buddhismus – Weiyang, Linji, Caodong, Yunmen und Fayan – wird mit der Aussage „Eine Blume bringt fünf Blätter hervor, und die Frucht des Weges reift von selbst“ beschrieben. Diese fünf Schulen gehen alle auf die Lehre des 6. Ahnlehrers Huineng zurück, unterscheiden sich jedoch in ihren Methoden der Unterweisung. Die Fayan-Schule war die jüngste der fünf Schulen. Sie vereinte die Stärken der anderen Schulen, um den Anforderungen ihrer Zeit gerecht zu werden. Ihre Entstehung fiel in eine Periode, in der es innerhalb des Zen- oder Chan-Buddhismus bereits erhebliche Rivalitäten und Spaltungen zwischen den verschiedenen Schulen gab. Vertreter der Fayan-Schule analysierten und kritisierten diese Tendenzen gezielt. Dabei entwickelten sie eine wertvolle und realistische Kritik, die sowohl ihre Theorien als auch die Etablierung ihrer Lehre prägte. Starke politische Unterstützung verhalf der Fayan-Schule zu einer raschen Verbreitung. Die Schule florierte insbesondere im südlichen Staat Nan-Tang (937–975). Ihr Gründer war Fayan Wenyi (885–958), dessen Name wörtlich „Weisheitsgewinn des Dharma-Auges“ bedeutet.

Dieser Weisheitsgewinn stammte aus der Familie Lu aus Yuhang (der heutigen Stadt Hangzhou in der Provinz Zhejiang). Bereits im Alter von sieben Jahren trat er in den Mönchsstand ein. Obwohl er noch jung war, zeigte er außergewöhnliche Anlagen. Nach seiner Volljährigkeit und der vollen Ordination begab er sich auf eine Studienreise. Zunächst lernte er beim Mönch Xijue, einem angesehenen Lehrer der Vinaya-Schule (Schule der Mönchsregel), in der Region Mingzhou (der heutigen Stadt Ningbo in der Provinz Zhejiang). Dort erfasste er rasch die tiefere Bedeutung der Lehren, bevor er seine Reise fortsetzte. Von der Zen- oder Chan-Schule angezogen, suchte er den Meister Changqing Da’an (793–883) in der Stadt Fuzhou auf. Doch bei diesem gelangte er nicht zu tiefgreifenden Erkenntnissen. Schließlich setzte er seine Pilgerreise mit drei weiteren Mönchen fort. Auf ihrem Weg passierten sie das Dizang-Kloster, wo sie aufgrund des Schnees eine Rast einlegten. Der Abt dieses Klosters war Luohan Guichen, auch bekannt als das „Juwel des Heiligen“.

Der Juwel fragte sie: „Wohin führt eure Reise?“
Der Weisheitsgewinn antwortete: „Wir sind Pilger.“
Der Juwel fragte weiter: „Was für eine Art von Pilgerreise ist das?“
Der Weisheitsgewinn sagte: „Ich weiß es nicht.“
Darauf entgegnete der Juwel: „Nicht zu wissen, ist das wahre Verstehen.“

Zusammen mit den drei anderen Mönchen diskutierte der Weisheitsgewinn die Worte des Zen- oder Chan-Meisters Zhaozhou (778–897). Dabei ging es um die Aussage, dass Himmel und Erde mit uns verbunden sind.

Der Juwel fragte: „Sind der Berg und der Fluss mit dir identisch oder nicht?“
Der Weisheitsgewinn antwortete: „Sie sind verschieden.“
Darauf hob der Juwel zwei Finger.
Der Weisheitsgewinn sagte: „Sie sind eins.“
Der Juwel hob erneut zwei Finger und ging dann fort.

Als der Schnee aufhörte, verabschiedeten sie sich.

Der Juwel fragte: „Du sprichst stets von den Drei Welten als nur im Geist und dass alle Dinge nur im Bewusstsein existieren. Aber was ist mit diesem Stein dort im Hof? Ist er im Herzen oder außerhalb des Herzens?“
Der Weisheitsgewinn antwortete: „Er ist im Herzen.“
Der Juwel entgegnete: „Warum aber trägt der Pilger einen großen Stein im Herzen?“

Der Weisheitsgewinn wusste darauf keine Antwort. Er entschied, im Kloster zu bleiben, um Einsicht zu erlangen.

Einen Monat lang diskutierte er mit dem Juwel des Heiligen, doch stets erhielt er die Antwort: „Die Buddhalehre ist nicht so.“
Schließlich gab der Weisheitsgewinn auf: „Ich bin am Ende meiner Worte, meine Argumente sind erschöpft.“
Der Juwel sagte: „Was die Buddhalehre anbelangt, es ist doch alles bereits vollständig gegeben.“

In diesem Moment erlebte der Weisheitsgewinn das plötzliche Erwachen.[1]

Der Weisheitsgewinn nahm später als Lehrer den Sitz im Kloster Qingliang in Jinling ein, der Hauptstadt des Reiches Nan Tang (heute Nanjing). Sein voller Name wurde daher zu Qingliang Wenyi, was „der Weisgewinn der klaren Kühle“ bedeutet. Er genoss großes Ansehen und wurde vom Fürsten des Reiches geehrt und unterstützt. Nach seinem Tod verlieh ihm Fürst Li Jing den posthumen Titel „Chan-Meister des großen Dharma-Auges (Fayan)“. Von diesem Titel leitet sich sein Ehrenname Fayan Wenyi ab, der „Weisheitsgewinn des Dharma-Auges“ bedeutet. Fayan Wenyi und seine nachfolgenden Schüler Tiantai Deshao (891–972) sowie Yongming Yanshou (904–975) waren angesehene Meister, die die Fayan-Schule zu ihrer Blütezeit führten. Diese erreichte ihren Höhepunkt zu Beginn der Song-Dynastie, gegen Ende des 10. und Beginn des 11. Jahrhunderts. Danach begann jedoch ein rascher Verfall. Insgesamt bestand die Schule etwa hundert Jahre.

Von den fünf Zen- oder Chan-buddhistischen Schulen konnten nur die Linji- und Caodong-Schulen eine ununterbrochene Übertragungslinie bis in die Gegenwart aufrechterhalten. Nach dem Untergang der Song-Dynastie verlor der Zen- oder Chan-Buddhismus in China jedoch allgemein an Lebendigkeit. Wie die Koans zeigen, war die Zen- oder Chan-Schule ursprünglich von einer flexiblen und persönlichen Lehrweise geprägt, die auf einer direkten Beziehung zwischen Lehrer und Schüler beruhte. Diese Methode war weitgehend unabhängig von Schriften oder festgelegten Übungsmethoden. Die Lehrer gingen gezielt auf die Blockaden ihrer Schüler ein, lösten die Knoten präzise und wirkungsvoll und brachten die zentralen Hindernisse direkt auf den Punkt. Gegen Ende der Song-Dynastie ging diese lebendige Art des Lehrens jedoch verloren. Es kam zu einer Streitigkeit zwischen den Vertretern der Linji- und Caodong-Schule über eine geeignete Übungsmethode. Dahui Zonggao (1089–1163) von der Linji-Schule plädierte für die Kontemplation von Sprüchen aus den Koans, dahingegen sprach sich Hongzhi Zhengjue (1091–1157) von der Caodong-Schule für die Praxis der „stillen Innenbeleuchtung“ (mo-zhao-chan) aus, die sich auf Sitzmeditation konzentrierte. Beide Meister hielten jeweils die Methode des anderen für unzureichend. Heutzutage gelten diese beiden Ansätze als charakteristische Merkmale der Zen- oder Chan-Schule. Ursprünglich jedoch waren sie ein Ausdruck der Erstarrung der Schule.

In China erlebte der Buddhismus insgesamt eine schwache Phase, die bis Ende des 19. Jahrhunderts andauerte. Erst Meister Xuyun (1840–1959), wörtlich „die leere Wolke“, setzte sich erfolgreich für seine Wiederbelebung ein. Xuyun stammte aus der Caodong-Schule, in der er als ihr 47. Dharma-Nachfolger anerkannt wurde. Im Laufe seines Lebens übernahm er jedoch nacheinander auch die Übertragungslinien der anderen vier Zen- oder Chan-Schulen: Er wurde für die Linji-Schule der 43., für die Guiyang-Schule der 8., für die Yunmen-Schule der 12. und für die Fayan-Schule der 8. Dharma-Nachfolger. Dieses außergewöhnliche Erbe zeigt einerseits das hohe Ansehen, das Meister Xuyun genoss, andererseits aber auch die Schwäche der einzelnen Schulen, keine geeigneten Persönlichkeiten finden zu können, die ihre Traditionen fortsetzen und wiederbeleben konnten.

Weitaus konsequenter wurden die Linien des Zen- oder Chan-Buddhismus im Ausland weitergeführt, insbesondere in Japan, Korea und Vietnam. Zu Beginn der Song-Dynastie sandte der König von Goryeo (Korea) 36 Mönche in das Song-Reich, um die Lehre der Fayan-Schule zu studieren. Nach ihrer Rückkehr verbreiteten diese Mönche die Fayan-Lehre in Goryeo. Besonders bekannt ist weiters die Übertragung der Linie der Caodong-Schule nach Japan durch den japanischen Mönch Dogen (1200–1253). Aus dieser Übertragung entwickelte sich die Soto-shu, die heute weltweit vertreten ist. Dogen führte die Praxis des „Einfach-Sitzens“ (Shikantaza) ein und machte sie zum zentralen Element dieser Tradition. Ebenso brachte Myōan Eisai (1141–1215) die Lehre der Linji-Schule nach Japan, was zur Gründung der Rinzai-shu führte. Diese Schule machte die Übungsmethode der Kontemplation von Sprüchen aus den Koans international bekannt. In Vietnam hat die Linji-Schule (Lâm Tế tông) ebenfalls eine bedeutende Präsenz. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh (1926–2022) wurde weltweit bekannt, indem er einen eigenen Weg einschlug. Er vereinte die Zen- oder Chan-Schule mit der Lehre und Praxis der Theravada-Tradition sowie mit Ansätzen der modernen Psychologie.

Mit diesem Beitrag schließen wir unsere Reihe zu den Koans der Gründer der fünf Zen- und Chan-Schulen ab. So rätselhaft und unkonventionell diese Koans auch erscheinen mögen, bleibt diese Epoche des Buddhismus eine Quelle der Faszination für die Nachwelt. Es ist jedoch nicht so, dass die Zen- oder Chan-Meister ausschließlich rätselhaft lehrten. Sie vermittelten die Buddhalehre sehr wohl auch argumentativ und logisch. Zahlreiche überlieferten Schriften legen ihre Lehren klar und strukturiert dar. Ein zentrales Werk dieser Tradition ist das „Podiumsutra“ (oder „Plattformsutra“) des 6. Ahnlehrers Huineng. In diesem Werk erläutert Huineng die Lehre seiner Schule des plötzlichen Erwachens ausführlich. Es integriert Begriffe und Konzepte aus verschiedenen buddhistischen Traditionen: die Lehre der Leerheit (Śūnyatā) und der vollkommenen Weisheit (Prajñā-Pāramitā), die Buddhaessenz oder Buddha-Natur (Tathāgatagarbha), die Nur-Geist-Schule (Cittamātra, Vijñānavāda, Yogācāra), die Schule des Reinen Landes (Jìngtǔ Zōng) sowie die Geheime Schule (Vajrayāna). Darüber hinaus nimmt das Sutra Bezug auf zahlreiche bedeutende buddhistische Schriften, darunter das Lotussutra, das Diamant-Sutra, das Lankāvatāra-Sutra, das Parinirvāṇa-Sutra, das Vimalakīrti-Sutra und das Brahmajāla-Sutra. Das „Podiumsutra“ ist jedoch kein Kompendium, das all diese Lehren systematisch darlegt. Vielmehr bietet es eine Antwort auf die Vielfalt und Komplexität der buddhistischen Welt im damaligen China. Es zielt darauf ab, Praktizierende von Anhaftungen an Konzepte und Schriften zu lösen und die Essenz der Buddhalehre aufzuzeigen. Dieses Werk spiegelt einerseits die mehr als 500-jährige Entwicklung des Buddhismus in China wider. Andererseits markiert es einen Meilenstein in der Herausbildung des eigenständigen chinesischen Buddhismus.

Im Jahr 2019 haben Alexander Maurer und ich uns im Rahmen unserer Praxis beim Weg der Einheit mit dem Podiumsutra auseinandergesetzt. Dabei haben wir ausgewählte Zitate aus diesem Werk  übersetzt und kommentiert. Während unserer Arbeit wurde uns bewusst, dass Vorkenntnisse zur Entwicklung des Buddhismus in China erforderlich sind, um sich effektiv mit dem Werk auseinandersetzen zu können. Daher beschlossen wir, zunächst eine Einleitung zu verfassen, die zentrale Themen und Konzepte vorwegnimmt und erklärt. Als ich mit einem ersten Rohentwurf begann, vertiefte ich mich zunehmend in faszinierende Details. Aus der ursprünglich geplanten Einleitung entwickelte sich so die Beitragsreihe „Wie kam der Buddhismus nach China“. In diesem Rahmen untersuchte ich Sutren, Klassiker und Abhandlungen und erstellte Kommentare sowie Übersetzungen ausgewählter Zitate dieser Werke. Bislang sind 9 Beiträge zu den „Anfängen der chinesischen Philosophie und Religionen“ sowie 32 Beiträge zur „Durchsetzung des Buddhismus in der Wei- und Jin-Zeit (220-420 n. Chr.)“ erschienen. Das dritte Kapitel, „Die Ausgestaltung des chinesischen Buddhismus in den Nord-Süd-Dynastien (420-589 n. Chr.)“, umfasst derzeit 19 Beiträge. Seit Anfang 2024 beschäftige ich mich mit den Koans zu den Gründern der fünf Zen- oder Chan-Schulen, die in den wöchentlichen Retreats in Dornbirn vorgetragen wurden. Nachdem diese jetzt abgeschlossen sind, werde ich mich mit der Geschichte und Lehre weiterer chinesischer buddhistischer Schulen auseinandersetzen, um schließlich die geplante Bearbeitung der Beiträge zum Podiumsutra fortzuführen. Neue Beiträge dazu werden im Jahr 2025 folgen.

Bis dahin wünsche ich allen
Frohe Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Herzliche Grüße, Mingqing


Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen


<<<„Die drei Welten existieren nur im Geist“ ——Das Koan zum Luohan Guichen (867–928)


[1] 餘杭魯氏子。七歲落髮。弱齡稟具。屬律匠希覺師。盛化於明州。師往預聽習。究其微旨。振錫南邁。抵福州參長慶。不大發明。後同紹修法進三人。欲出嶺。過地藏院。阻雪少憩。附罏次。藏問。此行何之。師曰。行脚去。藏曰。作麼生是行脚事。師日不知。藏曰。不知最親切。又同三人舉肇論。至天地與我同根處。藏曰。山河大地與上座自[A10]己。是同是別。師曰別。藏竪起兩指。師曰同。藏又竪起兩指。便起去。雪霽辭去。藏門送之。問曰。上座尋常說三界惟心。萬法惟識。乃指庭下片石曰。且道此石在心內。在心外。師曰。在心內。藏曰。行脚人著甚麼來由。安片石在心頭。師窘無以對。即放包依席下求決擇。近一月餘日。呈見解說道理。藏語之曰。佛法不恁麼。師曰。某甲辭窮理絕也。藏曰。若論佛法。一切現成。師於言下大悟。——《指月錄卷之二十二 六祖下第九世 金陵清涼院文益禪師》



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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