„Die drei Welten existieren nur im Geist“ ——Das Koan zum Luohan Guichen (867–928)

——Beitragsreihe: Wie kam der Buddhismus nach China?

——Beitragsreihe: Die Koans zur Geschichte des Zen-Buddhismus

Die Verfolgung der Buddhisten von 840 bis 846 durch Kaiser Wuzong, den „kriegerischen Ahnen“, war ein vernichtender Schlag für die meisten buddhistischen Schulen jener Zeit. Viele bedeutende Schriften gingen verloren, und Klöster wurden zerstört. Nach dem Tod des „kriegerischen Ahnen“ wurde sein Erlass zur Verfolgung der Buddhisten zwar aufgehoben, doch die buddhistischen Gemeinschaften standen vor der gewaltigen Aufgabe des Wiederaufbaus. Einerseits erkannten sie, wie stark ihr Schicksal von der Gunst der politischen Machthaber abhing, andererseits mussten sie ihr Ansehen in der breiten Bevölkerung wiederherstellen, um Unterstützung zu gewinnen.

Sowohl die Yunmen- als auch die Fayan-Schule entstanden in dieser Zeit und passten ihre Ausrichtung den veränderten Gegebenheiten an. Die Fayan-Schule war von Beginn an geprägt durch die bescheidene und disziplinierte Praxis ihres Wegbereiters Xuansha Shibei, des „Lehrwürdigen vom mystischen Sand“. Auch sein Nachfolger Luohan Guichen (867–928), das „Juwel des Heiligen“, lebte und lehrte in ähnlicher Weise. Beide wurden für ihre unermüdliche Hingabe an die Lehre geschätzt. Aus der Schülerschaft dieses „Juwels“ ging schließlich der Gründer der Fayan-Schule hervor.

Doch wer war dieses „Juwel“?

Das „Juwel“ war der Sohn der Familie Li aus dem Kreis Changshan (in der heutigen Provinz Zhejiang). Bereits als Kind war er bemerkenswert: Er aß täglich nur eine fleischlose Mahlzeit. Nachdem er das Erwachsenenalter erreicht hatte, trat er in den Dienst von Meister Wuxiang, dem „Formlosen“, im Wanshui-Kloster der Präfektur und ließ sich zum Mönch ordinieren. Er nahm die Mönchsregeln an und vertiefte sich in das Vinaya, die Schriften zu den Mönchsregeln.

Eines Tages bestieg er das Podium, um der Gemeinschaft die Grundlagen der Mönchsregeln und die Praxis des Uposatha (Reinigung und Rezitation der Mönchsregeln) zu verkünden. Darauf sagte er:

„Die Einhaltung der Mönchsregeln besteht lediglich darin, den Körper zu zügeln. Sich allein auf diese Schriften zu verlassen – wie könnte das zur heiligen Weisheit führen?“

Daraufhin begann er, die Lehrer der südlichen Schule, der Zen- oder Chan-Schule, aufzusuchen. Zunächst besuchte er Meister Yunju, den „Wolkenbewohner“, und Xuefeng, den „von Schneeberg“. Doch er fand dort keine tiefere Einsicht. Später traf er auf Xuansha Shibei, den „Lehrwürdigen vom mystischen Sand“, dessen Worte ihn erleuchteten und seine Zweifel beseitigten.

Der Lehrwürdige fragte ihn: „Die drei Welten (formlose, formhafte und begierdehafte Daseinsbereiche) existieren nur im Geist. Wie verstehst du das?“

Der Juwel zeigte auf einen Stuhl und fragte: „Meister, wie nennt Ihr dies?“
Der Lehrwürdige: „Einen Stuhl.“
Der Juwel: „Meister, Ihr versteht die Lehre, dass die drei Welten nur im Geist existieren, nicht?“
Der Lehrwürdige: „Ich nenne dies Bambusholz. Was nennst du es?“
Der Juwel: „Auch ich nenne es Bambusholz.“
Der Lehrwürdige: „Die ganze Welt hindurch sucht man vergeblich nach jemandem, der wirklich die buddhistische Lehre versteht.“

Von diesem Moment an bemühte sich der Juwel noch eifriger in seiner Praxis. Eines Abends war er beim Lehrwürdigen und sprach mit ihm in dessen Abtgemach. Es wurde spät, und der Diener schloss die Tür.

Der Lehrwürdige sagte: „Die Tür ist schon verschlossen. Wie willst du hinausgehen?“
Der Juwel erwiderte: „Was nennt Ihr ‚Tür‘?“[1]

Ein zentrales Merkmal der Koans der Fayan-Schule ist das Konzept „Alles ist Geist“. Dieses Konzept basiert auf der Lehre der Vijnanavada-Schule, auch bekannt als Cittamatra oder Yogacara, die im Maha-Buddhismus als „Nur-Geist-Schule“ bezeichnet wird. Diese Lehre besagt, dass alle wahrnehmbaren Phänomene nur im Geist existieren und daher keine eigene, unabhängige Substanz besitzen. Alle Wahrnehmungen sind demnach bloße Projektionen des Geistes.

In China gab es eine eigene Schule, die sich intensiv mit den Schriften dieser Lehre beschäftigte. Diese sogenannte „Phänomen-Erscheinung-Nur-Bewusstsein-Schule“ verschwand jedoch nach der Zerstörung ihrer Schriften während der Buddhistenverfolgungen.

Das Konzept des „Nur-Geistes“ beeinflusste auch die Zen- und Chan-Schule, was in den früheren Koans noch nicht deutlich zu erkennen war. Dies ist jedoch nicht überraschend, da der Begründer der Zen- und Chan-Schule, Bodhidharma (?-536), das Lankavatara Sutra als Lehrgrundlage überlieferte. Diese Schrift ist ein zentrales Werk der „Nur-Geist-Schule“.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung und seiner unermüdlichen Auseinandersetzung mit der Lehre erhielt der Juwel schließlich die wahre Transmission der Lehre vom Lehrwürdigen und wurde einer seiner Dharma-Nachfolger. Nach dieser Übertragung zog er sich zurück, um im Verborgenen seine spirituelle Praxis zu vertiefen. Dennoch wuchs sein Einfluss, und sein Ruf verbreitete sich weit. Der Präfekt der Region Zhangzhou ließ am Westlichen Shishan-Berg im Staat Min (heutige Provinz Fujian) eine Meditationshalle errichten, die den Namen Dizang-Kloster (Kṣitigarbha-Kloster) erhielt, und lud Meister Juwel ein, dort zu residieren und seine Lehre zu verbreiten.

Nach mehr als zehn Jahren im Dizang-Kloster zog der Juwel in das Luohan-Kloster, das „Kloster der Heiligen“ um. Dank seines tiefgründigen Wissens und seiner Bemühungen hatte die von Gui Chen verbreitete Lehre immer größeren Einfluss. Die Menschen ehrten ihn mit dem Titel „Luohan Gui Chen“, „das Juwel des Heiligen-Klosters“. Das „Heiligen-Kloster“ war zu dieser Zeit in einem desolaten Zustand: zerfallene Mauern und baufällige Gebäude machten die Lebensbedingungen äußerst schwierig. Doch Meister Juwel blieb ruhig und gelassen, kümmerte sich nicht um die äußeren Umstände und setzte sein Werk der Verbreitung der Zen- oder Chan-Lehre fort.

Innerhalb weniger Jahre kamen immer mehr Schüler aus dem Norden und Süden. Zu seinen berühmtesten Schülern zählte unter anderem Fayan Wenyi (885–958), „der Weisheitsgewinn des Dharma-Auges“, der die Fayan-Schule gründete. Im nächsten Beitrag geht es um diesen „Weisheitsgewinn“.


Organigramm zur Genealogie der Gründer der fünf Schulen


<<<„Dieser Körper ist nicht wirklich. Woher kommt also der Schmerz?“ ——Die Koans zum Xuansha Shibei (835-908)

„Warum aber trägt der Pilger einen großen Stein im Herzen? ——Das Koan zum Fayan Wenyi (885-958)„>>>


[1] 常山李氏子。為兒童時。日一素食。既冠。事本府萬歲寺無相大師披削。登戒學毗尼。一日為眾陞臺。宣戒本布薩已。乃曰。持戒但律身而已。依文作解。豈發聖智乎。於是訪南宗。初謁雲居雪峰。猶未有所見。後造玄沙。一言啟發。廓爾無惑 沙問。三界惟心。汝作麼生會。師指椅子曰。和尚喚這個作甚麼。曰椅子。師曰。和尚不會三界惟心。曰我喚這個作竹木。汝喚作甚麼。師曰。桂琛亦喚作竹木。曰盡大地覔一個會佛法底人不可得。師自爾愈加激勵 師侍沙在方丈說話。夜深。侍者閉却門。沙曰。門總閉了。汝作麼生得出去。師曰。喚甚麼作門。——《指月錄卷之二十一 六祖下第八世 漳州羅漢院桂琛禪師》



Kategorien:Buddhismus, Chan- (Zen-) Buddhismus, Koan/Gong-An

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